Altöttinger Liebfrauenbote

Spaniens ungewöhnlichste Tafeln für Bedürftige – eine christliche Initiative

Der Engel und Robin Hood

"Für mich ist es eine Art, einen Beitrag zu leisten", sagt José María Martín, Anwalt für Arbeitsrecht in Madrid. Und macht sich begeistert an die Vorspeise. Gemeinsam mit seinem Kollegen Rafael Ortiz kommt er einmal pro Woche zum Mittagessen ins Restaurant "Robin Hood" in der Straße Eguilaz Nummer 7 im Madrider Viertel Bilbao. Der Weg aus der Kanzlei führt beide ganz bewusst hierher: Essen nicht nur als Befüllung des eigenen Magens, sondern für den guten Zweck.

Padre Ángel vor dem Madrider Restaurant "Robin Hood" in der Straße Nuncio 19.
Padre Ángel vor dem Madrider Restaurant "Robin Hood" in der Straße Nuncio 19.

Im "Robin Hood" herrscht alles andere als Juristenchic oder anderweitiger Luxus. Die Küche ist einfach und bodenständig. Das dreigängige Werktagsmenü kostet elf Euro. José María und Rafael wissen, dass Stunden später Obdachlose an ihrem Tisch sitzen werden. Und kostenlos essen. Das, was über Tag und die normale Kundschaft in die Kasse kommt, fließt abends in ein Hilfsprojekt ungewöhnlicher Tafeln: die Restaurants "Robin Hood". Zwei davon gibt es bereits in Spaniens Hauptstadt, ein weiteres in Toledo. "Demnächst werden wir ein drittes in Madrid eröffnen und ein nächstes in Ciudad Real", verrät Padre Ángel, der Initiator und Motor des Projekts, im Interview mit unserer Zeitung.

"In Würde essen"

Die Gäste des Mittagsmenüs im "Robin-Hood" finanzieren die Essen für die Obdachlosen am Abend.
Die Gäste des Mittagsmenüs im "Robin-Hood" finanzieren die Essen für die Obdachlosen am Abend.

Wenn einer im heutigen Spanien im Ruf steht, so etwas wie ein Volksheiliger zu Lebzeiten zu sein, dann ist es Padre Ángel, der mit bürgerlichem Namen Ángel García Rodríguez heißt und in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat. 1962 war er Mitbegründer der christlichen Hilfsorganisation "Mensajeros de la Paz", was "Boten des Friedens" bedeutet. Die gemeinnützige Organisation ist mittlerweile in 50 Ländern aktiv. Dass viel vor der eigenen Haustür in Spanien zu tun bleibt, weiß kaum jemand besser als Padre Ángel. Die Kirche San Antón in der Hortaleza-Straße hält er auch über Nacht für Obdachlose offen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sprüht Padre Ángel vor Ideen. Ihm ist das Konzept von "Robin Hood" zu verdanken. "Wir wollten nichts, was mit Plastikbesteck zu tun hat oder mit Plastikbechern", holt er bei den Ansätzen aus. Richtige Restaurants, keine abgeschotteten Stellen sollten es bei der Verköstigung sein. Mit richtigem Besteck, richtigen Tellern, richtigen Gläsern. "Damit die, die nichts haben, in Würde essen können", so Padre Ángel. Er gewann einen Geschäftsmann als Unterstützer, was Padre Ángel zufolge "überhaupt nicht schwer war". Dabei verschweigt er, dass er selber ein solches Charisma ausstrahlt, das er gerade mit seiner bescheidenen Art erreicht. So kann man ihm schwer einen Wunsch abschlagen. Auf die Frage, ob es ein christliches Leitmotiv bei "Robin Hood" gibt, schießt er spontan hervor: "Teilen. Man muss wissen, was teilen bedeutet. So sagt es auch Papst Franziskus."

100 Abendmenüs für Obdachlose

"Normale" Gäste von Restaurantleiter Manuel Serrano Montero.
"Normale" Gäste von Restaurantleiter Manuel Serrano Montero (r.): die Anwälte José María Martín (M.) und Rafael Ortiz (l.).

Wenn das bis 17 Uhr laufende Tagesgeschäft im "Robin Hood" in der Eguilaz-Straße vorbei ist, begibt sich das Team aus freiwilligen Helfern ans Werk, um allabendlich 100 Menüs für Obdachlose vorzubereiten. Heute gibt es Linseneintopf als Vorspeise, Kartoffelomelette mit Salat als Hauptgang, danach Obst. Die einzigen Unterschiede zu den Menügästen am Mittag erklärt Manuel Serrano Montero, allgemeiner Leiter des Betriebs im "Robin Hood": Für die Obdachlosen gibt es bei den Gängen keine Auswahl und nur Wasser statt Wein. Dafür wird reichlich Nachschlag serviert.

"Jetzt gehe ich sauber auf die Straße"

Sie wirken gepflegt und mögen nicht dem Klischee von Obdachlosen entsprechen, sind es aber: Laura Puente Sánchez und Elías Serrouh.
Sie wirken gepflegt und mögen nicht dem Klischee von Obdachlosen entsprechen, sind es aber: Laura Puente Sánchez und Elías Serrouh.

Elías Serrouh, 28, hat Appetit mitgebracht und verdrückt seine dritte Linsenportion. Kürzlich hat er einen Monat auf dem Madrider Flughafen geschlafen, wurde aber immer wieder vom Wachpersonal weggejagt. Mit am Tisch sitzt Laura Puente Sánchez, 38. Sie ist im achten Monat schwanger und seit über einem Jahr obdachlos. Über die Gründe spricht Laura offen und ungeschönt. Drogen und Alkohol ließen sie die Balance und das Vertrauen der Familie verlieren. Sie habe gekokst, Heroin gespritzt, geklaut, sich prostituiert, erzählt sie. Nun gehe es ihr besser. Dank des komplexen Sozialprojekts von Padre Ángel. In der Kirche San Antón werden täglich 200 Frühstücke ausgegeben, sagt er. Zudem ist für Körperhygiene und frisch gewaschene Wäsche gesorgt. "Jetzt gehe ich sauber auf die Straße", sagt Laura. Erst wenn man tief unten gelandet sei, wisse man selbst kleinste, sonst selbstverständliche Dinge zu schätzen. Zum Beispiel eine Dusche. Oder das tägliche Brot. "Schau", sagt sie und drückt auf das Baguettestück neben ihrem Teller: "Dieses Brot hier ist frisch. Oft habe ich hartes Brot gegessen und all das, was die Leute weggeworfen hatten."

Mit einem Rucksack nach Madrid

Sind erst kürzlich in Madrid angekommen: Jenniffer Muñoz und ihr algerischer Freund Mourad Taguemouñt.
Sind erst kürzlich in Madrid angekommen: Jenniffer Muñoz und ihr algerischer Freund Mourad Taguemouñt.

Am Tisch gegenüber sitzen Jenniffer Muñoz, 27, und ihr algerischer Freund Mourad Taguemouñt, 37. Seit sieben Jahren sind sie zusammen und heute erstmals im "Robin Hood". Vor einer Woche sind sie in Madrid eingetroffen – mit einem Rucksack für beide. Sie sind froh, dass ihnen die Kirche San Antón ein Dach über dem Kopf gibt. "Da schlafen wir auf Matratzen und unter Decken", sagt Jenniffer. Gekommen sind sie aus der andalusischen Stadt Granada, wo sie sich über Jahre mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatten und bei Jenniffers Mutter wohnten. "In Granada ist die Arbeitslosigkeit aber so hoch, es gibt keine Hilfe vom Staat. Nun versuchen wir es hier in Madrid", sagt Jenniffer. Ihr Freund hat auf dem Bau, als Gärtner und Klempner gearbeitet. Und sie als Küchenhilfe und Kellnerin. Nun sind sie auf Arbeitssuche. Ob dem Paar, das so aufgeschlossen und fleißig wirkt, jemand eine Chance gibt? Für einen potenziellen Arbeitgeber ist die Sache nicht einfach. "Wir haben nichts", räumt Jenniffer ein, "keinen festen Wohnsitz, nicht einmal ein Bankkonto."

"Weil ich zu viel Freizeit habe und etwas Sinnvolles damit tun will"

Miguel, ein Freiwilliger, hilft bei der Essensverteilung mit.
Miguel, ein Freiwilliger, hilft bei der Essensverteilung mit.

Die Aufnahme von Obdachlosen durch die Kirche ist eine, die Unterstützung der Initiative durch ehrenamtliche Helfer eine andere Sache. Dass Padre Ángel für seine Obdachlosenhilfe samt den Restaurants "Robin Hood" mittlerweile ein Pool aus 150 Freiwilligen zur Verfügung steht, erfülle ihn "mit Stolz", wie er sagt.

Miguel ist einer der Freiwilligen und steht im "Robin Hood" in der Eguilaz-Straße bei der Verteilung auf die Teller in Aktion. Warum? Er denkt kurz nach und antwortet: "Weil ich zu viel Freizeit habe und etwas Sinnvolles damit tun will." Im anderen "Robin Hood" in der historischen Altstadt, Nuncio-Straße Nummer 19, ist Leandro seit einigen Wochen dabei. Im normalen Arbeitsleben leitet er ein Kulturzentrum. Er kannte die Arbeit von Padre Ángel und wollte "einfach mithelfen". Dagegen wartet Marisol Fernández sehnsüchtig auf ihren Premiereneinsatz. Sie, die heute im "Robin Hood" im Viertel Bilbao zu Mittag gegessen hat, hatte sich vor einiger Zeit für den Freiwilligendienst gemeldet und ihre Daten hinterlassen. "Bisher hat mich niemand kontaktiert. Es gibt so viele Freiwillige", weiß sie. Die überwältigende Resonanz wundert sie nicht. Der Grund: Padre Ángel, dessen Name auf Deutsch "Engel" bedeutet. Und für Marisol ist er genau das: "Ein Engel."

Text und Fotos: Andreas Drouve