Altöttinger Liebfrauenbote

Die Adveniat-Weihnachtsaktion 2017: "Faire Arbeit. Würde. Helfen." – Ein Blick nach Brasilien

Sklaven an Brasiliens Agrargrenze

Die Adveniat-Weihnachtsaktion blickt heuer unter anderem nach Brasilien. Mehr als hundert Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei schuften im Norden Brasiliens immer noch Menschen in sklavenähnlichen Abhängigkeiten – auf den Viehweiden, an den Holzkohlemeilern, in den Erzminen.

Bruder Xavier Plassat, Koordinator der Nationalen Kampagne gegen Sklavenarbeit der CPT, auf dem Fluss Rio Araguaia.
Bruder Xavier Plassat, Koordinator der Nationalen Kampagne gegen Sklavenarbeit der CPT, auf dem Fluss Rio Araguaia.
Bruder Xavier Plassat spricht mit Dona Juscelina Gomes dos Santos, 86 Jahre, Vorsitzende der Einwohnervereinigung der Quilombola-Gemeinde Dona Juscelina. Als Quilombo bezeichnete man zur Zeit der portugiesischen Herrschaft eine Niederlassung geflohener schwarzer Sklaven in Brasilien. Noch heute leben dort die Nachfahren und prägen die Kultur der Dorfbewohner.
Bruder Xavier Plassat spricht mit Dona Juscelina Gomes dos Santos, 86 Jahre, Vorsitzende der Einwohnervereinigung der Quilombola-Gemeinde Dona Juscelina. Als Quilombo bezeichnete man zur Zeit der portugiesischen Herrschaft eine Niederlassung geflohener schwarzer Sklaven in Brasilien. Noch heute leben dort die Nachfahren und prägen die Kultur der Dorfbewohner.

62 Morde. 25 mehr als im Jahr zuvor. Das meldet die "Comissão Pastoral da Terra", die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützte Landpastoral der brasilianischen Kirche. Drei von vier Morden sind 2016 entlang der Agrargrenze verübt worden, also dort, wo sich das Agrobusiness in den Amazonaswald Nordbrasiliens hineinfrisst. An eben dieser Agrargrenze, in der Kleinstadt Araguaína im Norden des Bundesstaats Tocantins, kämpft der französische Dominikaner Xavier Jean Marie Plassat seit dreißig Jahren gegen die Sklaverei, gegen die Ausbeutung armer Arbeiter durch Großgrundbesitzer und das Agrobusiness. Die Region ist ein heißes Pflaster. Drei der 62 Morde haben sich 2016 hier ereignet.

Das komme nicht von ungefähr. Araguaína sei ein wichtiger Knotenpunkt. Hier kommen Wanderarbeiter aus dem armen Nordosten auf ihrem Weg in die Amazonasregion durch, berichtet Plassat. Brasiliens Landwirtschaft ist der einzige Sektor, der selbst in den Krisenjahren floriert. Doch die gut bezahlten Jobs, die die Dürre-Flüchtlinge des Nordostens hier suchen, gibt es nicht.

Stattdessen geraten sie oft in sklavenähnliche Abhängigkeiten auf den Viehweiden, an den Holzkohlemeilern und in den Erzminen. "Man stellt sich unter Sklaven immer noch die angeketteten Galeerenruderer à la Hollywood vor", so Xavier. "Aber Sklaven sind zuallererst Menschen, denen man eine menschenwürdige Existenz abspricht."

Unter prekärsten Bedingungen mitten im Nirgendwo

Bauer Natal Lopes da Silva (genannt "Bigode", dt. "Schnauzbart") auf seinem Hof "Charara Sao Francisco de Assis" – eine Ansiedlung von Kleinbauern "Asentamento Manoel Alves" in Muricilandia.
Bauer Natal Lopes da Silva (genannt "Bigode", dt. "Schnauzbart") auf seinem Hof "Charara Sao Francisco de Assis" – eine Ansiedlung von Kleinbauern "Asentamento Manoel Alves" in Muricilandia.
Natal Lopes da Silva erntet Kartoffeln auf seinem Hof "Charara Sao Francisco de Assis".
Natal Lopes da Silva erntet Kartoffeln auf seinem Hof "Charara Sao Francisco de Assis".

João Luis da Costa ist es so ergangen. Nach einem Leben voller Entbehrungen stand er mit Mitte sechzig plötzlich alleine und mittellos da – und erlag den Versprechen eines Farmbesitzers, der ihm Hoffnung auf einen Job machte. Über ein Jahr schuftete er unter prekärsten Bedingungen mitten im Nirgendwo. Auf den zugesagten Lohn wartete er vergebens. Dann befreite ihn ein mobiler Einsatztrupp des Arbeitsministeriums.

Jetzt sitzt er im Hinterhof des Übergangsheims "Dona Olinda", das die Landpastoral außerhalb von Araguaína eingerichtet hat. Hier kommen die befreiten Arbeiter an. Hier können sie erst einmal ihr Leben neu sortieren. Für João haben die Anwälte, die mit der Kirche zusammenarbeiten, die ausstehenden Löhne sowie eine Entschädigung herausgeholt. Jetzt will er nur noch weg. Auftragskiller seien auf ihn angesetzt – glaubt er.

Für Xavier Plassat steht fest: Die armen Landarbeiter können überhaupt nur durch Großgrundbesitzer versklavt werden, weil sie über kein eigenes Feld verfügen, weil sie Landlose sind. Bauern, die nicht mehr wüssten, wie sie ihre Familien durchbringen können, seien am anfälligsten für Ausbeutung. Irgendwann seien sie bereit, jede ihnen angebotene Arbeit anzunehmen – und sei sie auch noch so prekär.

Die Familien bräuchten ihr eigenes Land, auf dem sie in Würde arbeiten und leben können. Doch die Landreform ist seit Jahrzehnten ein offenes Versprechen der Politiker. Letztlich habe sich seit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien, im Mai 1888, nicht viel getan, so Plassat. "Man sagte den Sklaven damals: 'Ihr seid frei.' Aber frei wozu, wenn man keinen Zugang zum Land hat?" Viele seien damals als offiziell freie Menschen wieder auf die Farmen ihrer ehemaligen Sklavenhalter zurückgekehrt. Wo sollten sie sonst arbeiten, ohne eigenes Land?

Jahrelange Odyssee durch Landlosencamps

João Luis da Costa, 66 Jahre, mit der Skulptur "Preso" (dt.: "Gefangener") des Künstlers Juciliano Rovani Budrys in der Unterkunft für befreite Sklaven der CPT Casa Dona Olinda, Araguaina.
João Luis da Costa, 66 Jahre, mit der Skulptur "Preso" (dt.: "Gefangener") des Künstlers Juciliano Rovani Budrys in der Unterkunft für befreite Sklaven der CPT Casa Dona Olinda, Araguaina.
Bruder Xavier Plassat spricht mit Joao Luis da Costa.
Bruder Xavier Plassat spricht mit Joao Luis da Costa.

Eine jahrelange Odyssee durch Landlosencamps hat auch der 53-jährige Natal Lopes da Silva hinter sich. An Straßen, auf besetzten Landgütern habe man gelebt, stets in der Hoffnung, eines Tages ein eigenes Stück Land zu bekommen, berichtet der Vater von zwölf Kindern. Bis die Landpastoral ihnen im Jahr 2010 von dem Landgut São Francisco de Assis berichtete, das als ein neues Heim für landlose Familien dienen könnte. Brachliegende Flächen darf die Regierung an Enteignete und an Landlose verteilen, so steht es in Brasiliens Verfassung.

Doch einfach ist der Prozess nie. Auch für Natal und seine Mitstreiter folgten Jahre voll von gerichtlichen Auseinandersetzungen, ein juristisches Tauziehen zwischen der einstigen Eigentümerin des Landes und der staatlichen Behörde für Besiedlung und die Agrarreform, dem "Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária", kurz Incra. Heute bestellen auf der Farm 94 Familien ihre Felder. Etwa 700 Personen leben in der Siedlung "Manoel Alves". Jede Familie verfügt über rund 15 Hektar. Genug, um die eigene Familie zu ernähren und den Überschuss auf den umliegenden Märkten zu verkaufen. Sie wissen, dass sie Glück hatten.

Bürokratische Hürden

Kleinbauern demonstrieren vor dem Büro der Landreformbehörde INCRA für die Zuteilung des Landes auf der von ihnen besetzten "Fazenda Levinha".
Kleinbauern demonstrieren vor dem Büro der Landreformbehörde INCRA für die Zuteilung des Landes auf der von ihnen besetzten "Fazenda Levinha".
Bauern besprechen mit Bruder Xavier und Mitarbeitern der CPT das weitere Vorgehen – Besetzung durch landlose Bauern der Fazenda Santa Maria, ca. 24km von Nova Olinda und 74km von Araguaína entfernt.
Bauern besprechen mit Bruder Xavier und Mitarbeitern der CPT das weitere Vorgehen – Besetzung durch landlose Bauern der Fazenda Santa Maria, ca. 24km von Nova Olinda und 74km von Araguaína entfernt.

Denn selbst dort, wo der Gesetzgeber eigentlich Möglichkeiten geschaffen hat, Land an Landlose zu vergeben, scheitert die Übergabe oft an bürokratischen Hürden. Das wussten auch die rund einhundert Demons-
tranten, die vor dem Incra-Gebäude im Zentrum von Araguaína protestierten. Seit den Neunzigerjahren kämpften die Landlosen um die Überschreibung der brachliegenden Farm Levinha. Als es nach juristischem Hin und Her endlich so weit sein sollte, wurde im letzten Moment wieder alles in Frage gestellt.

Denn ein Dekret aus dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Brasília legt fest, dass jeder Bürger, und nicht nur die Landlosen, sich um ein Stück Land bewerben könne. "Konkret heißt das, dass die Leute, die seit Jahren als Landlose gemeldet sind und in den Camps warten, Gefahr laufen, mit leeren Händen dazustehen", sagt Anwalt Silvano Lima Rezende, der die Landlosen vertritt. Siebzig Familien sollten eigentlich auf der Farm angesiedelt werden. Alle Gutachten waren seit Jahren fertig. Bereits 1999 sollte die Farm den Landlosen zugeteilt werden. "Es gab schon Gewalt wegen der Farm", so der Anwalt. Er weiß, wenn die Menschen irgendwann die Verzweiflung packt, dann besetzen sie Landgüter mit Gewalt – wohlwissend, dass die Eigentümer keinesfalls zimperlich reagieren werden.

Xavier Plassat erreicht ein Anruf aus dem benachbarten Teilstaat Mato Grosso. Nahe der Stadt Colniza seien neun Landarbeiter bestialisch ermordet worden. Dahinter stecken wohl Großgrundbesitzer der Region, berichtet die Stimme am Telefon. Schweigend legt der Dominikaner auf. Sein Kampf, der schon dreißig Jahre dauert, ist noch lange nicht zu Ende.

Text: Thomas Milz / Fotos: Florian Kopp (Adveniat)

Unter dem Motto "Faire Arbeit. Würde. Helfen." stellt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat das Recht auf menschenwürdige Arbeit in den Mittelpunkt der bundesweiten Weihnachtsaktion. Eröffnet wurde diese am ersten Adventssonntag, 3. Dezember, im Erzbistum Paderborn. In den Monaten November und Dezember sind Adveniat-Aktionspartner aus Mexiko, El Salvador, Venezuela und Brasilien in den deutschen Bistümern unterwegs, um davon zu berichten, wie sie Menschen aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen befreien und ihnen mit gerecht entlohnter Arbeit Perspektiven eröffnen. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.

Bruder Xavier Plassat – Ein Dominikaner sprengt die Ketten

Seit dreißig Jahren führt der französische Dominikaner Xavier Jean Marie Plassat den Kampf der Landpastoral gegen die Sklaverei im nordbrasilianischen Tocantins an. Mehr als 52.000 befreite Sklaven hat er seit 1995 gezählt.

Bruder Xavier Plassat, Koordinator der Nationalen Kampagne gegen Sklavenarbeit der CPT, Araguaína.
Bruder Xavier Plassat, Koordinator der Nationalen Kampagne gegen Sklavenarbeit der CPT, Araguaína.

Als der französische Dominikaner Xavier Jean Marie Plassat 1983 erstmals Brasilien besuchte, bot sich ihm ein erschreckendes Bild: In den Weiten Zentralbrasiliens und den nördlichen Amazonaswäldern lebten immer noch tausende Menschen unter unwürdigen Bedingungen als Arbeitssklaven der Landwirtschaft. Plassat beschloss, sein Leben der Befreiung der Versklavten zu widmen.

Als Jugendlicher hatte er sich für politische Philosophie und Zahlen begeistert – in den Pariser Studentenprotesten des Jahres 1968 erfuhr er seine ideologische Taufe. Die Suche nach der religiösen Dimension eines "sinnvoll gelebten Lebens", gepaart mit missionarischer Abenteuerlust, führte ihn Anfang der Siebzigerjahre zu den Dominikanern. Eine erste Aufgabe war, den nach Frankreich geflohenen brasilianischen Dominikaner Frei Tito de Alencar Lima zu betreuen, der daheim von den Militärs bestialisch gefoltert wurde. Nach Titos Selbstmord 1974 veröffentlichte Plassat dessen Schriften, neun Jahre später überführte er Titos Leichnam nach Brasilien. Das Land ließ ihn seitdem nicht mehr los.

Ein Leben für die armen, landlosen Bauern

Bruder Xavier Plassat im gemeinsamen Gebet mit Mitbruder Marcos in der Unterkunft der Dominikaner.
Bruder Xavier Plassat im gemeinsamen Gebet mit Mitbruder Marcos in der Unterkunft der Dominikaner.

An der Seite der Befreiungstheologen Pedro Casaldáliga und Tomás Balduíno stritt der heute 67-Jährige mit der katholischen Landpastoral gegen die Gewalt auf dem Land. Er setzte sich für die Rechte von Kleinbauern und die Befreiung von Arbeitssklaven ein. Aufgrund dieser Arbeit erkannte Brasiliens Regierung 1995 die Existenz der Sklaverei offiziell an und erließ Gesetze zu deren Bekämpfung. Die Landpastoral meldet Verstöße und begleitet die Befreiten bei der Rückkehr in ein würdevolles Leben.

Plassat brachte seine Liebe zu Zahlen ein und erstellte die bis heute gültigen Statistiken zur Sklavenbefreiung. In seinem Computer führt er Buch über die 52.000 Schicksale der seit 1995 Befreiten. Unermüdlich widmet er sich in seiner neuen Heimat, dem nördlichen Teilstaat Tocantins, den Risikogruppen – den armen, landlosen Bauern –, um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.

Text: Thomas Milz, Fotos: Florian Kopp (Adveniat)