Altöttinger Liebfrauenbote

Mitte Januar feiert Mallorca Antonius den Großen nach altem Brauch

Der Heilige und die "Teufel"

Über Sa Pobla thront der Teufel. Auf dem Rathaus hat er sich breitgemacht, hoch oben über der kleinen Stadt im Norden Mallorcas. Unten in den Gassen toben seine Helfer, ein gutes Dutzend grimmiger Höllenfürsten, maskiert allesamt und großen Hörnern auf dem Kopf. Mit Dreizack und Besen jagen sie eine Hundertschaft lärmender Kinder. Kreuz und quer, von einer Kneipe zur anderen, wo sich die Beelzebuben ein Bierchen gönnen. Einen Vino Tinto lässt sich der Herr daneben schmecken, einen kräftigen Roten. Weiß ist sein Bart, braun die lange Kutte, die ihn als Mönch ausweist. Als frommen Mann und Held eines Festes, das die Mallorciner so ausgelassen feiern wie die Rheinländer ihren Karneval. Antonius heißt der Heilige, den die Kinder Jahr für Jahr so sehnlich erwarten wie bei uns den Nikolaus.

Auf Mallorca symbolisieren als Teufel verkleidete junge Männer am Antonius-Fest den Kampf des Bösen gegen das Gute.
Auf Mallorca symbolisieren als Teufel verkleidete junge Männer am Antonius-Fest den Kampf des Bösen gegen das Gute.
Das Bild zeigt die mittlere Tafel des Tryptychons "Die Versuchung des Antonius".
Das Bild zeigt die mittlere Tafel des Tryptychons "Die Versuchung des Antonius", 1505/06, Hieronymous Bosch, Museu Nacional de Arte Antigna in Lissabon. – Dem Einsiedler Antonius († 356) soll der Überlieferung nach der Teufel in verschiedenen Gestalten erschienen sein, um Antonius von seinem asketischen Leben abzubringen.

Sa Pobla gehört zu den Hochburgen spanischer Antoniusverehrung. Seit 1365, erzählt der Bürgermeister, feiern wir die "Revetla de Sant Antoni Abad". "Ununterbrochen", fügt er augenzwinkernd hinzu, so als sei das Fest ein besonderer Markenartikel. 1357 hatte Bischof Antoni Colell die erste Antonius geweihte Kirche in dem Städtchen errichten lassen, das wie immer Mitte Januar nach Aal und Knoblauch riecht. "Espinagada" heißt der Gaumenschmaus, der dem Heiligen zu Ehren in vielen Familien auf den Tisch kommt. Eine Art Gemüsepastete, gefüllt mit Aal. "Zuerst", erklärt eine Frau das Rezept, "nimmst du den Aal aus und legst ihn einen Tag in Öl, gut gewürzt mit Paprika, Pfeffer, Knoblauch und getrockneter Petersilie." Dann wird aus Öl, Mangold und Zwiebeln eine Paste geformt, auch die mit Salz und Paprika kräftig gewürzt. Mehl, Öl, Bierhefe und Wasser werden schließlich zu einem Teig geformt, in dem Aal und Gemüsepaste verbacken werden. "Ein Kilo Mehl," gibt uns die Köchin als Faustregel mit auf den Heimweg, "reicht für vier kleine Espinagades".

"Antonius", schwärmt man in Sa Poblas Rathaus, "ist unser populärster Heiliger". In seinem Namen schichten die Bürger auf den Straßen Holz und Reisig zu kleinen und großen Haufen – zu mehr als hundert Freudenfeuern, die längst auch Fremde locken. Werner und Margit zum Beispiel, die Mallorca-Fans aus dem Rheinland. Bei "Toni Cotxer" treffen wir sie, einer Bar, in der die meisten Fremden landen. Auch hier gibt es Espinagades, fünftausend Kilo Aal hat der Wirt verarbeitet.

Für die Mallorciner ist das Antoniusfest eine Art Fastnachtsersatz, ein Anlass jedenfalls für ausgelassene Feiern. Für gesellschaftliche Seitenhiebe auch, die in bissigen Texten Niederschlag finden. Vor allem aber in plastischen Bildern. "Foguerons artistics" nennen die Einheimischen diese Kunstwerke, in deren Mittelpunkt Antonius und der Teufel stehen. "Zum Fest", freut sich José, "lassen wir Dampf ab". In Manacor, einer der größten Städte der Insel, hat er mitten auf eine Kreuzung einen Scheiterhaufen gesetzt. Gekrönt von einem Teufel, der mit Netzen heimischen Singvögeln nachstellt. Eine Anklage gegen tausendfachen Vogelmord ist es, die Artikulation von Missständen, wie sie bei uns in den großen Wagen der Rosenmontagszüge Gestalt gewinnt.

Ein paar Ecken weiter gehen die Mallorciner mit den Deutschen ins Gericht, machen die Bürger gegen den Ausverkauf ihres Landes Front. Als Fettsack mit Geldkoffer und Handy gewinnt ein deutscher Makler Kontur. Gegen ihn haben sich Teufel und Gottesmann verbündet. "Nicht zu verkaufen" halten sie dem Eindringling entgegen, ein großes Schild in deutscher Sprache. Es sind die Ängste vieler Insulaner, die Furcht vor Überfremdung, die auf Mallorca unheilige Allianzen schweißt.

In der Kirche hat der Teufel keinen Platz

Mitte Januar werden auf Mallorca und an vielen Orten des spanischen Festlandes zum Gedenken an den Heiligen Antonius die Feuer entzündet. Die Riten um das Fest gehen auf Jahrhunderte, oft Jahrtausende alte Traditionen zur Wintersonnenwende zurück.
Mitte Januar werden auf Mallorca und an vielen Orten des spanischen Festlandes zum Gedenken an den Heiligen Antonius die Feuer entzündet. Die Riten um das Fest gehen auf Jahrhunderte, oft Jahrtausende alte Traditionen zur Wintersonnenwende zurück. So war es bereits bei den Kelten üblich, Tiere und Menschen durch das reinigende und schutzbringende Feuer springen zu lassen.

Der Pfarrer in Manacor kann das verstehen. Billigen muss er es nicht. In seiner Kirche hat der Teufel keinen Platz, Antonius dafür eine ganze Seitenkapelle für sich. Mitten drin steht seine Statue, ein Mann in Kutte, zu seinen Füßen ein schwarzes Schwein. Die Sau, will der Pfarrer wissen, erinnere an eine Legende. An Antonius, der eines Tages auf einer Wolke von Ägypten nach Spanien geeilt sei, um ein krankes Schwein zu heilen. In kleinen spanischen Dörfern ist die Geschichte noch immer Anlass, jährlich ein Ferkel freizulassen, das sich bis zum Festtag überall durchfrisst, ehe es zum Wohle aller versteigert und geschlachtet wird.

Auf Mallorca ist Antonius, der im dritten und vierten Jahrhundert in der ägyptischen Wüste als Einsiedler lebte, der Liebling des Volkes, Patron der Haustiere, die er vor Unglück und Krankheit bewahren soll. "Sankt Anton", hatte schon Goethe nach einer Reise ans Mittelmeer notiert, "ist Patron der vierfüßigen Geschöpfe, sein Fest ein Feiertag für die sonst belasteten Tiere sowie für ihre Wächter und Lenker".

"Schließen Sie bitte gut ab", mahnt uns die Wirtin in Artá. "Gleich beginnt das Chaos". Heute kümmert sich die Tochter um die Gäste. Die Mutter ist zum Feiern unterwegs. Zunächst in der Kirche, wo sich das Volk zur abendlichen Vesper drängt. "Visca Sant Antoni Abat" tönt es aus dem Kirchenschiff. "Lang lebe der heilige Antonius". Ein mallorcinisches Bekenntnis. Dann aber sind auch hier die Teufel los, die Burschen mit den schwarzroten Fratzen. Da tut es gut, sich um die großen und kleinen Feuer zu scharen, die abends an allen Ecken brennen. Zu Tamburin und Trommel singen die Alten ihre Lieder. Man isst und trinkt in geselliger Runde. Auch Deutsche sind mit von der Partie. Keine Ballermänner, aber viele, die auf der Insel überwintern. Für viele wird es ein Abend der Erinnerung, an Lagerfeuer und jugendliche Sorglosigkeit.

Am Morgen künden graue Aschehaufen von der langen Nacht. Doch wenig später sind die Mallorciner zum großen Opfergang wieder auf den Beinen. Dem Heiligen zu Ehren geht es mit Rössern und Wagen durch die Stadt. In Festtagstracht und bester Laune, die der rote Landwein befördert, den die Bauern kostenlos ausschenken. Dazu gibt es Antoniusbrot, auch das nach traditionellen Rezepten gebacken. Schließlich naht die wilde Jagd, wird aus dem Festzug ein Pferderennen. Es ist der Vorlauf zum Auftritt des Heiligen, der auf einem Esel Einzug in Artá hält. Zwei Teufel attackieren ihn mit großen Stangen, versuchen ihn aus der Stadt zu drängen. Antonius aber hält allen Angriffen stand, jagt die Versucher aus den Mauern.

Eine ausführliche Beschreibung des Lebens des Einsiedlers, Mönchsvaters und Heiligen Antonius "des Großen" bietet das Ökumenische Heiligenlexikon.
Eine ausführliche Beschreibung des Lebens des Einsiedlers, Mönchsvaters und Heiligen Antonius "des Großen" bietet das Ökumenische Heiligenlexikon.

"Sitz", herrscht Francesco seinen Schäferhund an. Francesco ist Spanier, aber Kommandos gibt er in Deutsch. Das Tier ist unruhig, denn vor Santa Ana, der alten Klosterkirche in Muro, drängen sich die Vierbeiner, Hunde vor allem, zum Festtag frisch gestriegelt. Viele Mallorciner halten Katzen im Arm, auch die fein herausgeputzt. In Käfigen sitzen Vögel, Hamster und Kaninchen äugen aus Einkaufskörben. Riesige Schafherden stehen in den Seitenstraßen, Pferde, Esel, Ziegen und ein paar Schweine – warten wie alle auf kirchlichen Segen, dem ein großer Umzug vorausgeht. Ein Spritzer Weihwasser des Stadtpfarrers verheißt Gesundheit und langes Leben – darauf vertrauen viele auf der Insel, die Jahr für Jahr nach Muro kommen – mit Tausenden von Vierbeinern, die stundenlang durch die Stadt ziehen. Vorbei an endlosen Stuhlreihen, auf denen die Bürger in dicken Mänteln und Decken sitzen. Natürlich sind auch in Muro die Helden des Festes dabei, der Heilige und die Teufel.

Antonius kommt auf einem Festwagen, Kamellen werfend wie die Karnevalsprinzen im Rheinland. Zum Schluss erscheint die Schuljugend. Die Mädchen in bunten Kleidern und Blumen im Haar. Fröstelnd bieten sie dem Winter die Stirn, der mit kräftigen Winden der Sonne trotzt. Nur die Mimosen, welche die Kinder ausgesuchten Gästen überreichen, erinnern an den Frühling, der mit Antonius auf Mallorca Einzug hält.

Text: Günter Schenk, Fotos: Spanisches Fremdenverkehrsamt 2, Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon 1, Screenshot 1

 

Die Verehrung des heiligen Antonius geht ins Mittelalter zurück. Sie wurde vor allem vom Antoniterorden getragen, den ein französischer Adliger im Jahr 1095 gründete. Antoniter brachten den Kult anno 1229 nach Mallorca, wo der Heilige rasch Freunde fand. Besonders populär wurde er, nachdem seine Reliquien ins Abendland gelangt waren und Antonius Ende des 15. Jahrhunderts im französischen Arles die letzte Ruhe fand. Zentren der mallorcinischen Antoniusverehrung sind neben der Hauptstadt Palma vor allem Sa Pobla, Artá, Pollensa, Muro und Manacor.

 

Festprogramme "Revetla de Sant Antoni Abad"

  • Sa Pobla: 16. Januar, 15 Uhr Umzug des hl. Antonius und der Teufel, Umzug der Riesen und des Feuervogels, anschl. Freudenfeuer überall in der Stadt; 17. Januar, 15.30 Uhr Tiersegnung mit Umzug
  • Artá: 16. Januar ab 9 Uhr Straßentreiben der Teufel, 19 Uhr Vesper, anschl. Freudenfeuer; 17. Januar 9.30 Uhr große Kavalkade mit Tiersegnung
  • Muro: 16. Januar 21 Uhr großes Freudenfeuer vor dem Rathaus, anschl. Freiluftkonzerte; 17. Januar 12 Uhr feierliches Hochamt, großer Umzug mit Tiersegnung
  • Manacor: 16. Januar 14.30 Uhr Teufelstreiben, 19 Uhr feierliches Hochamt; 17. Januar 11 Uhr Tiersegnung