Altöttinger Liebfrauenbote

Rabbiner Reuven Yaacobov beherrscht das Schreiben der Thora-Rolle

"Wie lange hält schon Papier?"

Die Thora ist die Grundlage des jüdischen Glaubens. Der Text ist so heilig, dass er nur dann im Gottesdienst verwendet werden darf, wenn er nach strengen Regeln niedergeschrieben wurde. Davon zeugt ein Besuch bei Rabbiner Reuven Yaacobov, Berlins einzigem Thora-Schreiber.

Rabbiner Reuven Yaacobov zeigt "seine" Thora-Rolle.
Rabbiner Reuven Yaacobov zeigt "seine" Thora-Rolle. In sefardischen Synagogen wird die Thora nicht wie sonst mit einem Stoffmantel umhüllt, sondern in einem Holzkasten, dem Tik, aufbewahrt. Der Tik wiederum steht im Thora-Schrein.

Ein moderner Kopierer könnte die 304.805 Buchstaben der fünf Bücher Mose wohl binnen Minuten ausspucken. In seiner Synagoge, eine Gehminute vom Berliner Kurfürstendamm entfernt, ist Rabbiner Yaacobov wenig davon beeindruckt. "Wie lang hält schon Papier?", fragt er ironisch und holt ein Stück Kuhleder hervor – das Material, aus dem das Pergament für eine Thorarolle besteht. Daneben stellt er ein Tintenfass. Die Tinte, sagt Yaacobov, verändere ihre Farbe. Nach 500 Jahren werde sie rot, nach noch einmal 200 Jahren golden. Die Thora ist ein Text für die Ewigkeit.

Dass moderne Technik das strenge Ritual nicht ersetzen kann, nach dem der Heilige Text geschrieben wird, ist seit der Erfindung des Buchdrucks geklärt. Das Schreiben der Schrift ist selbst ein Gottesdienst, ausgeführt mit einer Gänsefeder. Auch der edelste Füller ist nicht erlaubt. "Die Thora bringt den Frieden in die Welt", erläutert Yaacobov. "Sie darf nicht mit Materialien geschrieben werden, aus denen Waffen gebaut werden können."

Seit 17 Jahren ist der Rabbiner ausgebildeter Sofer: der einzige Thora-Schreiber Berlins. Hier leitet er die sephardische Gemeinde. Als Sepharden bezeichnen sich die Juden, deren Vorfahren bis zum Mittelalter auf der Iberischen Halbinsel, im heutigen Spanien oder Portugal, lebten. Yaacobov selbst ist in Usbekistan geboren. Ehe er 2001 in die Hauptstadt kam, hat er in Jerusalem studiert. Zwölf Monate lang hat sich der 38-Jährige jeden Tag mit der Heiligen Kunst befasst.

Wer Sofer werden will, muss ein Handwerk beherrschen und am Ende eine Prüfung ablegen. Laut jüdischem Gesetz muss man dafür nicht zwingend ein Rabbi, aber ein frommer Mensch sein. Dazu gehört auch, den Text des Gotteswortes auswendig zu kennen. "Ein einziger Fehler macht den Text unbrauchbar", sagt Yaacobov. Bevor er zu schreiben beginnt, spricht er ein Gebet und vollzieht eine rituelle Reinigung. Dafür steigt er in eine Mikwe, das jüdische Reinigungsbad. Es ist ein kleines Wasserbecken, in dem er komplett untertaucht. Der Mensch muss kultisch rein sein, ehe er den Gottesnamen schreiben darf. Dann liest Yaacobov jedes Wort laut vor, bevor er es mit der Feder aufs Pergament bringt. Die Buchstaben sehen aus wie gedruckt, alle gleich. Gelangt Rabbiner Yaacobov zu einem Vers, der den Gottesnamen enthält, macht er eine Pause und rezitiert ein weiteres Gebet: "Ich schreibe den heiligen Namen unseres Gottes", lautet es auf deutsch.

Die Thora gehört für Juden zum Leben wie die Luft zum Atmen. Traditionell hängt an jedem Türrahmen eine kleine Schriftrolle mit Versen des Heiligen Textes, die vor dem Eintreten von den Gläubigen berührt wird. Ist eine Thorarolle unbrauchbar, wird sie wie ein Mensch auf dem Friedhof beerdigt.

"Etwas Physisches wird in etwas Geistiges umgewandelt"

Thora-Rolle mit Zeigestab.
Thora-Rolle mit Zeigestab (an dessen Ende die kleine Hand). Der handgeschriebene Text sieht am Ende aus wie gedruckt.

Zwischen drei Monaten und einem Jahr dauert es, ehe der Heilige Text fertig geschrieben ist. Rabbiner Yaacobov beschreibt den Vorgang so: "Etwas Physisches wird in etwas Geistiges umgewandelt." Auch deshalb wird nie eine Maschine das Werk des Menschen ersetzen können. Die gläubige Haltung, die Denkleistung, das Gebet: All das gehört dazu, damit die Thora in der Synagoge benutzt werden darf. Vor einiger Zeit präsentierte das Jüdische Museum in Berlin einen Roboter, der die Schrift fehlerfrei und akkurat zu Papier brachte. Beeindruckend sei das gewesen, kommentiert Yaacobov, der fast jeden Tag neben der Maschine saß und an seinem eigenen Exemplar schrieb. Beeindruckend, aber aus religiöser Sicht wertlos.

Auch wenn die Maschine den Menschen nicht ersetzen kann: Die moderne Technik erleichtert die Arbeit des Sofer dennoch. Yaacobov taucht seine Gänsefeder beim Schreiben nicht mehr in ein Fass, um an Tinte zu kommen. Aus der Berliner Charité hat er Infusionsbesteck erhalten, das der Feder kontinuierlich Tinte verabreicht. So funktioniert der Dialog zwischen moderner Technik und Ritualen aus der Zeit des Talmuds. In diesem Werk haben die Rabbiner in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten festgelegt, wie die Gebote der Thora im Alltag umgesetzt werden sollen.

Wie oft Rabbiner Yaacobov den Heiligen Text bereits geschrieben hat, weiß er nicht mehr. Zwei Aufträge aber wird er nie vergessen. Eine Budapester Familie hatte während der Nazizeit ihre Thorarolle unter der Erde einbetoniert. Der einzige Shoah-Überlebende fand sie später wieder und ließ Yaacobov eine Seite neu schreiben, die der Zement angegriffen hatte. Dann, vor drei Jahren, arbeitete der Rabbiner an einem weltweiten Projekt mit. Die israelische Fluggesellschaft El Al ließ eine Thorarolle schreiben, deren Buchstaben an verschiedenen Orten der Erde aufs Pergament gebracht wurden. Die letzten fünf Kapitel schrieb Yaacobov in der Villa Wannsee nieder – dem Ort, an dem die Nazis 1942 die Auslöschung des Judentums geplant hatten. "Da habe ich gezittert", sagt der Rabbiner, für den das Thora-Schreiben wie Meditation ist: "Ich fange an zu schreiben, dann bin ich nicht mehr in der Welt."

In seiner eigenen Synagoge öffnet Yaacobov den Thoraschrein, um zu zeigen, wie ehrfürchtig die Rolle aufbewahrt wird. Trägt der Rabbiner den Text vor, blättert er nicht, sondern dreht an einem hölzernen Rädchen, um das Pergament zu bewegen. Ein metallener Zeigestock sorgt dafür, dass er die Zeile nicht verliert. Muss Yaacobov das Pergament einmal selbst berühren, benutzt er dafür ein Tuch. Es ist nicht irgendein Text, den aufzuschreiben er ausgebildet wurde. "Denselben Roman können sie vielleicht zwei oder dreimal im Leben lesen", erklärt der Rabbiner. "Die Thora aber verstehen sie jeden Tag tiefer. Deshalb hören sie kleine Kinder und 90-Jährige."

Text und Fotos: Lukas Wiesenhütter