Altöttinger Liebfrauenbote

León – Streifzüge durch Nicaraguas schönste Kirchenstadt

Glaubenszeugnis in Kolonialpracht

Die Pracht der Kirchen drückt Nicaraguas alter Kolonialstadt León den Stempel auf. Streifzüge führen zu den schönsten Gotteshäusern, was über Tag und bei Dunkelheit gleichermaßen lohnt.

Kuriose Fassade mit bunten Relieftafeln: die Kirche El Calvario.
Kuriose Fassade mit bunten Relieftafeln: die Kirche El Calvario.
Gebet vor der Zentralfigur des Gekreuzigten in der Kirche El Calvario.
Gebet vor der Zentralfigur des Gekreuzigten in der Kirche El Calvario.

Kurz nach sieben am Morgen. León ist erwacht. Im historischen Zentrum herrscht betriebsame Stimmung. Pferdefuhrwerke holpern durch die Straßen. Rikschafahrer transportieren menschliche Fracht. Auf dem Straßenmarkt nahe der Kathedrale bestückt ein Metzger die Auslagen mit schlachtfrischen Fleischlappen. Gleich nebenan warten Frauen an Essensständen auf Kundschaft. Vorbereitet haben sie das typisch nicaraguanische Frühstück: "gallo pinto", Reis mit Bohnen. Ein Kunde lässt sich eine Portion in ein Plastiktütchen packen. Geht man ein paar Blocks weiter, liegt plötzlich Weihrauchgeruch in der Luft. Und die Worte des Pfarrers dringen aus den geöffneten Portalen der Kirche El Calvario bis weit hinaus auf die Straße, unterlegt von Musik mit Rasseln. Gut drei Dutzend Gläubige haben sich heute zum Morgengottesdienst eingefunden, leben die Freude des Glaubens. Nach dem "Gehet hin in Frieden" verlässt nicht jeder die Kirche. Ein paar Frauen postieren sich vor dem Altarraum und stimmen inbrünstige Gesänge an. Dass nicht jeder Ton sitzt, spielt keine Rolle. Andere Gläubige nähern sich der Skulpturengruppe, die sich im Kircheninnern hinter dem Hauptzugang erhebt. Die drei Gekreuzigten, Jesus und die beiden Schächer an den Seiten, sind erstaunlicherweise gleich groß dargestellt. Ziel ist das Zentralkreuz mit dem Gottessohn. Davor knien die Gläubigen nieder, drücken ihre Stirn und eine Hand in den unteren Teil des Stammes. Ein inniges Zeichen der Verbundenheit zu Christus, zu seinem Leidensweg.

Die einschiffige, langgestreckte Iglesia El Calvario ist eine von 16 Kirchen, die sich über die Innenstadt von León verteilen. Tritt man auf den Vorplatz hinaus, hat man in wenigen hundert Metern Entfernung die Türme der Kathedrale im Blick, das wichtigste Gotteshaus, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und maßgeblicher Besuchermagnet. Doch es lohnt, der Kirche El Calvario ein wenig mehr Zeit zu widmen, denn die Hauptfassade wurde bei Motiv- und Farbgebung ungewöhnlich gestaltet. Die beiden Türme sind in rötlichen Tönen gehalten. Dazwischen erstrahlt der Mittelteil in leuchtendem Gelb und ist von mehreren großen Relieftafelszenen durchsetzt. Blutig dargestellt ist der gefesselte Jesus an der Säule mit einem Peiniger daneben. Farbnuancen anderer Art setzen ganz in der Nähe Fassadenanstriche in Grün und Rot sowie Bougainvilleen, die sich um Balkongitter ranken.

Facettenreiche Kirchbauten

Das Gnadenbild der Schutzpatronin La Merced.
Das Gnadenbild der Schutzpatronin La Merced.
Im Innern der Kirche La Recolección mit der charakteristischen Deckentäfelung.
Im Innern der Kirche La Recolección mit der charakteristischen Deckentäfelung.

Ein Blick ins Buch der Geschichte zeigt, dass die Stadt León von Spaniens Kolonialherrn 1524 ursprünglich an anderer Stelle nahe dem Vulkan Momotombo gegründet wurde. Was sich als schlechte Wahl erwies, denn ein Ausbruch zerstörte das alte León. 1610 wurde die Stadt an ihren jetzigen Standort verlegt, der im Siedlungsgebiet des Volkes der Sutiaba lag. Um die spirituelle Conquista der Ureinwohner voranzutreiben, rückten diverse Ordensgemeinschaften an und errichteten Klöster und Kirchen. Die Ersten, die eintrafen, waren die Franziskaner. 1639 begannen sie mit dem Bau ihres Klosters, das jedoch einen mehrfachen Nutzungswandel erlebte. Nach der Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland erließ die Regierung 1829/30 Dekrete, in denen sie die Umwandlung von Klöstern wie diesem in Stätten von Bildung oder anderweitiger öffentlicher Nutzung verfügte. Die Franziskaner begaben sich auf den Rückzug. Aus ihrem Kloster wurde zunächst eine Schule, später der Sitz eines Nationalinstituts, dann aufs Neue eine Schule und nach den unseligen Wirren der Revolution Nicaraguas der 1980er-Jahre ein renovierungsbedürftiges Gebäude. Heute ist aus der rundum renovierten Anlage eine der besten Hoteladressen Leóns erwachsen. Treffender Name: "El Convento", zu Deutsch "Das Kloster".

Ausgebessert, aber original aus Ursprungszeiten erhalten hat sich die Iglesia de San Francisco, die Franziskanerkirche. Ein Schild davor verbürgt die Jahreszahl 1643 als Datum der Grundsteinlegung. Wer abends hierher kommt, sieht ein Gebäude, das über dem Vorplatz angenehm in Laternenlicht getaucht ist. Bei Dunkelheit noch eindrucksvoller wirkt die Iglesia La Recolección, die auf das Ende des 18. Jahrhunderts und die Kongregation vom Oratorium des heiligen Philipp Neri zurückgeht. Die Anstrahlung setzt die Kirche mit ihren Frontsäulen, um die Blätterreliefs laufen, goldgelb in Szene. Nachteil nach Einbruch der Dunkelheit: Zu dieser Zeit hat die Kirche, wie alle anderen, geschlossen. Erst über Tag, wenn sich die Pforten wieder öffnen, lassen sich die kunstvolle Deckentäfelung und die Schnitzarbeiten an den Holztüren so richtig bewundern. Zugeständnisse an die Moderne und das drückende Klima sind Ventilatoren über den Kirchenreihen. Gleich links hinter dem Hauptportal finden sich Gläubige zum Gebet auf einem Bänkchen vor einer Skulptur des Gekreuzigten ein, die den Namen "Sangre de Cristo" trägt, "Blut Christi." In der Reihe der facettenreichen Kirchbauten im Herzen Leóns nimmt das barocke Heiligtum La Merced eine Sonderstellung ein. Es ist der Gnadenjungfrau geweiht, "Nuestra Señora de La Merced", der Schutzpatronin Leóns. Ihr zu Ehren stehen die Patronatsfeierlichkeiten im September an, gekrönt vom großen Festtag, dem 24. Dann setzt sich eine Prozession in Gang, die im letzten Jahr geschlagene zehn Stunden lang dauerte.

Auf dem Dach der Kathedrale

Die Kathedrale von León am Zentralplatz der Stadt.
Die Kathedrale von León am Zentralplatz der Stadt.

Dreh- und Angelpunkt Leóns ist der Kathedralplatz mit Park, Brunnen und Dauergewimmel. Die Kathedrale, 1747 im Barockstil begonnen, ist die größte im ganzen Land. Hinter der Doppelturmfront geht es in ein lichtdurchflutetes Inneres hinein, wo der Weg auch zum Grab des Dichters Rubén Darío (1867-1916) neben dem Altarraum führt. Höhepunkt ist der Aufstieg in den Glockenturm. Oben angekommen, mahnt ein handgemaltes Schild auf Englisch, nicht die Glocken zu läuten und zur Betretung der Dachbereiche die Schuhe auszuziehen. Dann geht's barfuß oder in Socken hinaus zu Kuppeln und Balustraden mit traumhaften Blicken über die Ziegeldächer Leóns bis ins umliegende Vulkanland im weiten Westen Nicaraguas.

Text und Fotos: Andreas Drouve