Altöttinger Liebfrauenbote

Maler des Menschen in seiner Größe und Verworfenheit: Vor 125 Jahren wurde Otto Dix geboren

Christus hinter Stacheldraht

Der heute hoch angesehene Maler und Grafiker Otto Dix war zu Lebzeiten höchst umstritten. Aber Einwände gegen sein Schaffen haben ihn nicht gejuckt: "Ich bin eben'n derart souveräner Prolete, nicht wahr, dass ich sag: 'Das mach ich! Da könnt ihr sagen, was ihr wollt'."

Stilistisch und thematisch vielfältig ist die Kunst des Otto Dix. Hier das Bild "Madonna vor Stacheldraht und Trümmern", das er in französischer Kriegsgefangenschaft 1945 in der Nähe von Colmar malte.
Stilistisch und thematisch vielfältig ist die Kunst des Otto Dix. Hier das Bild "Madonna vor Stacheldraht und Trümmern", das er in französischer Kriegsgefangenschaft 1945 in der Nähe von Colmar malte.
Otto Dix' Bild "Sturmtruppe geht unter Gas vor" aus dem Jahr 1924 zeigt das ganze Grauen des I. Weltkriegs.
Otto Dix' Bild "Sturmtruppe geht unter Gas vor" aus dem Jahr 1924 zeigt das ganze Grauen des I. Weltkriegs.
Einen einmaligen Charakter schuf Otto Dix in jungen Jahren mit dem "Elbschiffer" 1913.
Einen einmaligen Charakter schuf Otto Dix in jungen Jahren mit dem "Elbschiffer" 1913.
Eine "Herbstlandschaft am Bodensee" zeigt ein Ölbild auf Leinwand aus dem Jahr 1955.
Eine "Herbstlandschaft am Bodensee" zeigt ein Ölbild auf Leinwand aus dem Jahr 1955.
Der "Blumenstrauß" stammt aus dem Jahr 1923.
Der "Blumenstrauß" stammt aus dem Jahr 1923.

Am 2. Dezember 1891 wurde Otto Dix als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Geburtshaus steht neben der evangelisch-lutherischen Marienkirche in Gera-Untermhaus, in der er getauft wurde. Die Teilnahme am Ersten Weltkrieg gab der künstlerischen Entwicklung von Dix entscheidende Impulse. Über das ungeheuerliche Kriegsleid sagte er: "Also das sind alles Phänomene, die musste ich unbedingt erleben." Denn: "Die außerordentlichen Situationen zeigen den Menschen in seiner ganzen Größe, aber auch in seiner ganzen Verworfenheit."

Seit 1927 unterrichtete Dix an der Kunstakademie Dresden. Sein Hauptwerk aus dieser Zeit ist der erschütternde "Kriegs-Altar" (1928-1932), der heute im Albertinum Dresden ausgestellt ist. Dix bezeichnete ihn als Summe seiner Kriegserlebnisse. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war er im April 1933 einer der ersten aus dem Amt gejagten Kunstprofessoren. Im September folgte eine weitere Schmach: Die Eröffnung der Ausstellung "Entartete Kunst" im Dresdener Rathaus. Von Dix zeigte sie das Gemälde "Der Schützengraben" (1920-1923). Dieses und weitere seiner Werke waren 1937 auch in der Münchener Schau "Entartete Kunst" zu sehen, von den Nazis als "gemalte Wehrsabotage" und "Verhöhnung der deutschen Frau" beschimpft.

Dix zog sich mit Gattin Martha und den drei Kindern an den Bodensee zurück. Dort malte er unverfängliche Landschaftsbilder, die oft mit Madonnenszenen oder anderen Heiligenfiguren aufwarten. Mit einer Erbschaft finanzierte Martha den Bau des neuen Wohnsitzes in Hemmenhofen. Er wird heute als Museum Haus Dix geführt. Im Keller sind fröhliche Wandbilder erhalten. Auf andere Wände sind Schwarzweißreproduktionen der einst dort hängenden Gemälde gedruckt.

Im April 1945 geriet der zum Volkssturm einberufene Dix in französische Kriegsgefangenschaft. Interniert war er im Lager Colmar-Logelbach, für dessen katholische Kapelle er das dreiteilige Gemälde "Madonna vor Stacheldraht" schuf. Es ist in der Ausstellung zu sehen, die Colmars Museum Unterlinden Otto Dix zum 125. Geburtstag eingerichtet hat. Berühmt ist das Museum für Grünewalds "Isenheimer Altar" (1514-1516), der mit seiner ungemein ausdrucksvollen Kreuzigung Christi, der Verkündigung Mariens und seinen anderen Bildtafeln das Schaffen vieler Künstler beflügelt hat.

Einer von ihnen war Dix, wie die sehenswerte Ausstellung veranschaulicht. Sie präsentiert über 100 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken aus allen Schaffensperioden. Um 1944 hatte Dix die seit Mitte der 20er-Jahre betriebene altmeisterlich zeitraubende Lasurmalerei zugunsten einer schnellen und expressionistischen Pinselarbeit aufgegeben. Das belegt die Schau mit eindrucksvollen Beispielen. Sein von einer Krankendarstellung auf dem Isenheimer Altar angeregter "Hiob" (1946) sitzt mit Wunden übersäht in einer Trümmerlandschaft. Und sein Gemälde "Ecce Homo mit Selbstbildnis hinter Stacheldraht" (1948) versetzt den gemarterten Jesus Christus zu Dix ins Gefangenenlager.

Der im Februar 1946 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Künstler schrieb über seine neue Vorliebe für die Darstellung biblischer Leidensfiguren: "Das Christliche ist keine Atelier-Idee. Mein Leben war Anlass genug, die Passion am Bruder, ja am eigenen Leib zu durchleben. Hiob, Christophorus, der verlorene Sohn, Petrus mit dem Hahn – das alles sind nicht einfach biblische Themen, die ich um ihrer Interessantheit willen gestaltete, sondern sie sind Gleichnisse meiner selbst und der Menschheit." In zwei Großaufträgen hat die christliche Thematik imponierende Bildgestalt gewonnen.

Dix entwarf 1958 für die in Kattenhorn bei Hemmenhofen gelegene evangelische Petruskirche Bildfenster. Etwa das von Petrus wie er den Herrn dreimal verleugnet. Im Rathaus von Singen sind Wandmalereien zu sehen, die Dix 1960 schuf. Die dreiteilige Komposition im Ratssaal heißt "Krieg und Frieden". Das Trauzimmer bemalte Dix mit einem Lebensalter- und Jahreszeitenzyklus. Das Anfangsbild zeigt Adam und Eva im frühlingshaften Paradies.

Beide deutschen Staaten überhäuften Dix mit Ehrungen. Trotz seines Rückzugs nach Hemmenhofen unterhielt er bis zum Lebensende in Dresden ein Atelier, das er fast jährlich für mehrere Wochen nutzte. Die meisten Blätter seines lithografischen Spätwerks gingen unter seiner Aufsicht aus der Druckwerkstatt der Dresdener Kunstakademie hervor.

Der von Zeitgenossen als wortkarg, oft mürrisch und extrem unverblümt charakterisierte Dix starb 1969. Bestattet ist er auf dem Friedhof von Hemmenhofen. Zum 125. Geburtstag wurden mehrere Ausstellungen eröffnet. Das Zeppelin-Museum von Friedrichshafen zeigt erstmals lückenlos seine umfangreiche Dix-Sammlung: 21 Gemälde, 110 Zeichnungen und 275 Druckgrafiken.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: VG Bild-Kunst - Zeppelin Museum Friedrichshafen GmbH 4, Erbistum Berlin: 1 (ganz oben)

 

Ausstellungstipps

  • Otto Dix und der Isenheimer Altar. Bis 30.1.2017 im Museum Unterlinden, Place Unterlinden, Colmar, Frankreich
  • Otto Dix – Alles muss ich sehen! 2.12.2016 bis 17.4.2017 im Zeppelin Museum, Seestraße 22, Friedrichshafen
  • Otto Dix: Zeichenkunst mit Silberstift. 2.12.2016 bis 19.3.2017 im Otto-Dix-Haus, Mohrenplatz 4, Gera-Untermhaus