Altöttinger Liebfrauenbote

Christliche Fanclubs verbinden Fußballleidenschaft mit Ablehnung von Gewalt, Hass und Ausgrenzung in den Stadien

"Zu uns darf jeder kommen"

Seit kurzem läuft die Rückrunde in der Fußball-Bundesliga, auch DFB-Pokal und Champions League fesseln wieder die Fans. Leider verstören allzu oft die Bilder brutaler Gewalt zwischen den Anhängern gegnerischer Vereine. Doch es geht auch anders: Viele deutsche Vereine haben mittlerweile einen christlichen Fanclub. Die Mitglieder verknüpfen zwei Leidenschaften miteinander, sie sind engagierte Fußballfans und zudem engagierte Christen – gemeinsame Gottesdienste unterschiedlicher Clubs eingeschlossen.

Beim "Derbygottesdienst" hängt selbstverständlich die Fahne der "Totalen Offensive" neben der von "Mit Gott auf Schalke".
Beim "Derbygottesdienst" hängt selbstverständlich die Fahne der "Totalen Offensive" neben der von "Mit Gott auf Schalke".

Die "gelbe Wand" im Stadion in Dortmund löst nicht nur bei den eigenen Fans Kribbeln im Bauch oder eine Gänsehaut aus. Die Stimmung auf der Südtribüne ist gefürchtet. Wer genauer auf die "Süd" blickt, entdeckt dort auch eine Fahne mit einem Fischsymbol. Es ist das Erkennungszeichen der "Totalen Offensive": des christlichen Fanclubs der Borussen.

Doch nicht nur die Dortmunder haben einen christlichen Fanclub. Vorreiter war der Hamburger SV. Ein christliches Plakat nach einem Spiel der Norddeutschen gab im Jahr 2005 den Anstoß. Sieben Personen machten sich gemeinsam Gedanken, wie sie die Idee eines christlichen Fanclubs mit Leben füllen können. Aktuell gibt es bundesweit vierzehn Fanclubs der "Totalen Offensive", darunter bei sieben Vereinen der ersten Bundesliga.

Der Hamburger Clubvorsitzende Uwe Grantien ist Pastor der Anskar-Kirche. Die Gründungswelle aus Hamburg ist zwei Jahre später in den Ruhrpott geschwappt. 2007 gründeten die Gelsenkirchener "Mit Gott auf Schalke". Gemeinsam mit dem bekennenden Christen und Schalke-Spieler Marcelo Bordon brachte der Fanclub eine Schalke-Bibel mit den Texten des Neuen Testaments auf den Markt, die 2008 auch den christlichen Medienpreis "Goldener Kompass" bekam. Einige Monate später wurde die Dortmunder "Totale Offensive" gegründet.

Außer auf Schalke treten alle christlichen Fanclubs mit gleichem Namen und einem wiedererkennbaren Logo auf. Inhaltlich gibt es keine Unterschiede. Symbol aller Vereine ist ein Fisch auf den jeweiligen Vereinsfarben. Er ist nicht nur das Symbol der ersten Christen. Er zeigt auch, dass hier Menschen aktiv sind, die auch einmal gegen den Strom schwimmen. Sie lehnen Gewalt, Hass und Ausgrenzung in den Stadien ab. Das Motto lautet "Gemeinsam sind wir stark". Die Mitglieder der Fanclubs sind insgesamt ein bunter Querschnitt der Gesellschaft. "Zu uns darf jeder kommen", sagt Eckhard Stolz von "Mit Gott auf Schalke".

Bei den christlichen Fanclubs scheinen auch Dinge möglich, die für eingefleischte Fans undenkbar sind. Es ist Donnerstagabend, 19.04 Uhr. In 48 Stunden wird das Spiel der beiden Rivalen Borussia Dortmund und Schalke 04 angepfiffen. Gerade dieses Derby ist aufgrund der langjährigen Rivalität immer mit einem großen Sicherheitsrisiko behaftet und die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Aber in der Hoffnungskirche in Herten sitzen die Fans beider Mannschaften einträchtig nebeneinander. Sie feiern Gottesdienst und setzen damit ein Zeichen. Der Derby-Gottesdienst ist mittlerweile fester Bestandteil im Kalender der beiden Fanclubs. Für die 150 Besucher ist es kein Problem, dass der Keyboarder der Band ein Schalke-Trikot trägt, während der Bassist – gut zu sehen – Anhänger von Borussia Dortmund ist.

Kein "Tod und Hass"

Der erste dieser Derby-Gottesdienste fand auf "neutralem Boden" in Bochum statt. Die Initiatoren waren sich nicht sicher, wie die Idee ankommen würde. Die Zweite Vorsitzende von "Mit Gott auf Schalke" Anke Ballhausen beobachtet, dass viele Fans ihren Glauben nicht im Alltag leben wollen. "Das findet eher sonntags in der Kirche statt. Dies wollen wir gerne aufbrechen."

Im Stadion wollen sie einen Unterschied machen: "'Tod und Hass dem BVB' singen wir nicht mit", sagt sie. Auch Schiedsrichter oder gegnerische Spieler beschimpfen sie nicht. An Weihnachten verteilen beide Clubs Geschenke an die Ordner und die Polizisten: "Ohne sie wäre ein reibungsloser Ablauf der Spiele gar nicht möglich", erklärt Stolz. Auch wenn für die christlichen Fans im Stadion Fußball im Mittelpunkt steht, bleibt die Bibel der Maßstab ihres Lebens. Mit 400 Mitgliedern sind die Dortmunder neben den Hamburgern der größte christliche Fanclub. Auf Schalke haben sich bisher 100 Mitstreiter gefunden. Die jährlichen deutschlandweiten Treffen erweitern den Horizont. Es sind intensive Freundschaften entstanden. Gegenseitig unterstützen sich die Vereine in der Gründungsphase oder bei Problemen.

Dortmunds Vorsitzender Oliver Römer ist Borusse, solange er denken kann. Er freut sich, dass er in der "Totalen Offensive" seine beiden Leidenschaften Glaube und Fußball vereinen und damit Menschen erreichen kann. Neben den üblichen Aktivitäten ist die Fanclub-Arbeit in vielen Städten gleichzeitig Sozialarbeit. Denn neben dem Fußball und dem Glauben haben die Mitglieder der christlichen Fanclubs oft noch eine dritte Leidenschaft: Die Leidenschaft für die Menschen um sie herum, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ihnen möchten sie helfen und für sie da sein. Dies kann bei Turnieren, Grillabenden oder Familientagen sein. Hin und wieder kommen sie dabei auch auf Glaubensthemen zu sprechen. Vor Ort ist die Arbeit sehr individuell. Die Fanclubs bemühen sich, Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen einen Stadionbesuch zu ermöglichen. Die Dortmunder bieten am Borsigplatz Live-Übertragungen der BVB-Spiele an. Zwischen 150 und 200 Fans können Römer und seine Mitstreiter dann begrüßen.

Obwohl alle Fanclub-Mitglieder ihre Aufgaben ehrenamtlich machen, haben sie noch genügend Ideen für die Zukunft: sie wollen sich sowohl untereinander besser vernetzen, als auch in ihrem Stadtteil noch einige Veranstaltungen anbieten und damit ihre Sozialarbeit ausbauen. Der eine oder andere Seitenhieb gegen den Rivalen muss dann aber doch noch sein: Die Dortmunder werden höflich gebeten, beim Essen nach dem Gottesdienst auch Messer und Gabeln zu benutzen. Nach dem Derby am darauffolgenden Samstag, das 0:0 endete, spielen dann wieder alle zusammen: in Gottes Team.

Text und Fotos: Johannes Weil (Christliches Medienmagazin pro)