Altöttinger Liebfrauenbote

Kurienkardinal Kurt Koch hält Vortrag in Altötting

"Die Ökumene lebt"

Einen Tag zuvor war er noch mit Papst Franziskus in Ägypten, am 30. April hat Kurienkardinal Kurt Koch in Altötting einen Vortrag "Zur Situation der Ökumene heute" gehalten. Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, der am 1. Mai die Wallfahrtssaison in Altötting offiziell eröffnete, erklärte in der Stiftspfarrkirche: Die Herausforderungen in der Ökumene sind vielfältig, doch der Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den christlichen Konfessionen geht voran. Und das müsse er auch, auch das machte der Kardinal deutlich, denn: Die Christenverfolgung nimmt zu und die Feinde des Christentums unterscheiden nicht zwischen katholisch, evangelisch oder orthodox.

Kurienkardinal Kurt Koch bei seinem Vortrag in der Stiftspfarrkirche.
Kurienkardinal Kurt Koch bei seinem Vortrag in der Stiftspfarrkirche.

"Ich bin überzeugt, dass die Ökumene geht, weil sie lebt", konstatierte Kardinal Koch. Dies zeigte sich auch in der Altöttinger Stiftspfarrkirche, wo Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl u.a. seinen "evangelischen Kollegen" Pfr. Hans-Ulrich Thoma begrüßen durfte und feststellte: "Am Wallfahrtsort funktioniert die Ökumene sehr gut." Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates hatte in seinem rund 45-minütigen Vortrag freilich vor allem die weltweite Ökumene im Blick und die gestaltet sich etwas komplizierter als dies auf lokaler Ebene in Deutschland erscheint, wo unter Ökumene vor allem das Zusammenleben zwischen katholischen und evangelischen Christen verstanden wird. Für Kardinal Koch umso mehr ein Grund für eine kurze Bestandsaufnahme. Keinesfalls dürfe der "fatale Eindruck" entstehen, "als ob Christus selbst geteilt" wäre angesichts der Vielzahl an Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Ausführlich erläuterte Kardinal Koch den Status Quo des Dialogs mit den verschiedenen christlichen Konfessionen, der seit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) weit vorangeschritten sei:

1. Der Streit "um eine adäquate Formulierung des Christusbekenntnisses" seit den Konzilien von Ephesus und Chalkedon im Jahr 451 mit den Orientalisch Orthodoxen Kirchen – zu denen die Armenier, die Äthiopier, die Kopten und die Syrer gehören – habe sich vor allem als ein Sprachproblem erwiesen, das weitgehend ausgeräumt worden sei. Nach wie vor gibt es laut Kardinal Koch noch nicht die volle eucharistische Gemeinschaft; vor allem die Praxis der "Wiedertaufe" (Anm. d. Red.: erneute Taufe bereits getaufter Menschen) in verschiedenen orientalisch-orthodoxen Kirchen stehe einer Einigung im Weg, was sich nach der Ägypten-Reise von Franziskus jedoch ändern dürfte.

2. Ost- und Westkirche hatten sich laut Kardinal Koch bereits lange vor dem auf das Jahr 1054 datierten "Großen Schisma" mehr auseinandergelebt als theologisch zerstritten und gerade weil beide Kirchen "eine große gemeinsame Basis an Glaubensüberzeugungen teilen", stünden "Orthodoxe und Katholiken einander unter allen christlichen Kirchen am nächsten". Derzeit erschweren den Dialog laut Kardinal Koch vor allem Streitigkeiten zwischen den einzelnen orthodoxen Kirchen untereinander, wie etwa der zwischen der russisch-orthodoxen und der über lange Zeit in der Sowjetzeit unterdrückten orthodoxen Kirche in der Ukraine.

Dreiklang: Buße, Dankbarkeit, Hoffnung

Der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma, stellvertretender Wallfahrtsrektor P. Norbert Schlanker, Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl, Kurienkardinal Kurt Koch, Bischof em. Wilhelm Schranl und Dekan Heribert Schauer in der Stiftspfarrkirche.
Der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma (v.l.), stellvertretender Wallfahrtsrektor P. Norbert Schlanker, Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl, Kurienkardinal Kurt Koch, Bischof em. Wilhelm Schranl und Dekan Heribert Schauer in der Stiftspfarrkirche.

3. Mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften verbinde die katholische Kirche mit 1.500 Jahren immerhin die längste gemeinsame Zeit und umso mehr kommt es laut Kardinal Koch darauf an im Dialog vor allem die "Kontinuität mit der gesamten Tradition der universalen Kirche" im Blick zu behalten. Das 500-jährige Reformationsgedenken in diesem Jahr sieht der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates durchaus als Chance, zumindest dann, wenn der von der "Lutherisch/Römisch-Katholischen Kommission für die Einheit" ausgehandelte und im Dokument "From Conflict to Communion" festgehaltene Dreiklang aus Buße (für Kirchenspaltung und blutige Konfessionskriege), Dankbarkeit (für die gegenseitige Annäherung der letzten 50 Jahre) und Hoffnung (auf weitere Schritte der ersehnten Einheit) eingehalten werde.

Die Herausforderungen in der Ökumene aber bleiben vielfältig, auch dies skizzierte Kardinal Koch in seinem Vortrag. Vier Schwierigkeiten hob er dabei hervor:

1. Nach wie vor gebe es so viele verschiedene Zielvorstellungen wie es Konfessionen, Kirchen und Gemeinschaften gebe – unbedingt brauche es heute eine Rückbesinnung darauf, "wohin die ökumenische Reise gehen soll" und eine "gemeinsame Vision".

2. Die "postmoderne Grundannahme", wonach man heute hinter die "Pluralität der Wirklichkeit" nicht mehr zurückgehen könne, stehe dem kirchlichen Einheitsgedanken diametral entgegen. Entgegen des postmodernen Paradigmas der Relativität und Pluralität gilt es laut Kardinal Koch "in liebenswürdiger Hartnäckigkeit die Frage nach der Einheit wach zu halten".

3. Immer mehr entzweien sich die christlichen Konfessionen auch in ethischen Fragen, vor allem in bio- und sozialethischen. Da diese Fragen vor allem das Menschenbild betreffen, ist laut Kardinal Koch die "Erarbeitung einer ökumenisch gemeinsamen christlichen Anthropologie" die nächste große Herausforderung.

4. Immer mehr aus der Reformation hervorgegangene Kirchen und kirchliche Gemeinschaften entstehen, Kardinal Koch hob vor allen die vielen neuen Pfingstkirchen hervor und sprach von einer "Pentekostalisierung (Anm. d. Red.: vom englischen "pentecostal", "pfingstlich") des Christentums". Mit den neuen Dialogpartnern eröffneten sich vor allem neue theologische Probleme, da diese Bewegungen zum Teil Positionen vertreten, die die Katholische Kirche niemals übernehmen könne, wie etwa: Jesus sei arm geworden und mit einem Esel durch Jerusalem geritten, damit die Menschen reich werden und einen Mercedes fahren können. Ein klarer Widerspruch zur katholischen Theologie und erst recht zu der von Papst Franziskus postulierten "Kirche der Armen"; Franziskus hat jedoch laut Kardinal Koch aus seiner Zeit in Lateinamerika sehr gute Kontakte zu den Pfingstkirchen und forciert den Dialog auch in diese Richtung.

"Ökumene der Märtyrer"

Wallfahrtsrektor und Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl und der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma hören Kurienkardinal Kurt Koch zu.
Wallfahrtsrektor und Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl (v.l.) und der evangelische Pfarrer Hans-Ulrich Thoma hören Kurienkardinal Kurt Koch zu.

Auch wenn die Herausforderungen nicht weniger würden, gibt es laut Kardinal Koch zur Ökumene "schlechterdings keine Alternative". Dabei verwies er vor allem auf die zunehmende Christenverfolgung, laut Kardinal Koch "mehr als in den ersten Jahrhunderten". Ausdrücklich sprach er von einer "Ökumene der Märtyrer" und zitierte Papst Franziskus: "Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dann dazu, uns im Leben zu trennen?"

Insbesondere der letzte Punkt berührte laut eigenen Angaben auch Pfr. Ludwig Thoma, der nach dem Vortrag von Prälat Mandl zu einer kurzen Stellungnahme eingeladen wurde. Der evangelische Pfarrer zitierte den von den Nazis ermordeten Märtyrer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945): "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist." Die Skepsis von Kardinal Koch in Bezug auf den Pluralismus in heutiger Zeit teilt Pfr. Thoma jedoch nicht: "Pluralität und Einheit sind in unserem christlichen Glauben kein Gegensatz", stellte er mit Verweis auf die Trinitätslehre von der "Dreieinigkeit Gottes" fest.

Über Kardinal Kochs Schlusssatz jedenfalls dürfte Einigkeit über alle Konfessionsgrenzen hinaus bestehen: "Wenn nämlich in der Ökumenischen Bewegung der Heilige Geist am Werk ist, wäre es Kleinglaube, würden wir diesem Geist nicht zutrauen, dass er das, was er verheißungsvoll begonnen hat, auch zu Ende führen wird – freilich so und zu jener Zeit, wie er will."

Text und Fotos: Michael Glaß