Altöttinger Liebfrauenbote

Pater Englert: Seelsorger und Forscher aus Burghausen auf der Osterinsel

König im Land des Hotu Matu'a

Kein Geringerer als der legendäre Völkerkundler und Abenteurer Thor Heyerdahl hat ihn den ungekrönten König der Osterinsel genannt – Kapuzinerpater Sebastian Englert aus Bayern. Bereits seit 20 Jahren hatte der Priester auf der Osterinsel gelebt und die kleine Pfarrstelle im Dorf Hanga Roa mit einigen hundert Seelen betreut, als die Expedition Thor Heyerdahls 1955 das entlegene Eiland erreichte. Ob der einstmalige Schüler Anton Franz Englert bereits von seinen späteren Abenteuern sowie missionarischen und wissenschaftlichen Leistungen träumte, als er um die Jahrhundertwende das Seminar und das Kurfürst-Maximilian-Gymnasium im oberbayerischen Burghausen besuchte?

Kapuzinerpater Englert war 33 Jahre lang Seelsorger und Erforscher der Osterinsel.
Kapuzinerpater Englert war 33 Jahre lang Seelsorger und Erforscher der Osterinsel.

Noch heute gilt Pater Englert als der erste nicht auf der Insel Geborene, der die Sprache der Eingeborenen perfekt beherrschte. In seiner heute noch richtungsweisenden Arbeit hat der bayerische Kapuziner die Sagen und Legenden der Insel gesammelt, die Kultur und Sprache der Insulaner erforscht sowie Grammatik und Wortschatz der Inselsprache in seinem 1948 in Chile erschienenen Buch "La Tierra de Hotu Matu'a", das "Land des Hotu Matu'a" veröffentlicht.

Der spätere Missionar und Völkerkundler entstammt einer frommen Familie aus Dillingen in Schwaben. Geboren am 17. November 1888 trat er als 12-Jähriger ins Seminar der Kapuziner ein, besuchte Schulen in Burghausen und Eichstätt und erhielt 1907, als er als 19-Jähriger in den Orden aufgenommen wurde, zu Ehren seines Vaters den Ordensnamen Sebastian. 1912 wurde er zum Priester geweiht.

Erste seelsorgerische Aufgaben führten den jungen Pater zunächst in eine Pfarrei nach Schwabing und riefen ihn an die Fronten des Ersten Weltkriegs, als Frontkaplan in Belgien und Frankreich. Vier Jahre nach Kriegsende folgte er dem Ruf seines Ordens in die Mission nach Chile.

Neben seiner seelsorgerischen Arbeit erwarb der bayerische Missionar bereits erste Verdienste um Volks- und Völkerkunde in diesem südamerikanischen Land. Er studierte nicht nur die Sprache des Volkes der Mapoche, sondern unternahm auch linguistische Vergleiche mit den Sprachen Quechua und Aymara. Das sind Sprachen der Inkas und heute noch in den Dörfern des andinen Hochlandes im westlichen Südamerika in Gebrauch.

"Er hat unsere Sprache gesprochen"

Pater Englerts Grab befindet sich neben der Pfarrkirche von Hanga Roa.
Pater Englerts Grab befindet sich neben der Pfarrkirche von Hanga Roa.

Pater Sebastian hatte bereits das 47. Lebensjahr erreicht, als er ein neues Abenteuer wagte. Im Auftrag seines Ordens übernahm er 1935 die Seelsorge in der kleinen Gemeinde auf der Osterinsel, der Isla da Pascua, wie sie in Chile genannt wird. Damals, als noch kein internationaler Flugverkehr das Reisen erleichterte, war das rund 3.700 Kilometer westlich von Chile im Pazifik gelegene Eiland mit Sicherheit einer der entlegensten Flecken der Welt mit durchgehender Besiedelung und einer eigenständigen Kultur.

Über 33 Jahre lang lebte Pater Sebastian auf seiner gerade mal rund 160 Quadratkilometer großen Insel, versah nicht nur die Seelsorge, sondern erforschte auch Sprache, Geschichte und Kultur der Insulaner, die nicht weniger spannend sind, als das Leben des Missionars.

Pater Sebastian starb nicht auf seiner Insel, sondern während einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika am 8. Januar 1969 in New Orleans, Louisiana. Seine sterblichen Überreste wurden mit großen Ehren auf die Osterinsel überstellt und neben der Pfarrkirche im Hauptort Hanga Roa bestattet. "Habló nuestra lengua" hält sein Grabstein fest: "Er hat unsere Sprache gesprochen."

Hauptwerk "La Tierra de Hotu Matu'a"

Die Erstausgabe des Buches "La Tierra de Hotu Matu'a" aus dem Jahr 1948 ist im Museum der Osterinsel ausgestellt und wird zu Liebhaberpreisen von über 400 Euro gehandelt.
Die Erstausgabe des Buches "La Tierra de Hotu Matu'a" aus dem Jahr 1948 ist im Museum der Osterinsel ausgestellt und wird zu Liebhaberpreisen von über 400 Euro gehandelt.

Im Feiern der Heiligen Messe hielt sich der Kapuzinerpater an die damals geltenden Vorgaben und zelebrierte in lateinischer Sprache. In seinen Predigten, im Hören der Beichte und im seelsorgerischen Gespräch, gebrauchte der Pater die Sprache der Einheimischen, das nur von wenigen Menschen gesprochene Rapa Nui.

Bereits in den 30er-Jahren publizierte er erste Studien zur Kultur und Sprache der Insel, fasste jedoch erst in seinem 1949 erschienenen Hauptwerk "La Tierra de Hotu Matu'a" seine gesammelten Ergebnisse zusammen. Hotu Matu'a ist laut Pater Sebastian der legendäre erste König der einsamen Insel im Pazifik, der das Eiland mit einigen Männern und Frauen erreichte, nachdem eine Naturkatastrophe ihre ursprüngliche Heimat Hiva zerstört hatte. Pater Englert datierte diese Ankunft in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Die moderne Forschung setzt diese Ereignisse jedoch Jahrhunderte früher an.

In einer späteren Epoche erreichte ein zweites Volk die Insel: Ob aus dem pazifischen Raum oder aus Südamerika, darüber streiten sich heute noch die Gelehrten ebenso wie über die Gründe für den Aufstieg und den Niedergang der Kultur, die rings um die Insel die tonnenschweren Steinskulpturen hinterließ, die bekannten Moai, sowie unzählige andere Artefakte ihrer isolierten Zivilisation wie einige nicht mehr zu entziffernden Inschriften auf Holztafeln.

Viele Rätsel

Geheimnisvolles Eiland: Die tonnenschweren Moais auf der Osterinsel geben auch heute noch zahlreiche Rätsel auf.
Geheimnisvolles Eiland: Die tonnenschweren Moais auf der Osterinsel geben auch heute noch zahlreiche Rätsel auf.

Diese Tafeln, Rongo genannt, mit Schriftzeichen, die denen der frühen Kulturen im Industal aus einer rund 4.000 Jahre älteren und rund 20.000 Kilometer weit entfernten Welt ähneln, sind nur ein weiteres der vielen Rätsel, die heute noch mit der Insel verbunden sind.

Brachte eine Revolution im frühen 18. Jahrhundert zwischen zwei verschiedenen Volksgruppen auf der Insel, der sogenannten Kurzohren und Langohren den Niedergang? Hatten die einen die anderen unterdrückt? Wurde das verfügbare Nutzland zu knapp? Oder hatte die Kultur und das Aufstellen der Moais zuviel Holz verbraucht und letztendlich eine Ökokatastrophe auf der Insel eingeleitet, wie der farbenprächtige Film "Rapa Nui" aus den 90er-Jahren nahelegt? Oder gibt es noch weitere, ganz andere Gründe? Die Forschungen sind längst noch nicht zu Ende. Pater Englert interpretierte die Moais als Grabmäler, die Wesenszüge der Verstorbenen festhalten.

"Kurzohren" und "Langohren"

Neben den stehenden gibt es auch liegende Figuren auf der Osterinsel.
Neben den stehenden gibt es auch liegende Figuren auf der Osterinsel.

In seinem Buch über die Kultur und Geschichte der Insel unterscheidet Pater Englert außerdem nicht, wie viele andere Autoren es tun, die beiden unterschiedlichen Volksgruppen auf der Insel in Kurz- und Langohren, sondern in eine schlanke, zierliche Volksgruppe und eine von eher stämmiger Natur. Künstlich vergrößerte Ohrläppchen schreibt er beiden zu. Die seines Erachtens falsche Bezeichnung der beiden Volksgruppen in Kurz- und Langohren führt Pater Englert auf Übersetzungsfehler ähnlich klingender Worte in der Rapa-Nui-Sprache zurück.

Zu groß ist die Faszination des kleinen Eilands, das in der eigenen Sprache der Insulaner "Te pito o te hanua" genannt wird − "Nabel der Welt" zu deutsch, um sich nicht zu Spekulationen verleiten zu lassen. Immerhin, der englische Seefahrer James Cook, der sie 1774 erreichte, fand sie zu unbedeutend, um sie für die britische Krone in Beschlag zu nehmen. Als der deutsche Schriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts, Albert von Chamisso, 1816 als Fahrgast eines russischen Schoners die Insel erreichte, erfuhr die Mannschaft einen unfreundlichen Empfang, denn in der Zwischenzeit hatten die Insulaner bereits denkbar schlechte Erfahrungen mit europäischen Seefahrern gemacht.

"Große Insel"

Fast zierlich im Vergleich zu den "männlichen" Pendants wirkt diese rund einen Meter hohe "weibliche" Figur aus Stein, die im Inselmuseum als "weiblicher Moai" gezeigt wird.
Fast zierlich im Vergleich zu den "männlichen" Pendants wirkt diese rund einen Meter hohe "weibliche" Figur aus Stein, die im Inselmuseum als "weiblicher Moai" gezeigt wird.

Der in Europa geläufige Name "Osterinsel" geht auf den holländischen Seefahrer Jakob Roggeveen zurück, der die Insel an Ostern 1722 entdeckte. "Rapa Nui" taucht laut Pater Sebastian erstmals in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Name auf und entstammt einer tahitianischen Sprache mit der Bedeutung "große Insel".

In jener Zeit, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, machten Walfangschiffe und Robbenjäger aus aller Welt Station auf der Insel, schleppten Krankheiten ein; peruanische Piraten plünderten die Insel und entführten die Bewohner als Sklaven bis schließlich 1877 nur noch 110 Menschen auf Rapa Nui lebten, wie Pater Sebastian notierte. 1888, im Geburtsjahr von Pater Sebastian, annektierte Chile die kleine Insel. Verschleppte, soweit sie überlebt haben, wurden wieder zurückgeführt. Das neue Leben der Osterinsel begann.

Text und Fotos: Ernst Deubelli