Altöttinger Liebfrauenbote

Brauchtumsexperte Günter Schenk über den eigentlichen Sinn der närrischen Zeit

"Kostüme sind kein Selbstzweck"

Günter Schenk ist Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht. Mit dem nur alle drei Jahre vergebenen Preis werden Persönlichkeiten geehrt, die sich um das Fest besonders verdient gemacht haben. Der Preis ist die höchste kulturelle Auszeichnung des Bundes Deutscher Karneval, in dem Millionen Fastnachter organisiert sind. Im Interview spricht Schenk über den Stellenwert der närrischen Feiern aus seiner ganz persönlichen Sicht und Erfahrung.

Günter Schenk als frisch gebackener "Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht" 2012.
Günter Schenk als frisch gebackener "Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht" 2012. – Günter Schenk, Jahrgang 1948 und geborener Mainzer, ist Fastnachtsexperte. Seine Reisen durch das "närrische Europa" dokumentierte der Journalist in zahlreichen Reportagen für renommierte Zeitungen und Magazine. Als Autor porträtierte er in zahlreichen Fernsehfilmen und Hörfunkdokumentationen Europas närrische Bräuche. Zu seiner Arbeit gehören auch mehrere Bücher zur Geschichte der Mainzer Fastnacht. Bedeutungswandel und Sinnkrise des Karnevals widmete Schenk die Bücher "Fastnacht zwischen Brauch und Party. Karneval total" (2007) und "Karneval zwischen Tradition und Kommerz. Kulturerbe als Chance?" (2015). – Im Altöttinger Liebfrauenboten berichtet Günter Schenk regelmäßig über vornehmlich religiöses Brauchtum in aller Welt.

Herr Schenk, Sie gelten als einer der besten Kenner der europäischen Karnevalszene. Hand aufs Herz – feiern Sie selbst noch Fasching, wie es in Bayern und Österreich heißt?
Schenk: Natürlich! Als Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht bin ich ja immer wieder zu Veranstaltungen und Umzügen eingeladen. Und auch in Europa mache ich aus journalistischer Neugier immer wieder bei den Narren Station - von Portugal bis Polen, von Malta bis Großbritannien. Am liebsten bin ich aber unter Freunden, weil Narrsein vor allem Menschsein heißt. Das kann im kroatischen Bergdorf genauso sein wie beim Hausball um die Ecke. Große Bühnenprogramme brauche ich nicht, dafür persönliches Erleben, das ja die närrische Zeit eigentlich ausmacht!

Sie sorgen sich in ihren Büchern um die Zukunft der närrischen Bräuche – warum?
Weil vor allem die Jugend das Fest zunehmend nur noch als Party begreift, als ein Späßchen unter vielen. Das größte deutsche Volksfest aber ist ein Teil unserer Identität. Einmal im Jahr führt es uns vor Augen, dass wir Menschen endlich sind. "Löblich ist ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn", hatte Johann Wolfgang von Goethe, ein viel gereister Zeitgenosse, 1825 in einem Gedicht zum Kölner Karneval geschrieben. Das gilt auch heute noch: Fastnacht ist nicht einzigartig wie ein großes Bühnenspektakel, sondern einmalig. Kostüme oder Masken sind kein Selbstzweck, erst recht keine Mode wie man uns immer wieder weismachen will. Allenfalls bei denen, die jedes Wochenende kostümiert in die Bundesligastadien pilgern oder auf eines der zahllosen Oktoberfeste. Das Kostüm ist Teil des närrischen Rollenspiels und dient der Kontaktaufnahme. Die Maske verbirgt nichts, sondern bringt unser anderes Ich zum Vorschein. Frauen wissen das übrigens besser als Männer. Das jedenfalls hat die Fastnachtsforschung herausgefunden. Bei denen steht Schminken und Kostümieren zu Karneval ganz vorne auf der närrischen To-Do-Liste, gemeinsames Trinken ist der Favorit bei den Männern.

Plädieren Sie für einen Karneval ohne Alkohol?
Nein, in Maßen belebt er jede närrische Feier. Kulturgeschichtlich gehört auch der Rausch zum Fest. Im jüdischen Karneval zum Beispiel, dem Purimfest, ist der Rausch sogar religiös vorgeschrieben, einmal im Jahr sollen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Der Rausch aber, und das müssen wir vor allem den jungen Menschen klarmachen, steht immer am Ende des Festes, markiert sein natürliches Ende. Im Suff kann man kaum Fastnacht feiern. Zudem tragen volltrunkene Karnevalisten zum schlechten Bild des Festes bei, das viele, wie etwa Familien mit Kindern, vom Feiern abhält.

"Was der Fasching auf Dauer jedenfalls nicht verträgt, ist wenn er zum Event wird"

Greesenfastnacht in Saarwellingen.
Greesenfastnacht in Saarwellingen.

Wie viel Kommerz verträgt das närrische Brauchtum?
Ich weiß es nicht! Was der Fasching auf Dauer jedenfalls nicht verträgt, ist wenn er zum Event wird: zum beliebigen, von ausschließlich kommerziellen Interessen bestimmten Ereignis. Ich zitiere noch einmal Goethe, der auch gesagt hat: "Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt". Das gilt auch heute noch. Jeder kulturell engagierte Mensch sollte deshalb beherzigen, dass als Veranstalter des Festes eigentlich nur Faschingsvereine in Frage kommen. Alle anderen Organisatoren, sieht man von gemeinnützigen oder caritativen Einrichtungen einmal ab, nutzen das Fest nur, um Geld zu verdienen. Die ersten Narrenverbände haben das inzwischen verinnerlicht und ihre Mitglieder in ihren Ethik-Chartas ermahnt, Veranstaltungen ausschließlich kommerzieller Veranstalter zu meiden.

Damit sind wir beim "Karneval im Sommer". Ist der Trend in dieser Richtung noch zu stoppen?
Wenn sich alle Menschen bewusst wären, dass der Karneval seinen angestammten Platz an der Schwelle zur österlichen Fastenzeit hat, wäre das längst kein Thema mehr. Wenn die von den sozialen Medien befeuerte kulturelle Demenz unserer Gesellschaft aber weiter fortschreitet, wird eine partyhungrige Spezies auch im Sommer maskiert zu Veranstaltungen pilgern, die Brauereien oder andere Veranstalter aus ausschließlich kommerziellen Gründen aus der Taufe heben werden. Echte Narren gehen da nicht hin! Die kämen auch nie auf die Idee, Weihnachten im Mai oder Ostern im Oktober zu feiern.

Familienfeste, in denen Spontaneität die Perfektion ersetzt

Fastnacht in Buchen im Odenwald.
Die zahlreichen "Huddelbätze", die übrigens keine Masken tragen, sind mit ihrem Fleckenkostüm die auffälligsten Narrenfiguren der Fastnacht in Buchen im Odenwald. Sie symbolisieren als Lichtgestalten und Zeichen der Lebendigkeit den Frühling.

In vielen Gemeinden sind Umzüge, aber auch Saalveranstaltungen aus den närrischen Terminkalendern verschwunden, weil die Veranstaltungen sich nicht mehr rechneten. Was raten Sie den Narren dort?
Weitermachen! Fasching ist ein Fest der Güte, nicht der Masse. Das Fest der Narren braucht keine großen Säle, sondern menschliche Nähe. Ein Hausball oder der gemeinsame Zug durch die Kneipen hat mehr närrische Qualität als eine Prunk- und Protzveranstaltung, in dem der schöne Schein triumphiert. In meiner Heimatstadt Mainz erleben wir dieses Jahr ein Revival alter närrischer Formate wie Damensitzungen im Dämmerlicht oder die Nachthemdensitzung. Da kommen nicht Tausende, sondern allenfalls ein paar hundert Narren zusammen. Das sind genau betrachtet große Familienfeste, in denen Spontaneität die Perfektion ersetzt. Zu meinen schönsten Erlebnissen zählt übrigens eine Veranstaltung, in der der Sitzungspräsident während eines Vortrages eingeschlafen war und zwei Redner fast den gleichen Vortrag hielten, den Sie aus dem Internet abgekupfert hatten. Das ist närrische Realität, die näher an uns Menschen ist als eine Veranstaltung, in der ein Profiredner seinen Vortrag zum dreißigsten mal abspult.

Das soll zum Lachen sein?
Ja, mehr jedenfalls als irgendwelche Witzchen. Die Menschen, hat die Lachforschung erst vor kurzem wieder eindrucksvoll bewiesen, lachen vor allem gern über sich selbst oder ihre Mitmenschen. Situationskomik ist es, die uns bewegt: Ein Ballett, das außer Takt gerät, die Prinzessin, die statt im Festkleid im Fetzenkostüm erscheint, mit dem Besen in der Hand statt prunkvollem Zepter. Karneval heißt doch eigentlich, die Welt auf den Kopf zu stellen. Daran sollten wir wieder mehr denken! Auch für einen Abend oder ein paar Stunden mal die Rollen zwischen Mann und Frau tauschen, aus der eigenen Haut fahren. Das ist Psychohygiene, das spart viele Tausend Stunden Therapie

Aber das ist doch nicht lustig ...
Wo steht denn geschrieben, dass Fasching lustig sein muss. Ich habe viele erlebt, die schon vor Aschermittwoch zu Tränen gerührt waren, weil sie der närrische Blues gepackt hat. Wir sollten darüber nachdenken, warum wir von Jahr zu Jahr weniger lachen, obwohl die Armada professioneller Spaßmacher immer größer wird, sich im Fernsehen eine Lach-Show an die nächste reiht.

"Karneval erinnert uns einmal im Jahr, dass alles im Leben einen Anfang und ein Ende hat"

Das "Kölner Dreigestirn" – Prinz, Bauer und Jungfrau – im Deutschen Fastnachtsmuseum.
Das "Kölner Dreigestirn" – Prinz, Bauer und Jungfrau – im Deutschen Fastnachtsmuseum.

Der Karneval zählt inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der Bundesrepublik. Was bedeutet diese Anerkennung?
Die schwäbisch-alemannischen Narren und die Karnevalisten in den sogenannten ABCD-Städten, also Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf, dürfen sich mit diesem Siegel schmücken. Es ist die kulturelle Anerkennung eines Festes, dessen Sinn aus der Sinnlichkeit erwächst. Und das immer auch sozial sein muss. Denken Sie daran, dass sich die Väter des organisierten Karnevals alle einig waren, in der Kampagne erzielte Überschüsse nach Aschermittwoch sozialen Zwecken zur Verfügung zu stellen. Für Kommerz ist im Kulturerbe kein Platz! Karneval, verheißt die Auszeichnung aber auch, ist Verpflichtung, das Fest für alle offen zu halten: Arme und Reiche, Junge und Alte. Am größten Rollenspiel der Welt muss jeder teilhaben können.

Wie kann die Integration der Flüchtlinge in den Karneval gelingen?
Wenn Sie einem Menschen aus anderen Kulturkreisen unseren Karneval näher bringen wollen, laden sie ihn einfach ein, nehmen sie ihn auf einen Ball oder Umzug mit. Lassen sie ihn spüren, dass sie ihn mögen. Hauen sie ihm aber ja keine Flyer oder Schriften um die Ohren oder überfrachten ihn mit Vorträgen und fachlichen Erklärungen. Er muss mit dem Herzen lernen, mit Verstand allein lässt sich Karneval nicht vermitteln.

Karneval ist also Lebensgefühl?
Karneval erinnert uns einmal im Jahr, dass alles im Leben einen Anfang und ein Ende hat. Dass aus Kindern Männer und Frauen werden, aus Jungfrauen Mütter, aus Vätern Opas. Wenn in der Nacht zum Aschermittwoch der personifizierte Fasching in Gestalt einer Stroh- oder Lumpenfigur zu Grabe getragen wird, verbrannt oder ersäuft, verschwindet symbolisch das Alte und macht Platz für Neues. Oder etwas philosophischer: Der Tod wird mit dem Menschen geboren. Das ist die Botschaft, die hinter allem Mummenschanz steckt. Eine Botschaft, mit der alle Menschen leben können – nicht nur Christen übrigens.

Interview: red, Fotos: Günther Schenk