Altöttinger Liebfrauenbote
Höhepunkt: Die wertvolle Sammlung der Apostelskulpturen lädt zur näheren Betrachtung ein.
Höhepunkt: Die wertvolle Sammlung der Apostelskulpturen lädt zur näheren Betrachtung ein.

Das Pilgermuseum in Santiago de Compostela ist ein wertvoller Insidertipp

Ruhe im Trubel von Santiago

Plötzlich, hinter dem Glastürdoppel der Eingangsfront, verstummen Gemurmel und Straßentrubel. Schlagartig verebben die Ströme der Pilger und Besucher, die auf dem südlichen Vorplatz der Kathedrale hin- und herwogen. Hier, im Museo das Peregrinacións, dem Pilgermuseum von Santiago de Compostela, stellt sich eine Stille ein, die man sich in der Stadt des heiligen Apostels Jakobus öfter wünschen würde. Obgleich das Museum seit vorletztem Jahr einen erstklassigen Sitz in der Altstadt einnimmt und wie kein anderes das Phänomen des Pilgerwesens ausleuchtet, ist es tendenziell ein Insidertipp geblieben.

Pilgernder Jakobus, laut Beschriftung geschaffen 1730 in Bayern von Felizian Hegenauer.
Pilgernder Jakobus, laut Beschriftung geschaffen 1730 in Bayern von Felizian Hegenauer.

Nimmt man als Beispiel den vergangenen Monat Mai, so nahmen 35.345 Ankömmlinge im Pilgerbüro ihre Wallfahrtsurkunde in Empfang - doch nur 1.534 Besucher fanden den Weg in die Museumssäle. Umso besser lässt sich fern von Rummel und Unruhe in die hervorragend präsentierte Sammlung eintauchen.

Das Museum überzeugt mit einer klaren Struktur. Jede der drei Etagen rollt ein Themenfeld auf, das die komplexe Geschichte und Entwicklung des Pilgerwesens vertieft. Im Erdgeschoss lautet das Leitmotiv "Die Pilgerfahrt, ein weltweites Phänomen", in den oberen Stockwerken geht es um "Die jakobäische Pilgerschaft und der Jakobsweg in all seinen Dimensionen" sowie "Die Stadt Santiago de Compostela als Ziel der Pilgerschaft". Modelle halten den Ursprungsbau des Jakobusgrabes und den Fortbau der Kathedrale vor Augen, Silberarbeiten die Herausbildung der Zünfte und des Pilgerkommerzes, Schautafeln und Videoeinspieler die historischen Routen und Eindrücke aus heutiger Zeit.

Höhepunkte der Sammlung sind Skulpturen, Reliefs und Gemälde mit den verschiedensten Darstellungen des Jakobus: als Apostel und Märtyrer, als vorbildhafter Pilger mit Stab und Muschel gleichsam unterwegs zu seinem eigenen Grab, hoch zu Pferd und mit Schwert in der Hand als "Maurentöter", "Matamoros". Laut Legende trat er dergestalt - Jahrhunderte nach seinem Martyrium im Jahr 43 unter Herodes Agrippa I. – bei der Schlacht von Clavijo (844) in Aktion und trieb die Christentruppen zum Sieg an.

Klare Struktur und kuriose Details

Seltene Darstellung: Jakobus als regelrecht femininer "Maurentöter".
Seltene Darstellung: Jakobus als regelrecht femininer "Maurentöter".

Auch nach Abschluss des finalen Triumphs über die muslimischen Mauren im spätmittelalterlichen Spanien setzten sich die Interpretationen des sogenannten Maurentöters fort. Dabei stechen zwei Beispiele mit kuriosen Details heraus. Auf einem Ölgemälde aus der andalusischen Schule des 18. Jahrhunderts schweben hoch über Jakobus zwei Engel mit einem Pilgerstab samt daran befestigtem Trinkkürbis. Auf einem anderen Bild, das zur selben Zeit in Spaniens Kolonien entstand, begegnen wir Jakobus in regelrecht femininer Gestalt. Sein rotgoldenes Gewand gleicht mehr einem Damenkleid, zumal es sich um eine extrem schmale Taille legt. Des Apostels Wangen sind gerötet, die Lippen zart. Der breitkrempige Hut ist mit fünf bunten Federbüschen besetzt, darunter wallt ein solch flauschiges, langes Haar hervor, als käme der Heilige frisch vom Coiffeur. Kritisch reflektiert findet sich die propagandistische Darstellung des "Maurenschlächters", dessen abgemilderte Ausdrücke "Ritter" oder "Soldat Christi" lauten, leider nicht. Das darf man als kleines Manko im Museum empfinden.

Begeisterte Besucher

Truhe mit Jakobsmuschelmotiven.
Truhe (eines herrschaftlichen Pilgers?) mit Jakobsmuschelmotiven.

Bei den Bildhauerarbeiten ist Jakobus in vielerlei Größen und Materialien zugegen. Ob halbmeterhoch aus Holz oder fingerklein und pechschwarz aus Gagat, typisch für das Kunsthandwerk von Santiago de Compostela. Unter den Gemälden fällt ein pilgernder Jakobus auf, den kaum jemand wohlgenährter festgehalten haben dürfte als ein anonymer Meister aus dem Kreis um Pedro Berruguete (1450-1504). Des Heiligen massiger Körper steckt in einem goldblauen Umhang, das fleischige Gesicht ist oval. Auf besondere Art ist auch die Schale der Jakobsmuschel vertreten, seit alters her das alles verbindende Zeichen der Pilger.

Eine stark gesicherte Vitrine zeigt eine bestens erhaltene Muschelschale aus dem 12. Jahrhundert. Wie weit verbreitet das Motiv der Jakobsmuschel war, veranschaulicht eine Truhe aus dem Spätmittelalter, die mit kunstvollen Muschelbeschlägen überzogen ist.

Ein Blick ins Gästebuch unterstreicht die Begeisterung der Besucher. Ein Eintrag schwärmt auf Deutsch von einem "großartigen, unglaublich interessanten und vielfältig gestalteten Museum". Zwei Pilger aus Ostfriesland stellen die "liebevollen Präsentationen" heraus. Und dann gibt es noch eine Stimme von Tina aus Deutschland: "Ich habe viele Menschen auf meinem Jakobsweg getroffen. Und einige Male bin ich mir selber begegnet." Die Worte haben nichts mit den Exponaten in den Ausstellungssälen zu tun, belegen aber, wie sehr manche Pilger noch unter den Erlebnissen und Eindrücken stehen. Das Museum gibt informative, sachliche Hintergründe zu dem, was sie tief empfunden und zum Aufbruch bewegt haben.

Text und Fotos: Andreas Drouve

Impressionen

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Das Pilgermuseum von Santiago de Compostela ist in einem repräsentativen Gebäude am südlichen Vorplatz der Kathedrale untergebracht.
Das Pilgermuseum von Santiago de Compostela (l.) ist in einem repräsentativen Gebäude am südlichen Vorplatz der Kathedrale untergebracht.
Durch das Glasdach des Museums sind Teile der Kathedrale zu erkennen.
Durch das Glasdach des Museums sind Teile der Kathedrale zu erkennen.
Jakobus als Pilger und sein Bruder Johannes; Öl auf Holz, erstes Drittel des 16. Jahrhunderts, zugeschrieben dem Meister von Ventosilla.
Jakobus als Pilger und sein Bruder Johannes; Öl auf Holz, erstes Drittel des 16. Jahrhunderts, zugeschrieben dem Meister von Ventosilla.