Altöttinger Liebfrauenbote

Zunehmend droht Pilgerkommerz das Wallfahrtsziel zu vereinnahmen

Santiago als "Rummelplatz"

Jakobus als Püppchen. Jakobus in Kerzenform. Der Heilige als kitschiges T-Shirt-Motiv. Dazu körbeweise die Schalen der Jakobusmuscheln, Sets mit Pilgerhut und Stab, nachempfundene Trinkkürbisse in Taschenformat. Der Wallfahrtskommerz in Santiago de Compostela, dem Ziel aller Jakobswegpilger mit dem legendären Grab des Apostels Jakobus, treibt zunehmend stärkere Blüten.

Die Läden in Santiago de Compostela bieten eine riesige Vielfalt an oft kitschigen und nicht selten überteuerten Pilgerandenken an.
Die Läden in Santiago de Compostela bieten eine riesige Vielfalt an oft kitschigen und nicht selten überteuerten Pilgerandenken an.

Oft überschreitet die Geschäftigkeit in Santiago de Compostela alle Grenzen des guten Geschmacks – und die des persönlichen Budgets. Spätestens dann, wenn der Blick in den Auslagen von Juweliergeschäften auf ein kunstvolles, jüngst propagiertes Pilgerarmband "Pulsera Peregrina" fällt, in das plastische Symbole wie die Muschel und ein Wanderschuh eingearbeitet sind. Kostenpunkt: stolze 291 Euro. Doch auch die kleinen Beträge lösen Kopfschütteln aus.

Da Pilger die Kathedrale neuerdings aus sogenannten "Sicherheitsgründen" nicht mehr mit Rucksäcken betreten dürfen, sehen sich viele zu einer Gepäckaufbewahrung für zwei Euro genötigt. Wer zur Pilgermesse um zwölf Uhr mittags mit geschulterter Last anrückt, ohne vorher Quartier genommen zu haben, wird von menschlichen "Abfangjägern" aufgehalten.

"Santiago ist doch eine Pilgerkathedrale und das mit den zwei Euro glatte Abzocke"

Wallfahrer vor der Pilgerkathedrale in Santiago de Compostela.
Wallfahrer vor der Pilgerkathedrale in Santiago de Compostela.

Diese postieren sich weit vor dem Südportal, durch das es zur Pilgermesse hineingeht, und sondieren die potenzielle Klientel mit scharfem Blick. "Da drüben könnt ihr den Rucksack abgeben", lautet die Standardformel, während sie auf den Pilgershop "Campus Stellae" deuten. Kaum jemand entgeht den Anwerbern. Wer dennoch ein Stück weiter bis zum Kathedralportal durchkommt, prallt schlussendlich vor dem Zugang auf einen unwirschen, uniformierten Wachmann. Er hält Pilger mit Rucksack auf und untersagt definitiv den Zutritt.

Gelegentlich kommt es zu lautstarken Diskussionen. Melanie, eine Pilgerin aus dem Schwäbischen und nunmehr zum zweiten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs, hat für die Verbotspraxis nicht das geringste Verständnis. "Santiago ist doch eine Pilgerkathedrale und das mit den zwei Euro glatte Abzocke", urteilt sie. Im Laden "Campus Stellae" läuft derweil das Business glänzend. "An manchen Tagen kommen bei uns 300 Rucksäcke zur Aufbewahrung", sagt der Depothüter, der die Gepäckstücke samt zugehöriger Identifizierungszettel entgegennimmt, die die Pilger im Vorraum ausfüllen müssen. "Bis 20.30 Uhr haben wir geöffnet", sagt er und stellt die gebührenpflichtige Rucksackaufbewahrung ins Licht eines exzellenten Service.

Leistungszertifikat für 3 Euro

Diese Pilger gehen das letzte Wegstück Barfuß.
Diese Pilger gehen das letzte Wegstück Barfuß.

Rucksackaufbewahrung gibt es auch im Pilgerzentrum, das etwa zehn Gehminuten vom Südportal der Kathedrale entfernt liegt. Das schlägt ebenfalls mit zwei Euro zu Buche. Kostenlos ist im Pilgerzentrum die Ausgabe der "Compostela"-Pilgerurkunde. Vorausgesetzt, man weist per Stempelfolgen im Pilgerausweis nach, mindestens die letzten 100 Kilometer bis Santiago marschiert zu sein bzw. die letzten 200 Kilometer per Fahrrad zurückgelegt zu haben. Wer die Pilgerurkunde bekommt, dem wird gleich ein verlockendes Zusatzangebot unterbreitet: das persönliche Leistungszertifikat ("certificado de distancia") für drei Euro. Die meisten Ankömmlinge schlagen ein. Läden in Santiago haben sich darauf spezialisiert, die Dokumente in Plastik einschweißen zu lassen. Alternativ bieten sie Schutzrollen an.

Traurige Tatsache ist, dass nicht jeder ins internationale Pilgerzentrum hineinkommt – eigentlich ein öffentliches Gebäude. "Zutritt nur für Pilger mit Pilgerausweis", sagt der Wachmann harsch. Ganz so, als sei die Pilgerschaft bürokratisch an ein Dokument gekoppelt. Oder als wäre ein Pilger ohne Ausweis kein Mensch, den man für würdig erachtet, das Zentrum zu betreten. Eine beschämende Praxis fernab von Christengedanken.

Geschäft mit dem Weihrauchwerfer

Vor dem Betreten der Jakobskathedrale werden Pilger sehr bestimmt von menschlichen "Abfangjägern" angehalten, ihre Rucksäcke kostenpflichtig zur Aufbewahrung abzugeben.
Vor dem Betreten der Jakobskathedrale werden Pilger sehr bestimmt von menschlichen "Abfangjägern" angehalten, ihre Rucksäcke kostenpflichtig zur Aufbewahrung abzugeben.

Auf einem anderen Blatt des Wallfahrtskommerzes steht der berühmte Weihrauchwerfer Botafumeiro, der gelegentlich am Ende der Pilgermessen zum Einsatz kommt. Offiziell heißt es dazu: an wichtigen Festtagen. Hingegen ist es ein offenes Geheimnis, dass der Botafumeiro gegen Geld bei der Erzdiözese bestellt werden kann. Eigentlich sollte dahinter zumindest irgendeine Art von Pilgergedanken stehen, doch das ist graue Theorie. Eusebio, ein langjähriger Fremdenführer, der nicht mit seinem Echtnamen genannt werden will, kennt die Spanne der unterschiedlich gehandhabten Tarife: "Für Pilgergruppen verlangt man 350 bis 400 Euro, für Landausflüge von Kreuzfahrtschiffen etwas mehr, bei Ärztekongressen können es auch mal 1.000 Euro sein." So verkommt der Weihrauchwerfer zunehmend zum finanzierten Spektakel – und verleiht der Kathedrale von Santiago den Charakter eines Rummelplatzes.

Dem Zustrom auf dem Jakobsweg und nach Santiago de Compostela hat all dies keinen Abbruch getan – selbst im Oktober trafen an manchen Tagen über tausend Pilger ein – absolute Rekordwerte. Dass sich im Pilgerzentrum lange Schlangen bilden und die Wartezeit zuweilen zwei Stunden und mehr beträgt, bis man an der Reihe ist und die Urkunde oder das Zusatzzertifikat bekommt, wird selbstverständlich gerne verschwiegen.

Text und Fotos: Andreas Drouve