Altöttinger Liebfrauenbote

Santo Toribio de Liébana: Beginn des Heiligen Jahres am 23. April

Besondere Kreuzreliquie in barocker Kapelle

Es ist eine kühle, raue Gegend, in der sich das Kloster Santo Toribio de Liébana aus dem Grün der umliegenden Bergwelt abhebt. Liébana heißt dieser Landstrich in Nordspanien, der im Gebiet der Picos de Europa liegt, eines bis zu 2.648 Meter hohen Gebirgsstocks. Früher herrschte komplette Abgeschiedenheit, heute lässt sich alles leicht über Straßen vom Atlantiksaum her erreichen. Alternativ verläuft aus dem Norden ein traditioneller Pilgerweg, der "Camino Lebaniego", der in jüngster Zeit stark propagiert wird. Knapp 72 Wegkilometer sind es vom Küstenstädtchen San Vicente de la Barquera bis zum Ziel, dem einstigen Benediktinerkloster Santo Toribio de Liébana. Und das trumpft mit einer weltweiten Besonderheit auf, die Wallfahrer seit dem Frühmittelalter anlockt und für Papst Julius II. im Jahre 1512 den Ausschlag gab, Santo Toribio de Liébana das Privileg eines "Heiliges Jahres" zuzugestehen: ein Fragment des legendären Christuskreuzes. Dabei soll es sich gar um das "größte erhaltene Stück des Christuskreuzes" handeln, wie lokale Quellen untermauern.

Kreuzreliquie in Santo Toribio de Liébana.
Kreuzreliquie in Santo Toribio de Liébana.

Ein "Heiliges Jahr" steht dann an, wenn sich, wie aufs Neue in diesem Jahr, der Verehrungstag des klösterlichen Namensgebers Toribio, der 16. April, mit einem Sonntag deckt. Am selben Tag beginnt stets das "Heilige Jahr" – eigentlich. Die diesjährigen Umstände sorgen für eine Ausnahme. Da sich der 16. April mit Ostersonntag deckt, hat man sich entschieden, das "Heilige Jahr" eine Woche später zu beginnen, am 23. April. Es wird bis zum 22. April 2018 dauern.

Was hat es überhaupt mit einem Heiligen namens Toribio, eingedeutscht: Toribius, auf sich? Und wie kam ein Teil des Kreuzes, an dem Christus seine Leiden erlitt, ins Kloster Santo Toribio de Liébana? Handfeste Beweise dafür gibt es nicht, doch eine legendäre Geschichte, die dahintersteht. Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man die Überlieferung bemühen und die Uhren zunächst ins fünfte Jahrhundert zurückdrehen. Damals bekleidete der heilige Toribius das Bischofsamt in der nordspanischen Stadt Astorga. Eigenhändig, so sagt man, brachte er ein Stück des Christuskreuzes aus Jerusalem mit. Dazu besaß er eine päpstliche Erlaubnis. Nachdem das Grab des Heiligen und die Kreuzreliquie lange in Astorga verehrt worden waren, wendete sich das Blatt der Geschichte. Im Jahre 711 fielen die Mauren in Spanien ein und breiteten sich mit dem Islam rasch aus.

Von der Präromanik über die Romanik und die Gotik bis zu Elementen des Barock

Fassadenfront des Klosters Santo Toribio de Liébana.
Fassadenfront des Klosters Santo Toribio de Liébana.

Um die Reste des Toribius vor einer befürchteten Schändung zu bewahren, entschied man sich Mitte des 8. Jahrhunderts, sie zusammen mit dem Kreuzstück an einen sicheren Ort zu schaffen. Dafür erschien ein Kloster in der Bergwelt Kantabriens ideal, das später den Namen des Toribius annehmen sollte. Die Grabstätte und das Reliquiar lockten im Laufe der Zeiten Wallfahrer aus nah und fern an.

Ein wenig verwirrend ist, dass es ein zweiter Toribius war, dem der Ursprung des Klosters zu verdanken war. Dabei handelte es sich um Toribius von Palencia, der im 6. Jahrhundert auf der Suche nach Stille und Einkehr in die Gegend gekommen war und mit einigen Gefährten ein kleines Oratorium errichtet hatte. Dies war die Keimzelle der später ausgebauten Klosteranlage, die stilistische und bauliche Veränderungen erfuhr: von der Präromanik über die Romanik und die Gotik bis zu Elementen des Barock.

Im 8. Jahrhundert war es an einer weiteren historischen Persönlichkeit, dem Mönch Beatus von Liébana, den Ruhm des Klosters zu mehren. Hier verfasste er in der Bergeinsamkeit seinen berühmten "Apokalypse-Kommentar".

Reliquiar aus vergoldetem Silber

Blick in die Kapelle des Allerheiligsten Kreuzes.
Blick in die Kapelle des Allerheiligsten Kreuzes.

Betritt man die Klosterkirche, fühlt man sich warm ummantelt und nimmt inmitten gotischer Bogenstrukturen auf einer Holzbank Platz. Eine Grabstätte des Toribius von Astorga sucht man jedoch vergebens. Sie ist in den Strömen der Zeit untergegangen. Stattdessen führt der Weg in eine Seitenkapelle vor eine Liegend-Skulptur des Heiligen; das Bildnis wurde im 14. Jahrhundert aus Ulmenholz geschnitzt und polychromiert.

Der Hauptfokus im Kircheninnern richtet sich auf die barocke "Kapelle des Allerheiligsten Kreuzes", Capilla de la Santísima Cruz. Dort ist die berühmte Kreuzreliquie in einem Ehrentempelchen ausgestellt. Das Reliquiar misst 63 mal 39 Zentimeter, wurde im 17. Jahrhundert aus vergoldetem Silber gearbeitet und erlaubt dank seiner teils transparenten Front den Blick auf das eingefasste Holz samt erhaltener Löcher.

Verstärkung für die Franziskaner

"Heilige Pforte" mit Bronzearbeiten.
"Heilige Pforte" mit Bronzearbeiten.

Seit 1960, nachdem die umfassende Klosterrestaurierung abgeschlossen war, sind Franziskaner die Wächter des Kreuzes. Heutzutage ist die kleine Gemeinschaft auf drei geschrumpft. Einer von ihnen ist Juan Miguel Pagola, den die Verbindung zu Santo Toribio de Liébana zeitlebens nie losgelassen hat. Früh in seinem Ordenswirken war er 14 Jahre hier, dann 21 Jahre weg, seit vier Jahren ist er zurück an alter Stätte. "Während des 'Heiligen Jahres' bekommen wir Verstärkung aus anderen Häusern von uns", so Juan Miguel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die feierliche Eröffnung des "Heiligen Jahres" am 23. April liegt in Händen des Erzbischofs von Madrid, Kardinal Carlos Osoro Sierra. Zahlreiche weitere Würdenträger werden erwartet. Der Auftakt geht mit der Öffnung der "Pforte der Vergebung", Puerta del Perdón, einher, die fortan geöffnet bleibt. Während des gesamten "Heiligen Jahres" gibt es jeden Tag um zwölf Uhr eine Pilgermesse und im Anschluss daran Gelegenheit für die Gläubigen, das Kreuzreliquiar zu berühren. Sonntags sind zusätzlich immer drei Messen angesetzt.

Surreale Werbemaßnahmen

Skulptur des hl. Toribius von Astorga.
Skulptur des hl. Toribius von Astorga.

Wieviele Menschen im Laufe des "Heiligen Jahres" im Bergheiligtum Santo Toribio de Liébana eintreffen werden, sei "unvorhersehbar", sagt Franziskaner Pagola. Fest steht: Die PR-Maschinerie läuft bereits im Vorfeld auf vollen Touren. Dahinter steckt die Region Kantabrien, die sich an den Boom des Glaubens- und Wallfahrtstourismus in Spanien anhängen will. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela wirkt als großes Vorbild, auch bei surrealen Werbemaßnahmen, um die Zuströme anzukurbeln. Logos und Schriftzüge zum "Heiligen Jahr" in Santo Toribio de Liébana prangen mittlerweile außen auf spanischen Flugzeugen. Und diverse Interessensvereinigungen von Berufsgruppen haben sich unlängst mit dem kantabrischen Landesministerium für Tourismus darauf verständigt, das Logo des "Heiligen Jahres" für Werbezwecke einzusetzen. Nun helfen die Berufsgruppen der Notare, Psychologen, Rechtsanwälte und Zahnmediziner kräftig mit, die Werbetrommel zu rühren ...

Text und Fotos: Andreas Drouve