Altöttinger Liebfrauenbote

Vom heiligen Bischof zum "wüsten Klaus"

Nikolaus und seine "Erben"

Als Heiliger Bischof zieht er in vielen Regionen von Haus zu Haus, als lärmender Unhold in anderen: Sankt Nikolaus. Sein Festtag ist der 6. Dezember, doch manche Nikolausgestalten sind bis Fastnacht unterwegs. Bräuche in ganz Europa gehen mehr oder minder auf die Verehrung des Heiligen zurück, dessen Gebeine italienische Kaufleute anno 1087 aus dem türkischen Städtchen Myra raubten.

Nikolaus-Reliquiar aus St. Nikolaus in Rosenheim.
Nikolaus-Reliquiar aus St. Nikolaus in Rosenheim.
In der Basilica San Nicolo in Bari liegen die Gebeine des hl. Nikolaus – von hier nahm seine Verehrung in ganz Europa ihren Ausgang.
In der Basilica San Nicolo in Bari liegen die Gebeine des hl. Nikolaus – von hier nahm seine Verehrung in ganz Europa ihren Ausgang.
Der Tabernakel in San Nicolo in Bari zeigt Szenen aus dem Leben des Heiligen.
Die "Rettung der drei Jungfrauen" zählt zu den beliebtesten Nikolaus-Legenden.
Die "Rettung der drei Jungfrauen" zählt zu den beliebtesten Nikolaus-Legenden.

Schon im frühen Mittelalter waren die ersten Nikolausreliquien im Abendland aufgetaucht, in Hildesheim, Worms, Benediktbeuern oder Minden zum Beispiel. Doch der eigentliche Kult um den Heiligen begann erst, nachdem italienische Kaufleute seine Gebeine von Myra in Kleinasien ins süditalienische Bari geschafft hatten. Von dort trugen Kreuzfahrer, die auf ihrem Zug ins Heilige Land in Bari einen Zwischenstopp einlegten, die Kunde vom Nikolaus und seinen Wundertaten über die Alpen. Vor allem die Ottonen wurden zu seinem wichtigsten Fürsprecher. Bis zu 5.000 Gotteshäuser, schätzt die Wissenschaft heute, waren dem Heiligen gegen Ende des Mittelalters in Europa geweiht. Neben Hans gehörte Nikolaus und seine Kurzform Klaus jahrhundertelang zu den beliebtesten Taufnamen. Kaufleute und Schiffer verehren ihn seitdem als Schutzpatron. Wirtsleute, Bäcker, Metzger, kinderlose Ehefrauen und viele mehr fühlen sich ihm verbunden.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Legenden um seine Person immer zahlreicher und bunter. Genau betrachtet waren sie eine Mischung aus den Lebensgeschichten zweier Männer, die beide Nikolaus hießen und in Kleinasien lebten. Der eine war im vierten Jahrhundert Bischof von Myra, der andere gut 150 Jahre später Abt zu Sion. Richtig populär aber wurde Nikolaus erst, als die Kirche anno 1222 auf dem Konzil von Oxford den sechsten Dezember, den sie schon Jahrzehnte vorher als Festtag in den Messkanon aufgenommen hatte, zu einem der höchsten kirchlichen Feiertage machte.

Worms, Trier, Köln und Mainz wurden erste Hochburgen des Nikolauskultes, der über Frankreich den Weg an Mosel und Rhein gefunden hatte und sich über Dänemark schließlich bis Island ausbreitete. Fresken, Bilder und Figuren kündeten an Kirchenwänden und Altären von seinem Leben. Immer mehr Bürger gründeten in seinem Namen sogenannte Bruderschaften, die zum Teil noch heute existieren.

Zu den beliebtesten Nikolausgeschichten gehörte die Jungfrauen-Legende. Sie erzählt vom guten, aber armen Vater, der seine drei Töchter "in die offene Sünde der Welt stoßen und von dem Preis ihrer Schande leben wollte", wie die mittelalterlichen Legenden-Schreiber Prostitution und Zuhälterei damals vornehm umschrieben. Doch wie so oft erwies sich Nikolaus auch hier als Retter in der Not. Heimlich ließ er dem Mann Geld (oder Gold – daher das Nikolaus-Attribut der drei goldenen Kugeln) zukommen, so dass der seine Töchter glücklich verheiraten konnte.

Diese Überlieferung war vielen Eltern Anlass, ihren Kindern zum Nikolaustag etwas zu schenken. Süßigkeiten meist, die sie, wie die Goldklumpen in der Legende, ihren Kindern am Vorabend des Festes in die Schuhe steckten. Oder in ein Papierschiffchen, das an zwei andere Wundertaten des Heiligen erinnern sollte: an die Geschichte von der wunderbaren Kornvermehrung und die von der Rettung Sturm geplagter Schiffer.

Mit am populärsten aber war eine im frühen 12. Jahrhundert vermutlich in der Normandie entstandene Legende. Sie erzählt von drei Schülern, die auf der Wanderschaft erschlagen und eingepökelt, vom Nikolaus aber wieder zum Leben erweckt wurden. Es war die Lieblingsgeschichte vieler Klosterschüler, die dieses Mirakel gern in Szene setzten. Unter den Scholaren des Mittelalters war es zudem üblich, im Dezember einen aus ihren Reihen zum Kinder- oder Knaben-Bischof zu wählen. Seine kurzfristige Herrschaft sollte an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern. Für ihre Kinder- oder Knabenbischöfe hatte jede Schule meist eigene liturgische Gewänder, Krummstäbe, Handschuhe und Mitren. Requisiten, die bei den oft mehrtägigen Rollenspielen zum Einsatz kamen.

Vom Kinderbischof zum Gaukelspiel

Die "wüeschti Chläus" oder "Silvesterchlausen" sind im Appenzeller Land verbreitete Nikolaus-"Erben".
Die "wüeschti Chläus" oder "Silvesterchlausen" sind im Appenzeller Land verbreitete Nikolaus-"Erben".
Viele verschiedene Bräuche und Traditionen sind im Zusammenhang mit dem hl. Nikolaus entstanden. Im Bild: Amsterdam – Nikolauseinzug mit Boot aus Spanje.
Viele verschiedene Bräuche und Traditionen sind im Zusammenhang mit dem hl. Nikolaus entstanden. Im Bild: Amsterdam – Nikolauseinzug mit Boot aus Spanje.

Aus dem Spiel um den Kinderbischof entwickelten sich im Lauf der Jahre kleine Umzüge durch die Städte, in deren Rahmen man singend und bettelnd von Haus zu Haus zog. Vor allem beim Adel machte man gern Station, wo gewöhnlich Kuchen und Konfekt gereicht wurden. Zum Nikolausbischof gesellten sich im Lauf der Jahre schließlich immer mehr verkleidete Schüler: Apostel und Heilige, Engel und Mönche, Könige und Kurfürsten, aber auch Narren, Heiden, Mohren und Teufel. Figuren, wie sie in der Fastnacht zum Teil bis heute überlebt haben.

Waren diese Nikolausumzüge anfangs gewöhnlich geordnet und straff organisiert, gaben sie später häufig Anlass zu Kritik. 1435 sah sich das Konzil von Basel sogar genötigt, das "Gauckelspiel" zu verbieten. Zu den schärfsten Kritikern des spätmittelalterlichen Nikolaus-Treibens gehörte Martin Luther, der schon als Kind vom Heiligen gehört hatte. Denn wie in vielen Familien damals brachte auch im Hause Luther der Nikolaus nachts kleine Geschenke. Hatte der Reformator gegen diese Form der Bescherung anfangs kaum Einwände, waren ihm die öffentlichen Nikolausumzüge dagegen zuwider, in denen er ein Werk des Teufels sah.

Heftiger noch als er bekämpften schließlich seine Anhänger den katholischen Heiligen. Im Jahr 1570 verbot der Straßburger Magistrat alle Nikolausumzüge und auch die Bescherung geriet ins Kreuzfeuer. "Es ist Sünde und Schande, dass es heutzutage noch Eltern gibt, die solche Nikolausbescherung in ihren Häusern noch in Brauch haben und ihre Kinder im Glauben lassen, als habe sie Sankt Nikolaus beschert", klagte ein sächsischer Pastor 1617. Noch radikaler war schließlich ein Erlass im Fürstbistum Eichstätt, der das Reichen von Gaben am Nikolaustag ganz untersagte.

Für den katholischen Nikolaus brachten die Anhänger der Reformation den von Luther propagierten "Heiligen Christ" ins Spiel: eine erwachsene Engelsfigur, die wir heute als Christkind kennen. Dahinter verbarg sich nicht wie in der katholischen Glaubensvorstellung das Jesuskind in der Krippe, sondern eine eher weibliche Lichtgestalt. Sogenannte Christkindchen-Märkte, wie sie seit dem 17. Jahrhundert in vielen protestantischen Städten existieren, sollten Luthers Ideen noch populärer machen und den Gedanken an Sankt Nikolaus verdrängen.

Ihren Nikolaus aber ließen sich die Katholiken nicht nehmen. Während die Protestanten in ihren Adventsspielen das Christkind in den Mittelpunkt rückten, machten die Katholiken in ihren Weihnachtsspielen den Nikolaus zur Hauptfigur. Im Dienst der Gegenreformation geriet der Heilige zum Prüfstein für ein tugendhaftes Leben. Richtschnur war dabei die Epistel des Nikolaustages: "Gedenket Eurer Vorsteher, die Euch das Wort Gottes verkündet haben! Schauet auf den Ausgang ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach".

Lehrmeister und Gabenbringer

So kennen und lieben vor allem die Kinder heute die Figur des Nikolaus: als freundlichen Überbringer von Gaben (hier in der Altöttinger Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus).
So kennen und lieben vor allem die Kinder heute die Figur des Nikolaus: als freundlichen Überbringer von Gaben (hier in der Altöttinger Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus).

Damit war der Weg für den pädagogischen Nikolaus frei, den Lehrmeister, der die Kinder strafte und lobte. Gewöhnlich verteilte er dabei ein Gebäck, das als "Spekulatius" bekannt wurde. Der lateinische Name, gern übersetzt mit Wächter oder Prüfer, erinnerte an den Auftrag des Mannes im Bischofsgewand, in dem gewöhnlich Pfarrer oder Lehrer steckten. "Die unschuldigen Kinder besuchen, dieselben examiniere und in der Tugend stärke, auch denselben ihre Fehler mit Diskretion vorhalte und zur Vermehrung der Freude und des Eifers selben ein weniges Kindergeschenk zurücklasse", formulierte ein Graf aus Württemberg Mitte des
18. Jahrhunderts die Aufgabe des Nikolaus.

Als Gabenbringer für alle Kinder aber setzte er sich nur langsam durch, zunächst an den Adelshöfen, später auch in bürgerlichen Familien. In Köln schrieben die Kinder dem Nikolaus richtige Wunschzettel, die sie in einen besonderen Beichtstuhl im Dom einwarfen, auf dem der Heilige mit den Schülern im Pökelfass abgebildet war. Damit sie der Nikolaus nicht vergaß, streuten sie am Vorabend seines Festes Hafer auf die Türschwelle, Futter für seinen Esel. Schließlich gesellten sich zu dem Heiligen im Lauf der Jahre immer mehr böse Gestalten, neben denen sich der Bischof als guter Hirte umso tugendhafter zeigen konnte. Viele dieser Figuren entstammten mittelalterlichen Allegorien, verkörperten menschliche Laster und Triebe. Neben Bären, Eseln und Böcken war es vor allem die raue Percht, die als "domina perchta" Unzucht, Hofart und Schwelgerei personifizierte. Aus ihr wurde schließlich Knecht Ruprecht, die heute populärste Schreckgestalt.

Einige Nikolausbegleiter haben sich längst verselbständigt, treiben als Kläuse vor allem im alpinen Raum ihr Unwesen. So wie die "wüeschti Chläus" (wüsten Kläuse) zum Jahreswechsel im Appenzeller Hinterland oder der "Klaubauf" im Osten Tirols, der sich dort in den Tagen um Nikolaus kleine Prügeleien mit den Einheimischen liefert. Als "Pelzmärtle", als eine in Stroh gebundene Martinsfigur, lebt der Nikolaus bis heute im protestantischen Württemberg, als "Pelznickel" im Bergischen Land, im Hunsrück und der Pfalz. Selbst als Narrengestalt hat er überlebt, als "Fasenikel" im Altmühltal, als ein fastnachtlicher Nikolaus also.

Seine meisten Anhänger aber hat der Nikolaus in Lothringen und der Innerschweiz, wo er inzwischen als Nationalheiliger gilt. Rund um den Vierwaldstätter See gibt es ihm zu Ehren zahlreiche Umzüge, den größten in Küssnacht, wo viele hundert Eidgenossen jährlich mit riesigen Bischofshüten aufmarschieren. Ganz so wie die Chorknaben des Mittelalters, die den Nikolausbrauch vor einem knappen Jahrtausend mit dem Knabenbischofsspiel populär machten.

Text: Günter Schenk, Fotos: Roswitha Dorfner 3, Wolfgang Terhörst 2, Günther Schenk 1, Appenzellerland Tourismus AR 1