Altöttinger Liebfrauenbote

Usho und Raphael sind beste Freunde im dürregeplagten Grenzgebiet von Kenia und Äthiopien – Sternsingeraktion sammelt für Kenia

"Wir müssen zusammenhalten"

Usho und Raphael leben im kenianisch-äthiopischen Grenzgebiet. Sie gehören unterschiedlichen Ethnien an, zwischen denen es immer wieder zu Spannungen kommt – nicht zuletzt auch wegen der Folgen des Klimawandels. Doch die beiden Buben bringt so schnell nichts auseinander.

Sie gehören verschiedenen Ethnien an, die oft Streit haben in lebensfeindlicher Umwelt – Usho und Raphael sind trotzdem unzertrennlich.
Sie gehören verschiedenen Ethnien an, die oft Streit haben in lebensfeindlicher Umwelt – Usho und Raphael sind trotzdem unzertrennlich.

Ein Posten verloren am Ende der Welt, das ist der erste Eindruck von Todonyang, einer Missionsstation der Gemeinschaft St. Paul der Apostel. Der Ort liegt im äußersten Nordosten Kenias, an den Grenzen zu Äthiopien und dem Sudan, dem sogenannten Ilemi-Dreieck. Ein heißer Wind fegt über das eingezäunte, weitläufige Areal der Station mit Priesterhaus, Gästezelten, Schule und Internat. Hinter den Zäunen erstreckt sich eine karge, flache Landschaft. Hier und da steht ein struppiger Strauch oder eine blassgrüne Schirmakazie. Der Boden ist rissig vor Trockenheit, das Gras spärlich und gelb verbrannt. Am Horizont ist die Silhouette einer Bergkette zu sehen und Richtung Südosten ein flimmernder Streifen Wasser, der Turkana-See.

Neben der Missionsstation stehen verstreut einige Häuschen. Früher war Todonyang ein Dorf, in dem rund 1.500 Menschen der Ethnien Dassanech aus Äthiopien und der Turkana aus Kenia weitgehend friedlich miteinander lebten. Es gab lokalen Handel, Kooperativen und interethnische Hochzeiten, eine Grundschule, eine Krankenstation und eine Kirche. Ende der 1990er-Jahre kam es jedoch zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Turkana und den Dassanech. Es ging um Weideland, Zugang zu Wasser und Viehraub. Deutlich verschärft wurden die Konflikte durch die zunehmenden Folgen des Klimawandels – Dürre und Hunger – sowie durch die von somalischen Händlern eingeführten Waffen. Während die Dassanech vor der Gewalt über die Grenze nach Äthiopien zogen, gingen die Turkana in die Ortschaft Lowarengak, wo sie in einem überfüllten Flüchtlingscamp unterkamen. Das Dorf Todonyang löste sich weitgehend auf.

"Ein Kind, das in die Schule geht, hält keine Waffe"

Usho und Raphael.
Was für eine Freundschaft: Usho (l.) und Raphael (r.) verstehen sich auch ohne Worte.

Nach und nach kamen jedoch mehrere Turkana-Familien nach Todonyang zurück, und im Jahr 2006 wurde die Missionsstation wieder eröffnet. Ausdrückliches Ziel der Ordensleute: den Friedensprozess fördern und die immer wieder aufflackernden Konflikte zwischen den Dassanech und den Turkana in der Grenzregion eindämmen. Dass dies weder einfach noch durchgehend erfolgreich ist, zeigten die schweren Auseinandersetzungen im Jahr 2011, die mehr als 30 Todesopfer forderten und hunderte Menschen in die Flucht trieben. Auch Ende März 2016 kam es zu gewalttätigen Ereignissen: Eine bewaffnete Miliz der Dassanech überfiel das Dorf und die Mission, schändete Gräber und beschädigte Grundschule und Missionsgebäude. Menschen wurden getötet, verletzt und vertrieben.Einige Monate später scheint wieder Ruhe eingekehrt zu sein in Todonyang, vor allem auch dank der Ordensleute, die sich unermüdlich für den Dialog zwischen den Dassanech und Turkana einsetzen. Sie vermitteln bei schwelenden Streitigkeiten um Weideland und Wasser, sprechen mit den Gemeindeverantwortlichen und stärken das friedliche Zusammenleben der beiden Ethnien mit wirksamen Instrumenten: Bildung und Kontaktmöglichkeiten von klein auf. "Schule ist der wichtigste Schlüssel für Veränderung", sagt Bischof Dominic Kimengich von der Diözese Lodwar, zu der Todonyang gehört. "Ein Kind, das in die Schule geht, hält keine Waffe in der Hand. Ein Kind, das lernen kann, sieht und beurteilt Dinge anders."

In der Grundschule der Mission, die auch von den Sternsingern aus Deutschland unterstützt wird, werden Turkana- und Dassanech-Kinder gemeinsam unterrichtet. Im Internat teilen sie sich die gleichen Schlafräume. Sie lernen, essen, singen, beten, spielen und lachen gemeinsam. Noch gibt es viel mehr Turkana-Kinder, die hier leben und lernen, doch zunehmend interessieren sich auch Dassanech-Familien für das Lehrangebot und vertrauen darauf, dass ihre Kinder sicher untergebracht sind. Schule und Internat genießen einen guten Ruf, unterrichtet wird auf Englisch und Kishuaheli, den kenianischen Landessprachen.

Enge Freundschaft

Gute Laune trotz aller Enge im Schlafsaal.
Gute Laune trotz aller Enge im Schlafsaal.

140 Jungen und Mädchen zwischen fünf und 13 Jahren besuchen die Einrichtung, darunter auch Usho und Raphael. Beide Jungen sind neun Jahre alt und besuchen die dritte Klasse. Usho, große schwermütige Augen, verschmitztes Lächeln, stammt aus Äthiopien. Raphael, zarte Züge, schüchterner Blick, ist Turkana. Während Ushos Vater Dorfältester ist, eine Art Bürgermeister, arbeitet Raphaels Vater als Fischer. Ihre unterschiedliche Herkunft tut der Freundschaft der beiden Jungen keinen Abbruch. Und was für eine Freundschaft!

Unzertrennlich sind die beiden, sie reden viel miteinander, kichern, verständigen sich aber auch ohne Worte. Wenn Sie über das Schulgelände laufen, legt der eine dem anderen den Arm über die Schulter oder sie halten sich wie selbstverständlich an der Hand. Wenn einer Heimweh hat, tröstet ihn der andere. Beide Jungen vermissen manchmal ihre Familien, die sie nur am Wochenende sehen, aber sie leben gern im Internat und gehen auch gerne zur Schule.

Ob sie sich manchmal streiten? "Nein, nie", versichern beide. Seit der ersten Klasse sind sie unzertrennlich. Sie übernachten auch im gleichen Schlafsaal, der zwar äußerst einfach ausgestattet, aber sauber ist und von den Kindern mitgepflegt wird. Alle müssen unter der Anleitung der resoluten Hausmutter "Mama" dabei helfen, Ordnung zu halten, auch die Kleinsten. Der Tagesablauf ist für alle Kinder klar strukturiert zwischen Schule, Freizeit, Mahlzeiten, Schlafenszeiten. In einer Region, die viel an Hunger leidet, ist es besonders wertvoll, dass die Kinder im Internat täglich drei Mahlzeiten bekommen. "Das ist wichtig für ihre Entwicklung und ihre Konzentrationsfähigkeit", sagt Pater Andrew, Priester in Todonyang. "Und es entlastet die Eltern." Dennoch bringen die Eltern bei ihren Besuchen den Kindern nach Möglichkeit etwas zu essen mit, selbst in den langen Dürrezeiten, in denen sie selbst kaum etwas haben. Die meisten leben von der Viehzucht, die durch den ständigen Wassermangel beeinträchtigt wird.

Neue Zukunftschancen

Schule bedeutet Zukunft.
Schule bedeutet Zukunft.

Schule und Internat sollen die Kinder darauf vorbereiten, später vielleicht andere, wetterunabhängigere Einkommensmöglichkeiten zu erhalten. Die 13-jährige Mary Akai, die die sechste Klasse besucht und nicht nur in ihren Lieblingsfächern Mathematik und Naturwissenschaften Bestnoten erzielt, weiß genau, welchen Beruf sie später gerne ausüben würde. "Ich möchte Pilotin werden", sagt das große schlanke Turkana-Mädchen ruhig und bestimmt. Daniel, elf Jahre, schaut bewundernd zu ihr hoch.

Beide Kinder sind befreundet, trotz des Altersunterschieds und der unterschiedlichen Herkunft. Daniel gehört den Dassanech an, seine Familie lebt in Äthiopien. Für ihn war es zunächst schwierig, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Mary nahm ihn rasch unter ihre Fittiche. Sie kümmert sich um ihn, erklärt ihm vieles und hilft ihm bei den Hausaufgaben. In den Pausen treffen sie sich, sie gibt auf ihn acht, er dankt es ihr mit uneingeschränkter Zuneigung.

Kinder wie Usho und Raphael, Mary und Daniel werden dazu beitragen können, das Verhältnis zwischen Turkana und Dassanech dauerhaft zu befrieden. Dies ist dringend notwendig. Denn konfliktgeschwächt und untereinander zerstritten, verschärfen sich die schwierigen Lebensbedingungen dieser verletzlichen Bevölkerungsgruppen zusätzlich. Zudem bedrohen auf äthiopischer Seite der Bau eines Staudamms am Omo-Fluss und die Verpachtung von Land an ausländische Konsortien die Lebensgrundlage der Dassanech.

Von ihrem Land vertrieben, gelangen sie vermehrt auf die kenianische Seite. Doch das Zusammenleben mit den Turkana gestaltet sich, angesichts zu knapper Ressourcen, nicht einfach. Umgekehrt sehen es viele Dassanech nicht gern, dass einige Turkana die grünen Weideplätze in der Nähe des Omo-Flusses zu nutzen suchen. Verbindend wirken auch hier wieder die Ordensleute: mit einer mobilen Klinik, die die Dassanech an der Grenze zu Äthiopien kostenlos behandelt, werden Vorurteile, Ängste und Konkurrenzdenken abgebaut.

"Wir müssen zusammenhalten", diese Erkenntnis setzt sich mittlerweile bei mehr und mehr Dassanech und Turkana in der Grenzregion durch. Doch der Frieden bleibt zerbrechlich, solange Klimawandel und Dürre, Vertreibungen und Vernachlässigung die Menschen und ihre Lebensgrundlagen bedrohen.

Text: Verena Hanf / Fotos: Bettina Flitner (Kindermissionswerk)

59. Aktion Dreikönigssingen

Zum 59. Mal werden rund um den 6. Januar 2017 bundesweit die Sternsinger unterwegs sein. "Segen bringen, Segen sein. Gemeinsam für Gottes Schöpfung – in Kenia und weltweit!" heißt das Leitwort der diesjährigen Aktion Dreikönigssingen, bei der in allen 27 deutschen Bistümern wieder Kinder und Jugendliche in den Gewändern der Heiligen Drei Könige von Tür zu Tür ziehen werden. Beispielland ist Kenia, inhaltlich dreht sich alles um den Klimawandel und seine Folgen. Bei der 58. Aktion zum Jahresbeginn 2016 hatten sich rund 330.000 Mädchen und Jungen beteiligt. 1.551 Projekte für Not leidende Kinder in 108 Ländern konnten die Sternsinger 2015 unterstützen. Träger der bundesweiten Aktion sind das Kindermissionswerk 'Die Sternsinger' und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

Text: red