Altöttinger Liebfrauenbote

Baumkapellen in Frankreich

Dem Himmel nahe

Vom Baum zur Kapelle: Das Dorf La Haye-de-Routot in der Normandie ist berühmt für zwei uralte Eiben, in deren riesigen hohlen Stämmen kleine Kapellen untergebracht sind. Die tausendjährige Stieleiche im westfranzösischen Allouville beherbergt in ihrem mächtigen Inneren sogar gleich zwei Gotteshäuser übereinander. Längst sind diese Baumkirchen über Grenzen hinweg zu beliebten Pilgerstätten geworden.

Die Eiche von Allouville-Bellefosse neben der Dorfkirche.
Die Eiche von Allouville-Bellefosse neben der Dorfkirche.
Die Dorfkirche in La Haye-du-Routot und im Hintergrund die Eiben.
Die Dorfkirche in La Haye-du-Routot und im Hintergrund die Eiben.

Immer nur zwei, höchstens drei Besucher können in die kleine Kapelle schlüpfen. Immerhin befindet sich diese in einer natürlich entstandenen Höhlung in einer Eibe. Der uralte Baum steht nebst einem etwa gleichaltrigen Artgenossen auf dem Friedhof neben der steinernen Kirche im Dörfchens La Haye-de-Routot in der Normandie. Und das schon sehr lange: Anhand ihres Umfangs von vierzehn und sechzehn Meter schätzt man das Alter der beiden Eiben auf etwa 1.500 Jahre. Schon früh galten Eiben als heilige Bäume, und viele Menschen maßen ihnen eine spirituelle Bedeutung bei. Da der immergrüne Baum ein Symbol der Unsterblichkeit war, wie die Zypresse in südlicheren Gefilden, pflanzte man in unseren Breitengraden häufig Eiben auf Friedhöfe. Ein weiterer Grund dafür lag darin, dass Holz, Rinde und Laub der Eibe giftig für Weidevieh ist – und somit Dorfbewohner im Mittelalter davon abhielt, ihr Vieh auf Friedhöfen weiden zu lassen.

Auch in heutiger Zeit haben die uralten Bäume von La-Haye-de-Routot von ihrer magischen Anziehungskraft nichts verloren. Im Gegenteil: Besucher stehen vor der schmalen, niedrigen Holztür an, über der ein Holzkreuz angebracht ist, und warten darauf, dass auch sie eintreten können. Der mit einfachen Holzplanken gedeckte Raum ist niedrig. Alles hier drinnen ist aus dem nachwachsenden Rohstoff – ausgenommen das gehäkelte Altartuch, auf dem eine Statue der Heiligen Anna steht. Die Kapelle selbst ist der Mutter Marias gewidmet. Die große Holzfigur der heiligen Anna beugt sich zu der kleineren Maria, der Mutter Jesu, hinunter. Dabei hält Anna die aufgeschlagene Bibel in den Händen, und gemeinsam schauen die beiden Frauen in die Heilige Schrift.

Wer das Innere dieser Eibe besucht hat, besucht in aller Regel auch ihre Nachbarin, um an deren Marienaltar zu beten. Im Stamm der zweiten Eibe ist es  zu eng, als dass man die Höhlung betreten könnte. Dafür steht in dem Stamm ein Altar mit einer Figur der heiligen Jungfrau Maria von Lourdes, die flehentlich gen Himmel schaut. Der Weiße Altar ist reich mit Blumen geschmückt. Von der Decke hängt ein ewiges Licht.

In diesem Stamm sollst du meine Kirche bauen

Der schmale Eingang zur Baumkapelle von Allouville-Bellefosse.
Der schmale Eingang zur Baumkapelle von Allouville-Bellefosse.
Eingang der Kapelleneibe in La Haye-du-Routot.
Eingang der Kapelleneibe in La Haye-du-Routot.

Als Ende 2013 eine der beiden Eiben schwer kränkelte, setzte sich das ganze Dorf für seine Rettung ein. Es bildete sich sogar eine kleine Bürgerinitiative namens Les Amis des Ifs ("Die Freunde der Eiben").

Hohl ist auch der Hauptstamm der Stieleiche in Allouville-Bellefosse im westfranzösischen Département Seine-Maritime. Bizarr ragen ihre zum Teil abgestorbenen Äste gen Himmel. Auf dem obersten Punkt steht ein kleines Metallkreuz. Löcher und Risse im Stamm wurden mit Holzschindeln abgedeckt, damit die Gläubigen nicht im Regen stehen müssen. Eine hölzerne Außentreppe führt in den zweiten Stock. Hier gibt es eine Tür, die Einlass in die obere Kapelle gewährt. Wer den Blick hebt und den hohlen Stamm hinaufschaut, sieht ein hölzernes Kruzifix an der Wand hängen. Eisenstreben stützen den hohlen Baum von innen und einige noch grüne Äste von außen ab.

1696 hatte der Priester des Dorfes die Idee, zwei kleine Kapellen übereinander im Stamm der alten Eiche unterzubringen. Um seinen Plan zu untermauern und die Größe der zukünftigen Kapelle richtig einzuschätzen, bediente er sich einer ausgefallenen "Messmethode": Mit einer Gruppe Schulkindern stattete er dem Baumriesen einen Besuch ab und bat die Kinder, in den hohlen Stamm zu klettern: 40 von ihnen fanden darin Platz.

Zuerst entstand in einer höher gelegenen Kammer eine Einsiedelei, in der ein Bett, ein Stuhl und ein Tisch untergebracht wurden. Ebenerdig wurde die kleine Kapelle Notre-Dame de la Paix eingerichtet. Die Einsiedelei im "ersten Stock" war Mitte des 19. Jahrhunderts unbewohnbar geworden. Die dringend notwendige Renovierung verhalf der Chêne Millénaire d'Allouville zu ihrem heutigen Aussehen. Sowohl der untere als auch der obere Bauminnenraum wurden mit schmucken Paneelen verkleidet und im damals modernen neugotischen Stil ausgeschmückt. Am 3. Oktober 1854 kam die alte Eiche zu neuen Würden: Sie wurde offiziell zur Kapelle erklärt und vom Bischof geweiht. Die untere Kapelle beherbergt heute einen kleinen Altar.

Das genaue Alter des betagten Baumes ist nicht bekannt. Er steht mindestens 800, vielleicht sogar 1.200 Jahre fest verwurzelt neben der Dorfkirche. Stolze fünfzehn Meter Umfang hat der Baum im Laufe seines langen Lebens gewonnen. Rund 18 Meter ist er hoch. Der Eingang zur unteren Kapelle ist eng. So eng sogar, dass sich selbst schlanke Gläubige durch den Riss hindurchzwängen müssen. Nichtsdestoweniger ist der Holzaltar immer mit Blumen geschmückt. Die Madonna lächelt im Halbdunkel des Stammes milde auf die Gläubigen hinab. Rund tausend Jahre Geschichte sind an der Eiche in Allouville vorübergezogen. Seit 1932 ist die alte Eiche offiziell ein historisches Naturdenkmal. Längst ist die Chêne Millénaire Dorfzentrum und zieht jedes Jahr rund 30.000 bis 40.000 Besucher aus aller Welt an. Die höchsten Besucherzahlen werden anlässlich der Ehrung der Jungfrau Maria am Himmelfahrtstag, dem 15. August, verzeichnet. Denn die uralte Eiche ist mehr als nur ein Baum – sie ist auch eine begehbare Pilgerstätte, in der man dem Himmel ganz nah ist.

Text: Ruth Bourgeois (storymacher), Fotos: Wolfgang Radtke (storymacher)

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Die Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie steht neben der Dorfkirche, direkt an der Straße.
Die Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie steht neben der Dorfkirche, direkt an der Straße.
Die obere Kapelle von Allouville-Bellefosse.
Die obere Kapelle von Allouville-Bellefosse.
Eine Touristin in der oberen Kapelle der Eiche von Allouville.
Eine Touristin in der oberen Kapelle der Eiche von Allouville.
Touristen besuchen die Eiche von Allouville.
Touristen besuchen die Eiche von Allouville.
Eine Touristin verlässt die untere Kapelle der Eiche von Allouville.
Eine Touristin verlässt die untere Kapelle der Eiche von Allouville.
Marienaltar in der unteren Kapelle der Eiche von Allouville.
Marienaltar in der unteren Kapelle der Eiche von Allouville.
Das Dorf La Haye-du-Routot ist berühmt für seine Kirche mit zwei uralten Eiben.
Das Dorf La Haye-du-Routot ist berühmt für seine Kirche mit zwei uralten Eiben.
Eine Touristin steht vor dem Altar für die Jungfrau Maria in La Haye-du-Routot.
Eine Touristin steht vor dem Altar für die Jungfrau Maria in La Haye-du-Routot.
Zwei Touristen stehen vor dem Marienaltar in der Baumkapelle in La Haye-du-Routot.
Zwei Touristen stehen vor dem Marienaltar in der Baumkapelle in La Haye-du-Routot.
Eingang der Kapelleneibe in La Haye-du-Routot.
Eingang der Kapelleneibe in La Haye-du-Routot.
Ein Tourist verlässt die Baumkapelle in La Haye-du-Routot durch die schmale Tür.
Ein Tourist verlässt die Baumkapelle in La Haye-du-Routot durch die schmale Tür.
Zwei Touristen stehen vor dem Marienaltar in der Baumkapelle in La Haye-du-Routot.
Zwei Touristen stehen vor dem Marienaltar in der Baumkapelle in La Haye-du-Routot.