Altöttinger Liebfrauenbote

Einkehrtag der Marianischen Männerkongregation zu "Amoris laetitia"

Wachsen und reifen

Mit dem Papstschreiben "Amoris laetitia" (AL) zu Ehe und Familie hat sich die Marianische Männerkongregation Altötting (MC) heuer ein schwieriges Thema für ihre insgesamt vier Einkehrtage im Franziskushaus ausgesucht. Der Referent, MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel, erinnerte am 28. Januar aber vor allem auch an die vielen positiven Elemente des Schreibens, die in der öffentlichen Diskussion kaum auftauchen.

MC-Präses Br. Georg Greimel beim MC-Einkehrtag.
MC-Präses Br. Georg Greimel beim MC-Einkehrtag.

Seit der Enzyklika "Humanae vitae" von Papst Paul VI. (1968) habe kein Papstschreiben mehr so viel "Aufregung und Diskussion" in der Kirche und in der Öffentlichkeit verursacht, leitete Br. Georg seinen Vortrag ein. Im Vergleich zum Streit um AL in der Kirche, den vier Kardinäle bewusst an die Öffentlichkeit getragen haben, verlief der Einkehrtag der MC dann aber doch recht ruhig. Lediglich ein Sodale beschwerte sich am Ende des Vortrags über die "Verwirrung", die das Schreiben und der Streit darüber an der kirchlichen Basis hervorgerufen hätten und erntete zustimmendes Gemurmel. Sein Argument: Menschen könnten nie alles alleine schaffen, sie bräuchten stets Gottes Hilfe – "mehr miteinander beten", riet der Sodale den Ehepaaren und fragte, wieso das Gebet bei der derzeitigen Diskussion keine Rolle spiele.

Eine Kritik, die zweierlei verdeutlicht: Die Diskussion in der Öffentlichkeit beunruhigt nicht nur die kirchliche Basis, sie verdeckt auch die Kernanliegen der Kirche zu Ehe und Familie und zum Anliegen des päpstlichen Schreibens AL, denn: Natürlich spielt das Gebet in der Familie eine zentrale Rolle – auch im aktuellen Papstschreiben AL, wo es etwa in Punkt 29 heißt: "Die Familie ist berufen, das tägliche Gebet, die Lektüre des Wortes Gottes und die eucharistische Kommunion miteinander zu teilen, um die Liebe wachsen zu lassen und sich immer mehr in einen Tempel zu verwandeln, in dem der Heilige Geist wohnt." Nur dass dies in der Öffentlichkeit keine Erwähnung findet, da ständig über das Thema "wiederverheiratet Geschiedene" gesprochen wird. Auch Br. Georg warnte davor, dass man "blind wird für den ganzen Reichtum des Themas", wenn man nur über einzelne Kapitel und eine bestimmte Fußnote des Schreibens spreche. "Das Papstschreiben bietet so viel mehr", betonte er und verwies u.a. auf die 76 Paragraphen im vierten Kapitel zur "Liebe in der Ehe", dem mit Abstand umfangreichsten Kapitel, das öffentlich kaum Widerhall findet. Br. Georg: Papst Franziskus gehe es um das Positive und um das Schöne einer Ehe. Ausdrücklich betonte der MC-Präses, dass das Schreiben AL "keine neuen gesetzlichen Regelungen erlassen hat" und dass es "voll auf die bestehende Lehre der Vorgänger-Päpste aufbaut". Tatsache sei aber auch: AL führe die bisherige Lehre weiter.

Gemeinsamer Weg

Wie dies geschieht, das erläuterte Br. Georg ausführlich in seinem Vortrag. Der MC-Präses erinnerte an den Ausgangspunkt des Papstschreibens AL, an die beiden Synoden zu Ehe und Familie, an denen Kardinäle und Bischöfe der ganzen Welt zusammengekommen waren, um eben nicht nur bestehende Regeln festzuschreiben, sondern einen "gemeinsamen Weg" zu finden (vgl. "synodos" aus dem Griechischen zusammengesetzt aus syn (zusammen) und hodos (Weg). Die katholische Kirche vereine viele Kulturen, die im Laufe der Zeit verschiedene Lösungen gefunden hätten. Und so kann laut Br. Georg eben nicht immer alles zentral von "Rom" entschieden werden.

Br. Georg erklärte in Anlehnung an AL vor allem auch, dass die Ehe ein "dynamischer Weg" sei. Auch wenn es für die Gläubigen nach wie vor klare christliche Ideale gebe, mache es wenig Sinn, den Menschen ein strenges Regelkorsett aufzuzwingen, denn: wer auf einem Weg sei, dem müsse auch Platz gegeben werden, um zu wachsen und zu reifen. Das Thema "wachsen und reifen können" ziehe sich wie ein roter Faden durch das Schreiben AL, erklärte Br. Georg. Kein Wunder, schließlich drehe sich alles um das Thema, das auch im Evangelium zentral sei: um "die Liebe". Die Liebe sei "wie eine Tür in die Ewigkeit", stellte der MC-Präses fest. Es gehe um eine "tiefe Liebe", die nicht einfach zu erreichen sei und deshalb habe Papst Franziskus die Kirche dazu aufgerufen, die Menschen zu begleiten und zu ermutigen, statt den Menschen "einen Katalog strikter Verbote" zu erteilen. Wenn die Kirche stets nur eine starre Regelanwendung im Blick hätte, "dann wären wir wieder bei den Pharisäern", warnte Br. Georg.

Br. Georg erläuterte: Der Weg in einer Ehe werde von vielen Faktoren, darunter auch von gesellschaftlichen Missständen beeinflusst; u.a. nannte er die Schnelllebigkeit und das zunehmende Kosten-Nutzen-Denken. Umso mehr seien Seelsorger dazu aufgerufen, die Menschen zu begleiten und die vielen unterschiedlichen Situationen "verantwortungsvoll zu prüfen und zu unterscheiden". Ausdrücklich wies er auf das Kapitel VI des Schreibens AL über die "pastoralen Perspektiven" u.a. zur Ehevorbereitung und zur Begleitung der Eheleute hin.

"Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen."

Familie auf dem Altöttinger Kapellplatz.
Familie auf dem Altöttinger Kapellplatz.

Freilich kam der MC-Präses auch nicht am 8. Kapitel "Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern" sowie auf die darin enthaltene Fußnote 351 vorbei, die für so viel Aufregung gesorgt hatte. Zum Streitpunkt, ob wiederverheiratet Geschiedene die Eucharistie erhalten dürfen, verwies der MC-Präses u.a. auf das Papstschreiben "Evangelii gaudium", wo es in Punkt 47 heißt: "Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen." Ein Freifahrtschein für betroffene Personen sei dies gleichwohl nicht, der Empfang der Eucharistie setze eine verantwortungsvolle Gewissensprüfung voraus – auch kein einfacher Weg. Doch auch bei diesem Punkt überwiege das Positive: Die Kirche wolle die Menschen nicht ausgrenzen, sondern in ihre Gemeinschaft eingliedern, erklärte Br. Georg. Allgemein sagte er: "Die Pfarrer müssen auch den verlorenen Schafen nachgehen."

Eine echte Herausforderung angesichts abnehmender Priesterzahlen in Deutschland, räumte der MC-Präses allerdings auch ein. Umso wichtiger sei es, dass auch die Laien mitwirkten, etwa indem sie ihre Kinder christlich erziehen – der christlichen Kindererziehung hat Papst Franziskus in seinem Schreiben ein extra Kapitel (Kap. 7) gewidmet, wie Br. Georg erwähnte.

Festzustellen bleibt auch nach diesem Einkehrtag: Um über den Glauben nicht nur zu diskutieren oder gar zu streiten, sondern um im Glauben zu wachsen und zu reifen, macht es einem das aktuelle Papstschreiben AL alles andere als leicht. Es gibt noch viel zu besprechen und stets viele Gründe zu beten. Letzteres taten die MC-Sodalen wie bei jedem Einkehrtag u.a. mit einem Rosenkranz-Gebet und einer Eucharistiefeier am Nachmittag.

Text: Michael Glaß, Foots: Michael Glaß 2, Roswitha Dorfner 1