Altöttinger Liebfrauenbote

In der ältesten Druckerei der Welt – das Plantin-Moretus-Museum in Antwerpen

Von der Bibel bis zu Nostradamus

Die nicht immer einfache Beziehung zwischen Autor und Verleger ist so alt wie der Buchdruck. Schon im frühen 16. Jahrhundert schimpfte der Humanist Erasmus von Rotterdam über schlechte Drucker, "für die sogar der Gewinn eines einzigen unglücklichen Goldstücks mehr zählte als die gesamte Literaturwissenschaft". Was der Humanist beklagte, waren häufige Fehler in vielen gedruckten Werken. Gut, dass es Ausnahmen gab.

Blick in die Druckerei, links Letternkästen, rechts Druckpressen.
Hier herrschte einst Hochbetrieb: Blick in die Druckerei, links Letternkästen, rechts Druckpressen.

Die flämische Bücherstadt Antwerpen ist nicht nur Heimat zahlreicher Verlage, Schriftsteller und gut sortierter Buchhandlungen sowie Antiquariate, hier finden auch jährlich zwei Buchmessen statt. Der aufmerksame Spaziergänger kann an manchen Häuserfassaden sogar Gedichte entdecken, die dort in großen Buchstaben geschrieben stehen. Schade, wenn man kein Niederländisch versteht. Die Keimzelle der Bücherstadt ist aber viel älter und für Freunde des gedruckten Buches aus aller Welt ein Muss.

Das Plantin-Moretus-Museum, übrigens das weltweit einzige Museum mit Weltkulturerbe-Status, birgt den komplexen Schatz der ältesten Druckerei der Welt und zeigt ihn in den historischen Räumlichkeiten. Und überall liegen Bücher aus, die hier gedruckt wurden, als Kopien zum Schmökern oder als Originale unter Glas. Das mehrteilige Gebäude umfasst nicht nur die Druckerei mit den weltweit ältesten Druckpressen, die um 1600 hergestellt worden sind, und einer Vielzahl historischer Letternkästen. Es enthält auch die Wohnräume der Familien Plantin und Moretus, die so besitzend wurden, dass sie das gesamte Anwesen im Zentrum der Altstadt Antwerpens einschließlich Werkstatt, Möbeln und aller Bücher 1876 der Stadt zu einem günstigen Preis überlassen konnten. Ein Glücksfall!

Gründer der Officina Plantiniana war der gebürtige Franzose Christoph Plantin, der 1576 am Antwerpener Vrijdagmarkt seinen Betrieb eröffnete, in dem zu Hochphasen 22 Pressen und 80 Mitarbeiter im Einsatz waren. Um es vorwegzunehmen: Er revolutionierte das Druckereiwesen sowohl in technischer als auch in verlegerischer Hinsicht. Und Fehler waren ihm ein Gräuel. Seine Korrektoren und Lektoren waren Gelehrte und Priester. Sie sorgten dafür, dass nicht nur ein Werk mit Sprichwörtern von Erasmus fehlerfrei auf den Markt kam.

Index der katholischen Kirche an der Wand

Blick in ein Buch mit Psalmen, gedruckt bei Plantin-Moretus im Jahre 1713.
Großdruck: Blick in ein Buch mit Psalmen, gedruckt bei Plantin-Moretus im Jahre 1713.
Die Welt, wie Ptolemäus sie sah: Blick in einen Band aus dem Jahr 1486, der zum Bestand des Museums gehört.
Die Welt, wie Ptolemäus sie sah: Blick in einen Band aus dem Jahr 1486, der zum Bestand des Museums gehört.

Plantin veröffentlichte vor allem religiöse und humanistische Werke, aber auch Wörter- und Lehrbücher sowie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entdeckungen. Er unterhielt ein internationales Verteilernetz und bot seine Produkte auf der Frankfurter Buchmesse an. Durch kleine, kostengünstige Ausgaben, die Plantin herausgab, ebnete er einer größeren Verbreitung der Schriften den Weg. Und er verkaufte in seinem eigenen Laden auch 'in albis', also ungebundene Bücher. Dort hängt noch heute der im 16. Jahrhundert von der katholischen Kirche aufgestellte Index verbotener Bücher. Selbst Schriften, die der Katholik Plantin herausgegeben hatte, finden sich darauf.

Der Antwerpener Drucker und Verleger war jedoch nicht nur geschäftstüchtig, er war auch zutiefst überzeugt von der Bedeutung der Bildung und der Wissensvermittlung. Das Haus von Christoph Plantin wurde zum Treffpunkt der Gelehrten. Zeitweilig lebte und arbeitete sogar Flanderns bedeutendster Philosoph dort, Justus Lipsius. Plantin war auch einer der ganz wenigen, die Texte mit fremdsprachlichen Lettern drucken konnten. Er stellte nur Setzer ein, die des Lesens und Schreibens mächtig waren. Bei seinem Schaffen kam Plantin entgegen, dass die Handelsstadt Antwerpen damals ein kosmopolitischer Ort war.

Wer sich in den nicht weniger als 35 Museumsräumen in die Bücher vertieft, kann wunderschöne Entdeckungen machen, ganz ohne spezielle Sprachkenntnisse, etwa auf den aufwändig gestalteten Doppelseiten aus Atlanten von Ptolemäus und Abraham Ortelius – einschließlich pustender Engel an den Bildrändern. Der Antwerpener Ortelius gilt als Erfinder des modernen Atlas', stellte er doch 1579 erstmalig Karten aller bekannten Länder und Regionen im selben Format zusammen. Gedruckt wurde der Atlas natürlich von Plantin.

Wunderschöne Entdeckungen

Viel zu entdecken: Eine Besucherin vertieft sich in die Lektüre.
Viel zu entdecken: Eine Besucherin vertieft sich in die Lektüre.

Viel zu sehen gibt es auch in den reich bebilderten Pflanzen- und Kräuterbüchern von Rembert Dodoens. Der flämische Arzt legte mit seinen Veröffentlichungen im 16. Jahrhundert einen Grundstein für die Botanik. Groß in Mode waren seinerzeit so genannte Ensemblebücher, in denen Texte und Bilder zu Andachtszwecken kombiniert waren. Manche Buchillustration stammt von einem berühmten Freund des Hauses: Peter Paul Rubens.

Es gab auch damals schon Ratgeberliteratur. So erfährt man etwa im Buch "Les Secrets", wie man ein Pferdemittel gegen Wanzen anfertigt oder wie man am besten Tinte mischt. Von dem berühmten Apotheker und Astrologen Nostradamus verlegte Plantin eine Schrift über Heilmittel und Kosmetika. Jan van Marconville schrieb "Vom Glück und Unglück der Ehe", während Juan Luis Vives in seinem Werk "Die Erziehung der christlichen Frau" forderte, sich für den Unterricht von Mädchen zu engagieren, einschließlich der Lektüre der Bibel und der antiken Dichter. Das stand im Gegensatz zu der im 16. Jahrhundert noch weit verbreiteten Auffassung, Lesen sei für einfache Menschen und Frauen schädlich. Nur Ritterromane sollten sie besser meiden, empfahl Vives.

Das bedeutendste Werk aus der Produktion Plantins ist aber die Biblia Regia, eine mehrsprachige Bibel in acht Bänden, die den Text parallel in fünf Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Altsyrisch und Aramäisch) enthält: 48 Kilo schwer. König Philipp II. unterstützte dieses fünf Jahre währende Projekt. Koordiniert wurde es vom spanischen Theologen Benedictus Montanus, der den Herausgeber lobte: "Christoffel Plantin ist zu Recht für seine Buchdruckkunst berühmt, die alle anderen Künste zum Leben erweckt" – und dem Fehlerteufel den Garaus machte.

Text und Fotos: Ulrich Traub

Plantin-Moretus-Museum; Vrijdagmarkt 22, Antwerpen; montags geschlossen; Eintritt 8 €; Internet: www.museumplantinmoretus.be/de

Impressionen

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Die um 1600 hergestellten ältesten Druckpressen der Welt.
Die um 1600 hergestellten ältesten Druckpressen der Welt.
Blick auf das Hauptgebäude des Museums am Vrijdagmarkt.
Repräsentativ: das Hauptgebäude am Vrijdagmarkt.
Blick auf einen Korrekturbogen mit angestrichenen Fehlern: Verleger und Druckereibetreiber Plantin legte Wert auf größtmögliche Sorgfalt.
Blick auf einen Korrekturbogen mit angestrichenen Fehlern: Verleger und Druckereibetreiber Plantin legte Wert auf größtmögliche Sorgfalt.
Christoph Plantin, gemalt von Peter Paul Rubens.
Christoph Plantin, gemalt von Peter Paul Rubens.
Wie in vergangenen Zeiten: Nach dem Einlegen werden die Lettern mit schwarzer Farbe bestrichen.
Wie in vergangenen Zeiten: Nach dem Einlegen werden die Lettern mit schwarzer Farbe bestrichen.
Blick in einen Letternkasten, hier mit besonders großen Buchstaben.
Mehr Buchstaben als beim Scrabbeln: Blick in einen Letternkasten, hier mit besonders großen Buchstaben.