Altöttinger Liebfrauenbote
Blick in die Wallfahrtskirche "Mariä Heimsuchung" in Nußdorf.
Blick in die Wallfahrtskirche "Mariä Heimsuchung" in Nußdorf.

Im oberbayrischen Nußdorf kümmert sich ein Einsiedler um die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung

Ein Eremit unter Leuten

Rot, braun, grün, gelb, orange, dazu Zwischentöne ohne Ende. Im Inntal hat der Herbst die Wälder in ein buntes Farbenmeer verwandelt. Mittendrin ruht die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung. Daneben streckt sich die Klause von Bruder Clemens, der hoch über dem oberbayrischen Nußdorf zuhause ist. Bruder Clemens ist Benediktiner und einer der letzten Eremiten im Inntal. Einer, der viel Lebensfreude ausstrahlt. Sehr gerne empfängt er den Gast, nur Fotos will er von sich keine sehen; außerdem möchte er auch keine Lobeshymnen über sich und seine Arbeit lesen.

Die kunstvoll gefertigten Schlüssel.
Die kunstvoll gefertigten Schlüssel.

Zwei riesige Schlüssel hält er in den Händen. Die Schlüssel zur Kirche im Kirchwald, der seinen Namen dem Holzeinschlag verdankt, der mit zum Unterhalt des 1630 gegründeten Pfarrvikariats Nußdorf beiträgt. Bruder Clemens ist Mesner der Wallfahrtskirche am Nordhang des Heubergs, dem Hausberg der Nußdorfer. Kleine Marterln begleiten den Wanderer bergauf, Bilder mit den 15 Rosenkranzgeheimnissen oder mit den 14 Kreuzwegstationen. Perlen der Volkskunst sind das, die während des zum Teil steilen Aufstiegs zum Innehalten laden.

Bruder Clemens, der als 20-Jähriger in den Benediktinerorden eintrat, ist seit 2013 im Kirchwald zuhause, freigestellt von seinem Orden in Schweiklberg bei Vilshofen. "Es muss jemand da sein, Herr, wenn du kommst", war sein Credo, als er in die längere Zeit leer gestandene Klause einzog und damit eine alte Tradition hoch über Nußdorf neu beseelte. Im Garten seiner Klause hat er ein paar Bienenstöcke aufgestellt. Deren Honig verkauft er, das Wachs zieht er zu Kerzen, die man bei ihm bestellen kann. So schlägt er sich wie viele seiner Vorgänger durchs Leben, die im Kirchwald nicht nur beteten, sondern auch Uhren und Spinnräder reparierten oder Blumen züchteten.

"... in Lob und Diensten Jesu und Mariae ..."

Gnadenbild.
Gnadenbild.
Die Kirche "Mariä Heimsuchung" in Nußdorf. Daneben ...
Die Kirche "Mariä Heimsuchung" in Nußdorf. Daneben ...
... die Klause mit Bienenstöcken.
... die Klause mit Bienenstöcken.

Mitte des 17. Jahrhunderts hatte es einen tschechischen Tuchmachergesellen erstmals in die Berge des Inntals verschlagen. Als Sohn reformierter Eltern war er nach Rom gewandert, wo er zum katholischen Glauben konvertierte und mit einem Marienbild, das ihm angeblich ein römischer Kardinal schenkte, auf Reisen ging. In großer Lebensgefahr gelobte er mitten im Dreißigjährigen Krieg, ein Gott geweihtes Leben zu führen, entweder in einem Kloster oder in einer "Ainödten mit betten und geistlichen betrachtungen (...) in Lob und Diensten Jesu und Mariae ...".

In einer Felshöhle über Nußdorf fand er diesen Platz, wo er sich 1644 mit seinem Marienbild in unzugänglichem Gelände schließlich niederließ. "Quarantan" nannte er den Ort, "Berg der Versuchung" – in Erinnerung an einen Berg bei Jericho, der immer wieder mit den Versuchungen Jesu in der Wüste in Verbindung gebracht wurde und deshalb gern von Eremiten bewohnt war. Neben seine Höhle stellte der Einsiedler sein Marienbild in eine Holzkapelle. Zudem verhalf er einer benachbarten Quelle zu großem Zulauf, deren Wasser der Einsiedler für manches heilende Wunder verantwortlich erklärte.

Das Gnadenbild – vermutlich eine rumänische Arbeit, wie Bruder Clemens im Gespräch mit Ikonenexperten herausgefunden haben will – und der Heilbrunnen bescherten Nußdorf einen ersten Wallfahrtsboom. Schon bald mauerte man deshalb auf einer gerodeten Waldfläche oberhalb der Eremitage ein neues Marienheiligtum, das Anfang des 18. Jahrhunderts durch die heutige Kirche ersetzt wurde. Einem spätbarocken Prachtbau, den zum Großteil ein Wirtssohn aus Nußdorf finanzierte: Pater Casimir Weiß, dem sie heute im Dorf einen Brunnen gewidmet haben. 1744 wurden die "drei heiligen Samstage" (die Samstage nach dem Michaelsfest am 29. September) gestiftet, was die Wallfahrt in den Kirchwald weiter beförderte und den Nußdorfern erlaubte, das Kirchlein 1756 mit drei stattlichen Altären und einer Kanzel im Rokokostil auszustatten.

So wie damals mit dem Gnadenbild am Hochaltar präsentiert sich Mariä Heimsuchung noch heute, wo die Gottesmutter und ihr Sohn die Menschen noch immer berührt. Stolz zeigt Bruder Clemens auf den offenen Schuh des Jesuskindes. "Der Kleine hat den vor Freude weggestrampelt", ist er sich sicher. Marianisch sind die Fresken im Gewölbe, populär die Heiligen an den Nebenaltären. Nicht mehr zum Einsatz kommen die Prozessionsstangen mit den bunten Schiffen, die an die Zeiten des Salztransportes auf dem Inn erinnern. Es war die Ära des sogenannten weißen Goldes, das der Region den Wohlstand brachte. Kein Wunder, dass die Salzschiffe in der Wallfahrtskirche von Engeln gesteuert werden, Nepomuk und Nikolaus, der Schifferpatron, mit an Bord sind, und Maria sozusagen als Kapitän ganz oben sitzt.

Mehr als hundert Votivbilder

Votivbild.
Votivbild.
Prozessionsstange mit Innschiff.
Prozessionsstange mit Innschiff.

Von der Fürsprache Mariens zeugen auch die mehr als hundert Votivbilder. Große und kleine Tafeln, die von der Gesundung nach schweren Krankheiten erzählen, von der Erhörung manchen Kinderwunsches, aber auch von wundersamen Errettungen aus Berg- und Kriegsnöten. Dazwischen hängt der Ablassbrief des Papstes, der die Wallfahrer an den heiligen Samstagen 1790 mit einem Ablass, dem zeitlichen Erlass von Sündenstrafen, belohnte. Mancher Wallfahrer, weiß Bruder Clemens, lässt noch heute seine Sorgen und Probleme auf dem Berg – aber auch seine Hoffnungen. Offiziell hat er keine Sprechstunden, doch für Menschen in Not immer ein offenes Ohr. Zuhause in der großen Klause allerdings, die lange Zeit als Schulhaus diente, weil man den Nußdorfer Klausnern im 18. Jahrhundert den Schulunterricht zur Pflicht gemacht hatte, ist Bruder Clemens nicht immer.

Mittags treffen wir ihn unten im Dorf bei der Kirchweih. "Kirtag" heißt das Fest hier nahe der Tiroler Grenze. Sankt Vitus, eine der beiden Jahrhunderte alten Dorfkirchen, ist zur Feier festlich beflaggt. Die Trachtler sitzen am Stammtisch, viele auch im Biergarten. Die Jüngsten vergnügen sich auf der "Kirta-Hutschn", einer riesigen Schaukel. Kaffee und frisches Schmalzgebäck gibt es – und natürlich bayrisches Bier, das für manche Seelen wie Balsam wirkt. Es ist der Ort, an dem sich Bruder Clemens offensichtlich auch wohlfühlt. "Denn auch ein Eremit", hat er uns am Vormittag in der Wallfahrtskirche auf dem Berg verraten, "kann nicht ohne Beziehung zu den Menschen leben".

Text und Fotos: Günter Schenk