Altöttinger Liebfrauenbote

25 Jahre Museum für Sepulkralkultur in Kassel

Historisch und humorvoll

Es gibt zwei entscheidende Impulse für die Fortentwicklung der Kultur: Die Liebe – und den Tod. Um letzteren kümmert sich das vor 25 Jahren in Kassel eröffnete Museum für Sepulkralkultur. Sein Name leitet sich vom lateinischen Wort "sepulchrum" ab, das "Grabstätte" bedeutet. Das in Deutschland einzigartige Museum lädt seine Besucher zur Beschäftigung mit Sterben, Bestattung, Trauer und Gedenken ein.

Der Tod mit der Sanduhr begrüßt die Besucher des Museums.
Der Tod mit der Sanduhr begrüßt die Besucher des Museums.

Das in einem Backsteingebäude von 1903 und einem Neubau aus Glas und Beton eingerichtete Museum wartet alljährlich mit einem bunten Veranstaltungsprogramm und Sonderausstellungen auf. Einige sind kulturhistorisch angelegt. Etwa die der Entwicklungsgeschichte der Bestattung gewidmete Schau "Kiste, Kutsche, Karawan". Andere widmen sich der Gegenwart. Beispielsweise die Ausstellungen "Noch mal leben", die Einblick in die Sterbebegleitung im Hospiz gab. Und bereits seit der ersten Sonderschau darf auch gelacht werden. Sie war mit Karikaturen bestückt und hieß "Schluss jetzt!".

Spannend und makaber ist die aktuelle Sonderausstellung: "Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden." Sie beschäftigt sich mit dem Scheintod. Die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Ärzten in zahlreichen Veröffentlichungen teils reißerisch dargelegte Problematik fand ein breites Echo in der Bevölkerung. Optimisten ließen sich im Leichenhaus aufbahren und ihre Gliedmaßen durch Drähte mit einem Rettungswecker verbinden, der bei einer Bewegung des Todesverdächtigen losschrillte. Pessimisten wie Bert Brecht verfügten testamentarisch den Einsatz des Herzstichmessers, um ganz sicher nicht lebendig begraben zu werden.

Vom Erdmöbel bis zur Weltraumbestattung

Särge aus der aufgelösten Gruft der Familie von Stockhausen, 18. Jh.
Särge aus der aufgelösten Gruft der Familie von Stockhausen, 18. Jh.

Herzstück des Sepulkralmuseums ist die Dauerausstellung. Sie zeigt dem Tod gewidmete Gegenstände, Dokumente und Kunstwerke vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Zum Auftakt präsentiert die Skulptur eines Knochenmannes eine Sanduhr – dem Tod entrinnt eben niemand. Auf die letzte Stunde verweist eine seelsorgerische Versehgarnitur, zu der eine Stola sowie Gefäße für Krankenöl, Weihwasser und Hostien gehören.

Auf ein Einbalsamierungsset mit Werkzeugen und einem Sortiment Glasaugen folgt eine Auswahl alter und neuer Erdmöbel, darunter die mit Wappen und Totenschädel bemalten Särge aus der aufgelösten Gruft der Adelsfamilie von Stockhausen. Fremdartig mutet Trauer- und Gedenkschmuck aus geflochtenem Haar an. Goldene Worte auf dem Modell eines Grabsteins hat ein Künstler beigesteuert: "Denken Sie immer daran, mich zu vergessen! Timm Ulrichs" (1975). Historische christliche Grabmäler, die mit Objekten, Bildern und Texten vorgestellten Bestattungssitten der anderen Weltreligionen und neue Moden wie die Beisetzung im Friedwald oder die Weltraumbestattung mittels der ins All geschossenen Urne beschließen die Dauerschau.

Ehrfurcht und Wissbegierde

Tod und Edelfrau, Terrakottafiguren aus dem von Anton Sohn (1769-1841) entworfenen Zizenhausener Totentanz.
Tod und Edelfrau, Terrakottafiguren aus dem von Anton Sohn (1769-1841) entworfenen Zizenhausener Totentanz.

In weiten Teilen steht die jetzige Dauerausstellung des von der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal getragenen Museums nun schon seit 25 Jahren. Der kommissarische Museumsleiter Gerold Eppler bereitet ihre Aktualisierung vor, da sich im Laufe der Zeit die Erwartungen der Museumsbesucher geändert haben. Erstarrten sie früher vor Ehrfurcht angesichts des musealisierten Todes, wollen sie inzwischen alles ganz genau wissen.

Etwa über die heute vorherrschenden Todesursachen oder in welchen Etappen sich der Sterbevorgang vollzieht. Erster Schritt auf dem Weg zur neuen Dauerschau ist die Erarbeitung eines Rahmenkonzepts. Dafür stellen die evangelische und die katholische Kirche erhebliche Mittel zur Verfügung, wie Eppler berichtet. Die Verwirklichung der künftigen Dauerausstellung wird mit lange vernachlässigten Bauunterhaltsmaßnahmen einhergehen.

Termine

Originell: Hahn, figürlicher Sarg aus Ghana, Paa Joe, um 1996.
Originell: Hahn, figürlicher Sarg aus Ghana, Paa Joe, um 1996.

Zunächst aber steht die Suche nach einem neuen Museumsleiter an. Er soll im dritten Quartal dieses Jahres seinen Dienst aufnehmen. Zu der Zeit läuft in Kassel noch die im Juni startende documenta, die aktuelle Kunst aus aller Welt zeigen wird. Als einer ihrer Schauplätze ist der Sonderausstellungsbereich des Museums für Sepulkralkultur ausersehen.

Text und Fotos: Veit-Mario Thiede 3, Museum f. Sepulkralkultur (unten)

Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, Kassel. Di.-So. 10-17 Uhr, Mi. 10-20 Uhr. Informationen: Tel.: 0561-918930, Internet: www.sepulkralmuseum.de. Die Sonderschau über den Scheintod läuft bis 16.4.2017.