Altöttinger Liebfrauenbote

Niklaus von Flüe und das Betrachtungsbild in seiner Klause

Das Buch eines Heiligen

Das Betrachtungsbild des Schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flüe ist ein großartiges Zeugnis christlich abendländischer Meditationspraxis. Entstanden gegen 1470 am Oberrhein, ist es heute im Besitz der Pfarrei Sachseln im Schweizer Kanton Obwalden.

In der Klause des Niklaus von Flüe hängt heute am ursprünglichen Ort eine Kopie des Meditationsbildes.
In der Klause des Niklaus von Flüe hängt heute am ursprünglichen Ort eine Kopie des Meditationsbildes (s.u.).

Über eine enge Treppe mit knarzenden Stufen geht es hinauf durch eine sehr schmale Tür in den winzigen Raum der Einsiedelei. Hier, im tief eingeschnittenen Tal Ranft in der Schweizer Gemeinde Sachseln bei Luzern, begann das zweite Leben des Niklaus von Flüe (1417-1487). Und hier, in dieser winzigen, an eine Kapelle angebaute Wohnzelle, verbrachte der Ratsherr und Richter die letzten zwanzig Jahre seines Lebens als Eremit.

An den Wänden hing zu seinen Lebzeiten jahrelang ein dünn mit Temperafarbe bemaltes Tuch, das der gottesfürchtige Mann als Geschenk erhielt und das es zu großer Berühmtheit brachte. Heute hängt in der eiskalten Eremitage eine Kopie des aufrollbaren Stoffbildes mit den Maßen 77 mal 86,5 Zentimeter. Das Original wird in der nahen Pfarrei Sachseln aufbewahrt.

"Das ist mein Buch, darin ich lern"

Meditationsbild des Niklaus von Flüe: Die runden Bilder um das göttliche Antlitz in der Mitte zeigen Motive aus der Heilsgeschichte.
Meditationsbild des Niklaus von Flüe: Die runden Bilder um das göttliche Antlitz in der Mitte zeigen Motive aus der Heilsgeschichte.

"Das ist mein Buch, darin ich lern und darin die Kunst dieser Lehre suche", sagte Bruder Klaus über die Stoffrolle, deren Darstellungen ihm als Meditationsobjekt dienten. Dem Bild liegt die Struktur eines Rades zugrunde. Im Mittelpunkt ist in einem Medaillon das göttliche Antlitz dargestellt, ein Antlitz mit einem gekrönten Haupt. Um diese Mitte sind sechs Medaillons kreisförmig aufgemalt. Beide Kreise sind durch drei auslaufende und drei einlaufende Strahlen verbunden. Die Medaillons sind in der Grundfarbe rot und von einem Goldrand umgeben.

Die sechs Medaillons um das göttliche Antlitz stellen Ereignisse aus der Heilgeschichte und Symbole der Werke der Barmherzigkeit dar: Verkündigung, Geburt Jesu, Schöpfung, Passion, Kreuzestod und Eucharistie. In jedem Rundbild weist ein Symbol auf ein Werk der Barmherzigkeit hin.

In einem der runden Medaillons verkündet der Erzengel Gabriel der Mutter Gottes die Geburt des Herrn. Auf dem Boden liegen zwei Krücken symbolisch für das barmherzige Werk "Kranke besuchen". Ein Wanderstab mit Beutel symbolisiert "Fremde beherbergen" in der Darstellung der Geburt Jesu. Die Darstellung der Schöpfung der Menschen, Tiere und Gestirne wird kombiniert mit einer Darstellung von Brotlaib, Weinkanne und Fisch. Diese Dinge stehen symbolisch für die Werke der Barmherzigkeit "Hungrige und Dürstende speisen". In der Abbildung der Gefangennahme Christi und des Judaskusses liegt eine Kette auf dem Boden. Sie steht für das Werk der Barmherzigkeit "Gefangene besuchen". Im nächsten Medaillon ist die Kreuzigung Christi dargestellt. Das Kleid des Gekreuzigten liegt neben dem Kreuz auf dem Boden. Es steht für "Nackte bekleiden".

Im angrenzenden Medaillon zelebriert ein Priester die Eucharistie. Im Hintergrund neben dem knienden Messdiener steht ein Sarg. Der Sarg erinnert an das Werk der leiblichen Barmherzigkeit – "Tote begraben". "Denselben zarten Leib hat er uns zur Speise gegeben mit seiner ungeteilten Gottheit. Ebenso siehst du diese Speiche, die ebenfalls beim Punkt des inneren Zirkels breit und gegen den äußersten Zirkel klein ist. So ist die Großmächtigkeit Gottes des Allmächtigen in dieser kleinen Substanz der Hostie", sagte Bruder Klaus dazu. Die vier Ecken sind mit den Evangelistensymbolen ausgefüllt.

Text: Peter Beyer (storymacher), Fotos: Ruth Bourgeois (storymacher)