Altöttinger Liebfrauenbote

Gemeinsames Reformationsgedenken: Ökumenische Gottesdienste in Altötting und Passau

Gemeinsam weitergehen

"Ja, es gibt eine Ökumene der Herzen", bekannten kürzlich der Vorsitzende der Deutschen katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in einem offenen Brief zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober in der Wochenzeitung "Die Zeit". "Und mit diesem Rückenwind der Ökumene verpflichten wir uns, gemeinsam weiterzugehen", schrieben sie weiter. Das Jahr 2017 stand ganz im Zeichen des Gedenkens an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren. Gemeinsam weitergehen wollen die Christen der beiden Konfessionen auch in Altötting und Passau, wie zwei ökumenische Gottesdienste verdeutlichten.

Ökumenischer Wortgottesdienst in Stiftspfarrkirche: Vorne der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma und Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl.
Ökumenischer Wortgottesdienst in Stiftspfarrkirche: Vorne (v.l.) der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma und Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl.

Ein Zeichen setzen für gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Überzeugung in der Tradition des anderen und Dialogbereitschaft: Am Reformationstag, 31. Oktober, heuer anlässlich des 500. Jubiläums erstmals gesetzlicher Feiertag, haben sich viele katholische wie evangelische Christen in der Altöttinger Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus versammelt, um gemeinsam mit Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl und Pfarrer Hans-Ulrich Thoma (Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde) einen Wortgottesdienst zu feiern. Prälat Mandl empfahl, im besonderen Reformations-Jubiläumsjahr zu "suchen was den Frieden schafft".

Prälat Mandl resümierte angesichts des Reformationsjubiläums: Widrige politische Umstände hätten zur Spaltung der Kirche und letztendlich zum Dreißigjährigen Krieg geführt. Die Stimmung unter den Christen sei bis ins 20. Jahrhundert "vergiftet" gewesen, bis das II. Vatikanische Konzil ein "Umdenken" gebracht habe: Neuevangelisierung als eine Erneuerung der Kirche setze die Bereitschaft gegenseitiger Begegnung und des Dialogs voraus.

Wie die Förderung der Einheit der Christen gelingen könne, erläuterte Prälat Mandl anhand der Geschichte über eine Begegnung des hl. Franz von Assisi und der hl. Klara, die Kardinal Kurt Koch als "Ökumene-Beispiel" hervorgehoben hat: Als sich die beiden franziskanischen Ordensheiligen zu einem geistigen Austausch und Gespräch an einem Bach trafen, sei dieser zu breit gewesen, um ans jeweilige andere Ufer zu gelangen. So führte der Weg des hl. Franz und der hl. Klara jeden an seiner Uferseite zurück, bis der Bach immer schmaler wurde und sie diesen bei der Quelle überqueren konnten. Das Fazit: Neuevangelisierung sei, so Mandl, ein Zurückgehen zum Ursprung, zur Quelle, zu Jesus Christus.

In Altötting sieht Mandl ein spirituelles Zentrum des Glaubens insbesondere durch die intensive Eucharistische Anbetung – als Beispiele nannte er den Gebetskreis in der Anbetungskapelle, das Forum der Gemeinschaft Emmanuel und das regelmäßige Jugendtreffen Nightfire in St. Konrad – und das Gebet der vielen tausend Pilger. Hier sei kirchliche Erneuerung spürbar: "Wer zu Maria geht, bleibt nicht stehen", wie es Mandl mit den Worten Papst Franziskus' ausdrückte.

"Das Kind in dir muss Heimat spüren", dieses Buch der Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl machte Pfarrer Hans-Ulrich Thoma zum Grundgedanken seiner Predigtworte, insbesondere was tiefe Ängste und Glaubensfragen betrifft. Ängste habe auch Jesus Christus selber auf seinem irdischen Weg bis zum Tod am Kreuz erfahren. Im "geängstigten Christus am Kreuz" offenbare sich die ungebrochene Liebe Gottes zu uns Menschen. Ökumene bedeute – im Blick auf den Gekreuzigten – unseren Einsatz mit Vernunft, Herz und Verstand für den Frieden Gottes in der Welt.

"Ökumenische Imperative"

Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl und der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma am Altar – davor fünf symbolische Kerzen.
Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl (r.) und der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma am Altar – davor fünf symbolische Kerzen.

Damit die Gemeinschaft wachsen könne, wurden im Gottesdienst "Fünf ökumenische Imperative" aus dem Dialogdokument "Vom Konflikt zur Gemeinschaft" für ein gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017 vorgestellt. Symbolisch dazu wurde jeweils vor dem Volksaltar eine Kerze entzündet.

Die Imperative lauten:
1) Katholiken und Lutheraner sollen immer von der Perspektive der Einheit und nicht von der Perspektive der Spaltung ausgehen, um das zu stärken, was sie gemeinsam haben, auch wenn es viel leichter ist, die Unterschiede zu sehen und zu erfahren.
2) Lutheraner und Katholiken müssen sich selbst ständig durch die Begegnung mit dem Anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens verändern lassen.
3) Katholiken und Lutheraner sollen sich erneut dazu verpflichten, die sichtbare Einheit zu suchen, sie sollen gemeinsam erarbeiten, welche konkreten Schritte das bedeutet, und sie sollen immer neu nach diesem Ziel streben.
4) Lutheraner und Katholiken müssen gemeinsam die Kraft des Evangeliums Jesu Christi für unsere Zeit wiederentdecken.
5) Katholiken und Lutheraner sollen in der Verkündigung und im Dienst an der Welt zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen.

Im Anschluss an den Wortgottesdienst gab es in der Vorhalle zum Romanischen Portal der Stiftspfarrkirche sowohl für Katholiken als auch Lutheraner die Möglichkeit der ökumenischen Begegnung – was gerne angenommen wurde.

Text und Fotos: Roswitha Dorfner

Ökumenischer Abendmahlgottesdienst mit Bischof Oster und Dekan Bub in Passau

Bischof Stefan Oster während seiner Predigt in der ev. Matthäuskirche von Passau. Vorne rechts Dekan Wolfgang Bub.
Bischof Stefan Oster während seiner Predigt in der ev. Matthäuskirche von Passau. Vorne rechts Dekan Wolfgang Bub.

Gemeinsam haben der evangelische Dekan Dr. Wolfgang Bub und Diözesanbischof Dr. Stefan Oster SDB das Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 in einem Abendmahlgottesdienst in der ev.-luth. Matthäuskirche von Passau gefeiert, zu dem mehrere hundert Gläubige gekommen waren. Der Reformationstag sei für evangelische Christen in diesem Jahr "im Blick auf unsere Identität ein ganz besonderer Tag", sagte Dekan Dr. Bub. Dass das Reformationsjahr mit einem Gottesdienst endet, an dem der katholische Bischof predigt, ist für ihn ein "starkes ökumenisches Zeichen." Und das war es auch für Bischof Oster, der als erster katholischer Oberhirte in der Matthäuskirche an den Ambo trat und zu den Gläubigen über "Jesus Christus als die Mitte unseres Glaubens" sprach.

Das Resümee des einjährigen Ökumene-Jahres fällt für beide Christen durchaus positiv aus: "Ich freue mich sehr, dass es vielfach gelungen ist, die Mitte unseres Glaubens nämlich Christus in den Blick zu nehmen. Wir haben einen sehr schönen, guten gemeinsamen Weg in vielen Begegnungen und Veranstaltungen feiern können", so Bischof Oster. Ökumene und gemeinsamer Glaubensdialog brauchen viele Begegnungen, davon ist Dekan Dr. Bub überzeugt. "Wir feiern nicht gegen jemanden, sondern in der Hoffnung auf das eine Evangelium zu hören und zu spüren, was uns verbindet", so der Dekan weiter. Genau deshalb "darf und muss der gemeinsame Weg weitergehen", so Oster und es müssten noch weitere Fragen beantwortet werden. "Martin Luther hat ja die große Entdeckung für sich gemacht: Rechtfertigung allein aus Glauben. Was heißt das heute? Wie verstehen wir das als Gläubige beider Konfessionen? Und was folgt daraus für unser Kirchenverständnis, unser Bibelverständnis oder unser Menschenbild? Darüber werden wir auch in Zukunft weiter im Gespräch bleiben."

Dass Bischof Oster als erster katholischer Bischof in der Matthäuskirche predigen durfte, war für ihn eine große Freude und eine "Würdigung und Ehre. Zumal ich weiß, dass unsere evangelischen Geschwister sehr viel Wert auf qualitätsvolle Predigten legen und viel Zeit in Predigt-Ausbildung und Bibelstudium investieren." Nach dem Gottesdienst feierten die Christen beider Konfessionen in einem Stehempfang.

Text und Foto: pbp