Altöttinger Liebfrauenbote

Reinhard Fuhr ist leidenschaftlicher Jakobsweg-Pilger

Strapazen für ein Glücksgefühl

Wenn jemand seinen kompletten Jahresurlaub nimmt, um fast 900 Kilometer zu Fuß zu gehen – und das bereits zum siebten Mal – dann muss irgendetwas dran sein am Jakobsweg. Reinhard Fuhr ist bereits drei unterschiedliche Routen gepilgert. Am 5. Oktober bricht er wieder auf – in 25 Tagen möchte er die Via de la Plata von Sevilla nach Santiago schaffen (987 km).

Noch 52 Kilometer bis Santiago de Compostela: Jakobsweg-Pilger Reinhard Fuhr kurz vor dem Ziel.
Noch 52 Kilometer bis Santiago de Compostela: Jakobsweg-Pilger Reinhard Fuhr kurz vor dem Ziel.

Der 44-jährige Reinhard Fuhr berät Firmen in ganz Deutschland in Sachen Finanzen. Doch einmal im Jahr gönnt er sich eine Auszeit und geht den Jakobsweg. Ausgestattet mit seinem ersten Pilgerpass hat er 2009 damit begonnen, auch in diesem Jahr war er bereits unterwegs. Lediglich im Jahr 2013, zur Geburt seiner Tochter, hat er ausgesetzt. Sein Ziel ist es, den Jakobsweg zehnmal zu gehen. Die Krönung soll das letzte Mal sein. Da möchte er von München aus losmarschieren. "Da muss ich dann aber bereits in Rente sein", sagt Reinhard Fuhr. Denn für diese Strecke muss er rund drei Monate einplanen.

Der 43-Jährige hat früher Leistungssport betrieben, war Sprinter und Bobfahrer. Daher hat er den Jakobsweg zuerst als sportliche Herausforderung gesehen. Rund 20 Tage wollte er für die rund 900 Kilometer brauchen. Das hat er sich jedes Mal zum Ziel gesetzt. Das heißt, dass er Tag für Tag einen Marathon gehen muss.

Viele bewegende Erlebnisse

Der Pilger überquert eine alte Römerbrücke auf der Via de la Plata.
Der Pilger überquert eine alte Römerbrücke auf der Via de la Plata.

Doch der Jakobsweg hat für ihn auch eine spirituelle Dimension bekommen. "Man wird extrem geerdet und lernt, mit wie wenig man bereits glücklich sein kann", so der aus Waldkraiburg in Oberbayern stammende. Dazu tragen auch viele bewegende Erlebnisse bei. So erinnert er sich an einen Vater, der den Jakobsweg ging, um den Tod seiner Tochter zu bewältigen. Oder eine Bekannte aus Holland, die sich von daheim aus mit dem Rad aufmachte, um ihre Krebserkrankung zu besiegen. Gerne erinnert sich Fuhr aber auch an einen Kanadier, der sich ihm auf einer Etappe angeschlossen hatte.

Normalerweise versucht er, die Etappen immer alleine zu gehen, um sich ganz auf sich konzentrieren zu können. Der Kanadier, den er schon vorher immer wieder einmal getroffen hatte, bat, ob er sich anschließen könne. Fuhr weiß noch, dass der Kanadier schon etwas ausgelaugt wirkte. Während des Marsches kamen sie miteinander ins Gespräch und der Begleiter fragte ihn nach seinem Job. Normalerweise redet Fuhr beim Jakobsweg nicht gerne über seine Arbeit, antwortete aber und wollte natürlich wissen, was sein Mitstreiter macht: "Sie werden es nicht glauben, aber ich bin der kanadische Kultusminister", lautete dessen Antwort.

"Wo man auch hinkommt, man bekommt Wasser angeboten oder Orangen direkt vom Baum"

787 Kilometer bis zum Ziel: auf dem Camino del Norte.
787 Kilometer bis zum Ziel: auf dem Camino del Norte.

Fünfmal ist Reinhard Fuhr bereits die Hauptroute, die Camino Francés, gegangen. "Hier kenne ich mittlerweile jeden Stein", meint er. 2015 hat er die Route Camino del norte gewählt, die den Pilger an der Atlantikküste entlang über San Sebastian, Santander und Gijon bis nach Santiago de Compostela führt. Eine besondere Herausforderung hatte er sich für vergangenes Jahr ausgewählt. Da ist er auf einer alten Römerstraße, der Via de La Plata, über 987 Kilometer von Sevilla nach Santiago gepilgert. Bei 28 Grad ist er in Sevilla gestartet und entlang der portugiesischen Grenze marschiert. Nach einem Wettersturz waren bei Minusgraden Mütze und Handschuhe gefordert.

Das Reizvolle an dieser Strecke war, dass sie noch nicht so gut erschlossen ist, wie die Hauptroute. Hier habe er das ursprüngliche Spanien erlebt, wo die Bauern noch mit einem Esel ihre Felder bewirtschaften. Hier habe er aber auch herzliche Gastfreundschaft erlebt. "Wo man auch hinkommt, man bekommt Wasser angeboten oder Orangen direkt vom Baum", so Reinhard Fuhr.

"Warum tue ich mir das alles eigentlich an?"

Extremadura – unendliche Weiten ...
Extremadura – unendliche Weiten ...

Wie bei jeder Pilgerreise ist er auch dieses Mal wieder an den Punkt gekommen, wo er sich die Frage gestellt hat: "Warum tue ich mir das alles eigentlich an?" Doch wenn er Santiago de Compostela erreicht hat, stellt sich ein Glücksgefühl ein, das "im Normalfall ein halbes Jahr anhält", beschreibt es Fuhr. Trotz aller Strapazen tut "das ständige auf den Beinen sein total gut. Wahrscheinlich liegt das Bewegen in unserem genetischen Code", meint er.

Ausgestattet mit einem Wanderführer macht er sich jedes Jahr auf die Reise, plant die einzelnen Etappen, übernachtet in den jeweiligen Pilgerunterkünften und gönnt sich ein Pilgermenü. "Verpflegung und Unterkunft sind sehr einfach". Bei jeder Pilgerreise läuft er auch ein Paar Wanderschuhe durch.

Das alles ist sowieso vergessen, wenn er in Santiago das Pilgerbüro betritt, sich dort die Urkunde "La Compostela" abholt, die bestätigt, dass er den Jakobsweg gegangen ist, und anschließend in der Kathedrale den heiligen Jakob umarmt, von hinten, wie es sich gehört, um von allen Sünden befreit zu werden.

"Rund drei Monate vorher fange ich mit dem Training an"

Bei Llanes an der Biskaya-Küste: Immer wieder entschädigen großartige Ausblicke für alle Mühe.
Bei Llanes an der Biskaya-Küste: Immer wieder entschädigen großartige Ausblicke für alle Mühe.

Bevor sich Reinhard Fuhr auf den Weg macht, hat er bereits rund 500 Kilometer in den Beinen. "Rund drei Monate vorher fange ich mit dem Training an. Ich jogge rund 200 Kilometer und wandere etwa 300 Kilometer auf Asphalt, um die Beine vorzubereiten". Seinen Kollegen Knud Hammerschmidt hat er mit dem Jakobsweg, so vermutet Fuhr, vor einem Burnout bewahrt. Dieser war anschließend so beeindruckt davon, dass er seine Erlebnisse aufgeschrieben hat. Sie sind unter dem Titel "Ohne Schmerz – Kein Halleluja: Der Jakobsweg für Einsteiger" nachzulesen.

In München gibt es mittlerweile sogar einen Pilgerstammtisch, wo sich Jakobswegpilger austauschen und Neugierige informieren. "Ich habe noch keinen getroffen, der gesagt hätte, dass er den Jakobsweg nicht noch einmal gehen will", so Fuhr.

Text: Harald Schwarz, Fotos: Reinhard Fuhr