Altöttinger Liebfrauenbote

Die Sophienkathedrale von Kiew beherbergt eine Ikone aus tausenden Ostereiern

Blick in die Ewigkeit

Mit ihren sieben Kuppeln gehört die Sophienkathedrale in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zum Weltkulturerbe. In einer abgedunkelten Kammer birgt das Gotteshaus ein Kunstwerk der besonderen Art: 15.000 traditionelle ukrainische Ostereier aus Holz geben eine Ikone von der Jungfrau Eleusa aus dem 17. Jahrhundert wieder.

Ein Kunstwerk aus tausenden Kunstwerken: die Ostereier-Ikone von Oksana Mas.
Ein Kunstwerk aus tausenden Kunstwerken: die Ostereier-Ikone von Oksana Mas.

Lange gebaut, mehrfach zerstört, immer wieder neu errichtet und erweitert, dann geschlossen und zum Museum umfunktioniert: In ihrer bald tausendjährigen Geschichte hat die Sophienkathedrale in Kiew vieles erlebt und erlitten.

Für ihr Mosaik "Blick in die Ewigkeit" verwendete die ukrainsiche Künstlerin Oksana Mas traditionelle, handbemalte ukrainische Ostereier aus Holz.
Für ihr Mosaik "Blick in die Ewigkeit" verwendete die ukrainsiche Künstlerin Oksana Mas traditionelle, handbemalte ukrainische Ostereier aus Holz.
Detail des Mosaiks.
Detail des Mosaiks.

Mit dem Bau der Kathedrale wurde den Aufzeichnungen zufolge im Jahr 1037 begonnen. In späteren Jahrhunderten überstand das Gebäude den Einfall der Mongolen und der Krimtataren und auch einen großen Brand von 1697. Während der ukrainischen Zugehörigkeit zur Sowjetunion wurde die kirchliche Einrichtung kurzerhand geschlossen und zum staatlichen Sophien-Museum umfunktioniert. 1990 nahm die Unesco die fünfschiffige Kreuzkirche mit ihren sieben Kuppeln in das Weltkulturerbe auf, und nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Jahr darauf wurde der Gebäudekomplex wieder an die orthodoxe Kirche übergeben. Da sich aber das Kiewer und das Moskauer Patriarchat nicht über die Besitzverhältnisse einigen konnten– auch die ukrainisch-katholische Kirche erhob Ansprüche –, machte auch der neu entstandene ukrainische Staat die Kathedrale wieder zum Museum.

Besonders bekannt und berühmt wurde die Sophienkathedrale für ihre herrlichen byzantinischen Mosaike, ähnlich denen in der Hagia Sophia. Derlei Mosaike entstanden schon im Altertum durch Zusammenfügen verschiedenfarbiger oder verschieden geformter Teile, Muster oder Bilder. Dabei haben die jeweiligen Künstler ganz unterschiedliche Materialien verwendet, etwa Stein, Glas, Papier, Stoff- oder auch Leder. Als Reminiszenz an diese prachtvollen Mosaiken bedient sich die ukrainische Künstlerin Oksana Mas in einem abgedunkelten Raum der Sophienkathedrale, der sogenannten Mykhailivska Kammer, eines außergewöhnlichen Materials: Für ihr Mosaik "Blick in die Ewigkeit" verwendet sie traditionelle, handbemalte ukrainische Ostereier aus Holz.

Jedes einzelne Ei ist individuell gestaltet

Oksana Mas.
Oksana Mas.
Ikone der Jungfrau Eleusa. – Das Mosaik "Blick in die Ewigkeit" gibt den oberen Teil der galizischen barocken Ikone von der Jungfrau Eleusa aus dem 17. Jahrhundert wieder.
Ikone der Jungfrau Eleusa. – Das Mosaik "Blick in die Ewigkeit" gibt den oberen Teil der galizischen barocken Ikone von der Jungfrau Eleusa aus dem 17. Jahrhundert wieder.

Das sieben mal sieben Meter große Mosaik besteht aus 15.000 der kleinen ovalen Kunstwerke. Es dauerte neun Monate, bis es fertig war, mehr als 70 Menschen halfen mit, das Werk zu vollenden. Jedes einzelne Ei ist individuell gestaltet. Erst wenn Betrachter von dem großen Mosaik Abstand nehmen, ist das große Bild zu erkennen. Das Mosaik "Blick in die Ewigkeit" gibt den oberen Teil der galizischen barocken Ikone von der Jungfrau Eleusa aus dem 17. Jahrhundert wieder.

Die Jungfrau Eleusa ist eine Darstellung der Jungfrau Maria, bei der das Christuskind an der Wange der Muttergottes ruht. Eleusa bedeutet so viel wie die Mitleidende, die Erbarmerin, und wird dadurch charakterisiert, dass Maria sich dem Kind liebevoll zuwendet, es oft mit der linken Hand berührt und die Gesichter aneinandergeschmiegt sind. Dadurch soll die innige Beziehung zwischen den beiden deutlich sichtbar werden. Der leidvolle Ausdruck im Antlitz Mariens soll darauf hinweisen, dass sie die in der Zukunft liegende Passion bereits voraussehen kann. In dem Ausschnitt der Ikone ziehen die Augen der Mutter Gottes die Blicke der Besucher auf sich. Überall im Raum scheint sie ihnen mit ihren Blicken zu folgen. Auf dem glänzenden Boden spiegeln sich die Augen. Über ihnen erstrahlt die Krone aus geometrischen Mustern in Gold und Gelb.

Erst beim Näherkommen löst sich das Gesamtbild auf, und die einzelnen Eier sind zu erkennen. Deren Gestaltung liegen unterschiedliche Muster aus geometrischen Elementen, Tieren oder Pflanzen zugrunde. In der Ukraine gibt es 24 Regionen und jede hat ihre eigenen Muster. Farben und Formen haben symbolische Bedeutungen und alten Legenden nach auch magische Kräfte. So sollen die geschenkten Ostereier Glück bringen. Diese Bedeutung hat sich bis heute erhalten. In der Osternacht schließlich werden die von Hand bemalten Ostereier im Gottesdienst vom Priester gesegnet.

Text: Peter Beyer (storymacher) / Fotos: Ruth Bourgeois (storymacher)