Altöttinger Liebfrauenbote

Zum Gedenktag des Petrus Claver am 9. September – Verehrung im kolumbianischen Cartagena

"Sklave der Sklaven"

In Cartagena, der wichtigsten Hafenstadt in Kolumbien, lebte der heilige Petrus Claver (1580-1654) über Jahrzehnte den Dienst am Nächsten vor. Den Unterdrücktesten stand der aus Spanien stammende Jesuit bis zu seinem Tod so nahe wie möglich bei. Eine kleine Spurensuche.

Über den Stadtmauern von Cartagena erhebt sich das Türme- und Kuppelensemble des Heiligtums San Pedro Claver.
Über den Stadtmauern von Cartagena erhebt sich das Türme- und Kuppelensemble des Heiligtums San Pedro Claver.

"Claver war immer zum Krankendienste bereit; die armen Kranken heimzusuchen, sie an Leib und Seele zu pflegen, erachtete er für eine der wichtigsten Pflichten eines Apostels der Negersklaven. Damit der erste Glockenzug an der Pforte des Collegiums bei Tag oder Nacht sogleich sein Ohr treffen konnte, hatte er seine Obern gebeten, dass seine Wohnung in der Kammer über der Pforte sein durfte", liest man in Franz Joseph Holzwarths 1855 erschienener Biografie über Petrus Claver und sein Wirken in Cartagena. Bei der spirituellen Ausbreitung in den Kolonien Südamerikas stand Claver in der Reihe jener Glaubensboten, bei denen Idealismus, Barmherzigkeit und Nächstenliebe aus dem tiefsten Innersten heraus kamen und obersten Vorrang hatten. "Sklave der Sklaven" zu sein, das Leid der Unterdrückten und Entrechteten in Spaniens Kolonialreich zu lindern, das sah der Jesuit für sich als Bestimmung und Schicksal an. 1888 wurde Petrus Claver heiliggesprochen, der 9. September ist sein Gedenktag. Heute genießt er weltweit Verehrung als Patron der Menschenrechte. Dieses Prädikat kommt nicht von ungefähr.

1580 in Verdú in Spaniens Region Katalonien geboren, entstammte Petrus – spanisch: Pedro – einer Adelsfamilie. Als junger Mann entschloss er sich zum Eintritt in die Jesuitengemeinschaft in Tarragona. Später nahm er ein Studium auf der Baleareninsel Mallorca auf, wo es zu einer freundschaftlichen Beziehung zum Pförtner des Collegiums kam. Dieser sagte Petrus auf Eingebung Gottes, wie die Überlieferung verbürgt, den Dienst in der Mission voraus und spornte ihn an, bei der Evangelisierung der spanischen Territorien in der sogenannten "Neuen Welt" zu helfen. Petrus nahm die Herausforderung an, schiffte sich ein und gelangte als Dreißigjähriger ins jetzige Kolumbien. Nach Studienjahren im Hochland in Bogotá und Tunja wurde er in die Hitze der Karibikküste nach Cartagena entsandt, wo er im März 1616 die Priesterweihe empfing und bis zum Ende seines irdischen Daseins bleiben sollte: fast vier Jahrzehnte lang.

Taufen und Krankendienst

Petrus Claver bei einer seiner zahlreichen Taufen – Buntglasfenstermotiv im Heiligtum.
Petrus Claver bei einer seiner zahlreichen Taufen – Buntglasfenstermotiv im Heiligtum.

Cartagena – in ihrem Kern eine der schönsten Kolonialstädte in Südamerika, ein wahres Gedicht aus Stein und Holz – profitierte bereits damals von der strategischen Lage des Karibikhafens. Hier segelten die mit Edelmetallen beladenen Flotten Richtung Spanien los, hier wurden Pracht und Wohlstand aus Furcht vor Feinden in einen kilometerlangen Mauergürtel gesteckt, hier entwickelte sich der größte Umschlagplatz schwarzer Sklaven.

Und genau derer nahm sich Petrus Claver an. Ihnen wollte er Bruder und Freund sein, beflügelt vom Eifer, sie im größtmöglichen Rahmen seiner Möglichkeiten vor Schindungen zu bewahren, mit Essen und Krankendienst zu versorgen, ihnen Trost zu spenden, sie zu taufen und im Christenglauben zu unterrichten. In manchen Monaten kam es vor, dass eine Tausendschaft menschlichen "Nachschubs" auf den drangvollen Schiffen eintraf, schlimmer behandelt als Vieh, bestimmt für die Zwangsarbeit in den Minen und auf den Feldern, beim Schleppen von Lasten. Ein ums andere Mal machte sich der Heilige an den Hafen auf. Seine Gegenwart, so heißt es, konnte wenigstens die rohesten Ausbrüche der Grausamkeit seitens der Händler abhalten.

In Bescheidenheit gelebt

Der bescheidene Wohnraum des heiligen Petrus Claver.
Der bescheidene Wohnraum des heiligen Petrus Claver.

Als Dreh- und Angelpunkt diente Petrus Claver das nunmehr nach ihm benannte Sanktuarium, wo sich, gleich neben den Stadtmauern, die Schule der Jesuiten befand, wo die Kranken versorgt wurden, wo er in aller Bescheidenheit und geradezu asketisch lebte. Im Oberbereich des Jesuitenkomplexes bewohnte er gleich neben dem Sklavenschlafsaal einen Raum, Fixpunkt beim heutigen Rundgang. Winzige Fenster lassen spärliches Licht hinein. Das Zimmer ist mit Holzbalken überspannt und Terrakotta ausgelegt, über dem kärglichen Bett erhebt sich ein schlichtes Holzkreuz. Das übrige Interieur beschränkt sich auf ein paar Truhen, zwei Tischchen, einen Stuhl. Zur Innenseite des Gebäudes hin schließt sich der Kreuzgang mit Palmgewächsen und anderen Pflanzenexoten an, durch die das Sonnenlicht Schattenmuster auf den Boden zaubert. Am Brunnen nahm der Heilige die Taufen der Sklaven vor. Über 300 000 Schwarze soll Petrus Claver in Kolumbien insgesamt in die christliche Gemeinschaft aufgenommen haben. Clavers tatkräftige Arbeit halten diverse Gemälde vor Augen: wie Claver einem erschöpften Schiffsankömmling beisteht, wie er den knochigen Körper eines Kranken in Armen hält. Auf einem anderen Bildmotiv bewahrt der Heilige einen angstvoll und verstört auf dem Boden kauernden Schwarzen vor den Peitschenhieben von dessen Herrn und dem Zubiss eines Hundes.

In seinen letzten Lebensjahren verließen Petrus Claver die Kräfte. Es war wohl die Parkinson-Krankheit, die ihm zunehmend zu schaffen machte. Im September 1654 verstarb er im Alter von 74 Jahren im Krankenrevier des Jesuitenkomplexes. Im Sterberaum liest man auf einer Tafel, dass Petrus freitags nachts, unbemerkt von allen anderen, ein Kreuz und eine Dornenkrone nahm und damit umherzugehen pflegte, um die Leiden Christi zu teilen. Nun hatte ihn der Herr von den eigenen Qualen erlöst.

Begraben liegt Petrus Claver in der Kirche, die eine gewaltige Kuppel trägt und sich mit ihrer imposanten Front zum Vorplatz hinwendet. Das Grab lässt Gläubige innehalten, doch das Heiligtum der Jesuiten ist kein Platz, um Trübsal zu blasen. Das zeigt sich spätestens bei den Abendmessen: wenn Gitarrenklänge, laute Rasseln und inbrünstige Chorgesänge die gelebte Freude des Glaubens zeigen.

Text und Fotos: Andreas Drouve