Altöttinger Liebfrauenbote

Andahuaylillas – die "Sixtinische Kapelle der Anden"

Sturzflut der Eindrücke

"Andahuaylillas!", ruft der Fahrer den Gästen zu. Gut 40 Kilometer hat der altersschwache Linienbus ab Cusco, der einstigen Metropole des Inkareiches, südostwärts durch die Berge geschnaubt. Nun ist der Ausstieg gekommen – und der erste Eindruck ernüchternd. Ein paar Straßenhunde, Tuk Tuk-Fahrer und Betreiberinnen mobiler Garküchen bilden ein bunt zusammengewürfeltes Empfangskomitee. Wo bleibt er nur, der Zauber der "Sixtinischen Kapelle der Anden", für den Andahuaylillas bekannt ist?

Die Kirche von Andahuaylillas zeichnet sich vor den hinterliegenden Bergflanken ab.
Die Kirche von Andahuaylillas zeichnet sich vor den hinterliegenden Bergflanken ab. Schon die Fassade lässt erahnen, dass es sich um ein ganz besonderes Gotteshaus handelt.

Andahuaylillas wirkt zunächst einmal wie eine triste Durchgangsstation an der vielbefahrenen Landstraße, die weiterführt in Richtung Titicacasee. In den Gassen, die ins Ortsinnere ansteigen, verebbt allmählich der Lärm. Die Friedensstimmung gewinnt Oberhand, in der Ferne steigt der Blick zu majestätischen Bergflanken auf. Es geht an lehmverputzten Mauern vorbei, einem Rinderpferch, zwei schlichten Frisörsalons, lila Bougainvilleas. Ein Kind in Schuluniform grüßt freundlich den Fremden, dem der Atem schwer geht. Die Höhe von über 3.100 Metern ist nicht jedermanns Sache. Nach zehn Marschminuten öffnet sich der Hauptplatz, der mit seinem Schalenbrunnen und den weit ausladenden Pisonay-Bäumen im Vergleich zur Größe des Dorfes absolut überdimensioniert erscheint. Eine breite Freitreppe leitet hinauf zur Kirche, die bereits in Außenansicht erahnen lässt, dass sie keine gewöhnliche ist. Das Portal und der darüber liegende Balkon sind ebenso ausgemalt wie diverse Skulpturennischen – und beim Eintritt verschlägt es einem den Atem.

Was für Dekors, welch eine Sturzflut der Eindrücke! Im Innern des langgestreckten, einschiffigen Gotteshauses verleiht das gedämpfte Licht all den Wandmalereien, Gemälden und Blattgoldüberzügen eine besondere Atmosphäre. Es dürfte kaum jemanden geben, den die Kirche von Andahuaylillas nicht überwältigt. Geweiht ist sie dem heiligen Petrus, doch das Hauptretabel wird von einer Skulptur der Jungfrau und Gottesmutter Maria beherrscht. Ihr zu Ehren feiern die Einheimischen am 7. Oktober das Rosenkranzfest und ehren sie mit einer großen Messe und einer Prozession durch den Ort. Fest verankert im Jahreskalender ist überdies der Petrustag; dann werden über 50 Skulpturen aus der Kirche durch Andahuaylillas getragen.

"Freude des Himmels – tausend Male verehre ich dich"

Blick zum Altarraum.
Niemand würde im ärmlichen Hochland Perus eine Kirche von solch barocker Pracht im Inneren vermuten wie sie St. Petrus von Andahuaylillas aufweist – im Bild der Blick zum Altarraum.

Wie kommt eine solche Pracht hierher? 1570, wenige Jahrzehnte nach der Eroberung Perus durch die goldverblendeten Konquistadoren, entstand zunächst eine erste, einfache Kapelle, mutmaßlich über einem vormaligen Heiligtum der Inka.

Im Zuge der Evangelisierung der indigenen Ureinwohner trat der Jesuitenorden hervor, doch gleichermaßen ein Geistlicher namens Juan Pérez de Bocanegra. Dieser, so der US-Anthropologe Bruce Mannheim, "gehörte keiner Ordensgemeinschaft an", unterstützte aber "ganz und gar die Glaubensbekenntnisse der Franziskaner." Bocanegra spielte eine entscheidende Rolle in Andahuaylillas, wo er sich ab 1618 der Pfarre annahm und den Künstler Luis de Riaño beauftragte, das Innere und Teile des Äußeren der mittlerweile erweiterten Kirche mit Wandmalereien zu schmücken.

Dahinter stand der Gedanke, die Indigenen plastisch und farbenfroh ans Evangelium und den Christenglauben heranzuführen. Die Pracht beeindruckte fortan jedermann, da stand man wie vor einem geöffneten Bilderbuch. Auf Bocanegra ging überdies die erste Marienhymne auf Quechua zurück, in der Sprache der Indigenen. "Freude des Himmels", heißt es in der Hymne, "tausend Male verehre ich dich / Baum zahlloser Früchte / Hoffnung der Menschen / Hilfe den Schwachen / auf meinen Ruf hin / erhöre mich."

Überbordende Zier mit pädagogischem Auftrag

Blick zur Orgelempore bzw. zum Haupteingang.
Blick zur Orgelempore bzw. zum Haupteingang.

Die Kirche von Andahuaylillas ist ein Gesamtkunstwerk, das "Sixtinische Kapelle der Anden" genannt wird. Die überbordende Zier reicht vom Boden bis unters Dach. Nahezu jeder Quadratzentimeter scheint ausdekoriert, verschnörkelt. Was mit Temperamalereien auf Waden- und Hüfthöhe beginnt, steigert sich über Retabel und Seitenkapellen mit Blattgold sowie Heiligenskulpturen und golden umrahmten Großgemälden bis zur bemalten Deckentäfelung. Dort, wie auch auf den Querbalken, herrschen florale Motive in harmonischen Rot-, Gelb-, Grün- und Blautönen vor. Über dem Altarraum imitiert die Decke den aus Spaniens Spätmittelalter bekannten Mudéjarstil, eine reich ornamentierte Verschmelzung maurisch-christlicher Elemente. Raum- und Farbwirkung ziehen zwangsläufig in ihren Bann. Auch der Anblick der bunten Orgelempore magnetisiert.

Die mitreißende Freude des Christenglaubens – in der Kirche von Andahuaylillas spiegelt sie sich über die Dekors wider. Samt pädagogischem Beitrag von Meister Luis de Riaño. Eine bekannte Gemäldeszene thematisiert den Kampf zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle. Eine Teufelsfigur versucht, die Menschen auf seine Seite zu ziehen – gegen den Widerstand der Engel. Wichtig bei der Vermischung von Christen- und Indigena-Kunst war, dass Motive wie Pflanzen, Vögel und Masken einflossen, die für die Indigenen hohen Wiedererkennungswert besaßen. Und über dem Eingang zur Taufkapelle liest man die Taufformel auch auf Quechua.

Kirchenpracht in einer ärmlichen Landregion

Blick auf einen Seitenaltar.
Blick auf einen Seitenaltar.

15 Soles – umgerechnet etwas über vier Euro – kostet der touristische Eintritt in eines der beeindruckendsten Gotteshäuser in Südamerika. Und den bezahlt man gern. Ein Teil des Geldes fließt in die Erhaltung der Kirche, ein anderer in soziale Projekte. Die insgesamt sechs Jesuitenpfarreien in der hiesigen Provinz Quispicanchi unterhalten Essenstafeln, die etwa 1.000 Kinder und Jugendlichen regelmäßig nutzen, Bibliotheken, Spiel- und Computerräume.

Die verschwenderische Kirchenpracht in einer ärmlichen Landregion im Süden Perus könnten Kritiker für deplatziert halten. Doch die Gelder für die Hilfsprojekte und die von der Jesuitengemeinschaft geförderte "Route des andinen Barock", zu der die Kirche von Andahuaylillas gehört und die zunehmend mehr Besucher in die strukturschwache Gegend lockt, setzen das Ganze in ein anderes Licht. Und so wirkt das Erbe der jahrhundertealten Kolonialkirche von Andahuaylillas auf ganz besondere Art in die Gegenwart fort.

Text und Fotos: Andreas Drouve