Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Besuch in Nicaraguas schönster Kolonialstadt Granada

Im "Haus der drei Welten"

"Wie eklig!", ruft eines der Mädchen, als ihr Töpferkursleiterin Ligia Sandino einen feuchten Tonklumpen in die Hand drückt. Bald haben sich die Kinderhände daran gewöhnt, und an den Tischen beginnt ein munteres Werkeln. Durch die geöffneten Türen streichen warme Luftzüge hinein. Draußen holpern gelegentlich Pferdekarren vorbei. Das gehört zum Alltagssound in Granada, Nicaraguas schönster Kolonialstadt.

Töpferkurs in der Kindermalschule des "Hauses der drei Welten" in Granada.
Töpferkurs in der Kindermalschule des "Hauses der drei Welten" in Granada.

Der Frühnachmittagskurs mit Töpfern für Sechs- bis Elfjährige gehört zum vielfältigen Angebot im "Haus der drei Welten", der "Casa de los Tres Mundos". In diesem Jahr feiert die dahinterstehende Stiftung 30jähriges Bestehen, das Haus wird 25 Jahre alt. Prominente Gründerväter waren 1987 der österreichische Schauspieler Dietmar Schönherr und der nicaraguanische Dichter und seinerzeitige Kulturminister unter den Sandinisten, Ernesto Cardenal.

Hinter der ambitionierten Initiative steckte die Idee, im damals zerrissenen Nicaragua der Revolutionszeit ein facettenreiches Kultur- und Sozialprojekt aufzubauen, wobei der Schwerpunkt auf der kreativen Förderung von Kindern und Jugendlichen liegen sollte. Die Chronik des Hauses gibt Aufschluss zum Kerngedanken, der unverändert Gültigkeit besitzt: "Nur eine mehrschichtige Förderung von kulturellen, materiellen und edukativen Aspekten kann selbsttragende Veränderungen bewirken und die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig verbessern." Zieht man gegenwärtig ein Zwischenfazit, bleibt festzuhalten: Das ist rundum gelungen. Das "Haus der drei Welten" hat sich national und international einen Ruf erarbeitet und ist als Kultur- und Entwicklungsinstitution aus Granada nicht mehr wegzudenken.

Schwierige Anfänge

Der gebürtige Österreicher Dieter Stadler ist langjähriger Leiter der Stiftung (Fundación) "Casa de los Tres Mundos".
Der gebürtige Österreicher Dieter Stadler ist langjähriger Leiter der Stiftung (Fundación) "Casa de los Tres Mundos".

Im "Haus der drei Welten" war aller Anfang schwer. Das dafür vorgesehene Gebäude, dessen Vorläufer in der Kolonialepoche der Sitz des spanischen Gouverneurs war, war baufällig und wurde vor allem dank ehrenamtlichen Einsatzes umfangreich renoviert. Das weiß niemand besser als Dieter Stadler. Der 64jährige gehört quasi zum Inventar. Seit 1988 ist er hier. Und seit 1994, zwei Jahre nach der Einweihung des Hauses, liegt die Leitung in seinen Händen. Damals, während der Revolutionszeit, sei es schon schwierig gewesen, die normalen Dinge des Lebens zu kaufen, erinnert sich Stadler. Umso komplizierter gestaltete es sich, Materialien und Werkzeuge zu besorgen, die man für die Renovierung brauchte. "Hier halfen viele Solidaritätsbegeisterte mit, darunter Handwerker und Studenten", so Stadler.

Schauspielstar Dietmar Schönherr war es, der seinen Landsmann Stadler von der Caritas Österreich nach Granada holte. Den historischen Auftakt der Aktivitäten im "Haus der drei Welten" machte eine Druckwerkstatt mit einem Dutzend Teilnehmer. Dann ging es Schritt für Schritt weiter. Die Grafikwerkstatt existiert nach wie vor, dazu gesellten sich die Musikschule (nunmehr der wichtigste Bereich), eine Theaterschule, zwei Chöre, eine Bibliothek und die Kindermalschule "Infantilarte", wo der Nachwuchs auch töpfern kann. "Unsere Angebote verstehen wir komplementär zur Schule, wo weder eine künstlerische noch musikalische Ausbildung auf dem Lehrplan stehen", umreißt Dieter Stadler und erklärt: "Dadurch entwickeln sich die Kinder besser, bekommen größeres Selbstvertrauen und lernen ihre Kreativität kennen. Das ist wichtig für die Persönlichkeitsbildung."

Hauseigene Radiostation

Das geschichtsträchtige "Haus der drei Welten" in Granada legt sich um mehrere Innenhöfe, hier der größte.
Das geschichtsträchtige "Haus der drei Welten" in Granada legt sich um mehrere Innenhöfe, hier der größte.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Casa de los Tres Mundos laut Stadler überdies "zu einer Art Aussöhnungsort" avancierte. Da sich die Bevölkerung in Granada in Gegner und Befürworter der Revolution in Nicaragua gesplittet habe, konnten sich die Vertreter beider Lager später in unverfänglicher Atmosphäre im Haus treffen. "Das ging bei einem Konzert, beim Theater", blickt Stadler zurück.

Heute gibt es verschiedenste Kurse, dazu im Schnitt zwei Kulturveranstaltungen pro Woche. Das kann ein Konzert, ein Theaterstück, eine Ausstellungseröffnung, eine Dichterlesung sein. Damit setzt das "Haus der drei Welten" in Granada Maßstäbe.

Eine Überraschung erlebt, wer neben einem der Innenhöfe eine unscheinbare Tür öffnet. Weit gefehlt, wer vermutet, dahinter läge eine Abstellkammer. Plötzlich steht man im kleinen, professionellen Studio von "Radio Volcán". Es ist der hauseigene Radiosender der Casa de los Tres Mundos. Im Studio ist gerade Moderator Gerard Sequeira mit einer Stunde Romantikmusik am Mittag auf Sendung und bringt in den Anmoderationen gekonnt seine Schmusestimme zum Einsatz. Im Rücken von Gerard wirbelt ein Ventilator, zusätzlich sorgt eine Klimaanlage für Kühlung. Bei "Radio Volcán" gibt es die unterschiedlichsten Programme, erklärt Koordinator Danilo Brenes: von Sport über Nachrichten bis zu Cumbia-Rhythmen. Und immer donnerstags, um zwölf Uhr mittags, berichte eine einstündige Sendung über die kulturellen Aktivitäten der Casa de los Tres Mundos. "Radio Volcán" habe fast 4.000 Follower auf Facebook und werde allein im Internet von bis zu 16.000 Menschen gehört, sagt Danilo Brenes stolz.

"Kultur darf kein Luxus sein"

Die Fassade des "Hauses der drei Welten" im abendlichen Laternenlicht.
Die Fassade des "Hauses der drei Welten" im abendlichen Laternenlicht.

Der Einfluss des "Hauses der drei Welten" strahlt bis in die Hauptstadt Managua aus. Dort wird seit Jahren das an Kinder gerichtete Projekt "Música en los barrios" (Musik in den Stadtteilen) betrieben. "Zählt man alle Bereiche zusammen, inklusive jene aus Managua, kommen wir auf tausend Kinder wöchentlich, die wir betreuen", kalkuliert Dieter Stadler. Ein wenig Sorge macht Stadler derzeit der Fluss der Spendengelder – denn sein Haus finanziert sich aus zwei Dritteln Spenden. Im deutschsprachigen Raum kümmert sich darum die Hilfsorganisation "Pan y Arte" (Brot und Kunst), die mit dem Leitsatz "Kultur darf kein Luxus sein" wirbt. Henning Scherf, der langjährige Vorsitzende von "Pan y Arte" und ehemals Bürgermeister von Bremen, wird nicht müde zu appellieren: "Überzeugen Sie sich von unserer Idee, den Menschen in Nicaragua durch Kunst und Kultur eine bessere Zukunft zu schenken."

Ein Drittel der Finanzen, die für die Erhaltung des Hauses und das über 50köpfige Personal nötig sind, erwirtschaftet die Casa selbst. Dazu kann jeder – wer mag – mit seinem Eintrittsgeld beitragen. Der Besuch lohnt ebenso wie jener der nahen Kathedrale von Granada und der Kirche La Merced mit dem Aufstieg in den Glockenturm. Der Eintritt ins "Haus der drei Welten" kostet umgerechnet 70 Cent. Dafür darf man die kühlen Innenhöfe durchstreifen, sich die laufende Kunstausstellung ansehen und einen Blick in die Werkstätten werfen.

Text und Fotos: Andreas Drouve