Altöttinger Liebfrauenbote

Adveniat-Weihnachtsaktion am 27. November nimmt lateinamerikanischen Regenwald und dessen Ureinwohner in den Blick – Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

Am siebten Tag kamen die Bulldozer

In sechs Tagen schuf Gott die Welt und es scheint: am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker. Das katholische Hilfswerk Adveniat will daher ganz bewusst mit seiner Weihnachtsaktion den lateinamerikanischen Regenwald und dessen Ureinwohner in den Blickpunkt rücken.

Armindo Goes Melo ist Generalsekretär der Yanomami-Organisation "Hutukara".
Armindo Goes Melo ist Generalsekretär der Yanomami-Organisation "Hutukara" – hier zu Besuch im Yanomamidorf Watoriki.
Der Shabono, ein Rundbau, des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Der Shabono (Rundbau) des Yanomami-Dorfes Watoriki.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. "Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums." Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Von einem Kulturschock zum nächsten

In der Nähe des Dorfes Watoriki werden Felder brandgerodet, gesäubert und bestellt.
In der Nähe des Dorfes Watoriki werden Felder brandgerodet, gesäubert und bestellt.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft

Moha ist 87 Jahre alt, Seine Ahnen sind hier begraben, und er will hier auch beerdigt werden.
Moha ist 87 Jahre alt, Seine Ahnen sind hier begraben, und er will hier auch beerdigt werden.
Dom Roque Paloschi.
Dom Roque Paloschi hat ein schweres Erbe angetreten. Ende letzten Jahres hat der Erzbischof von Porto Velho das Präsidentenamt des Indigenen-Missionsrates der katholischen Kirche (Cimi) übernommen. Sein Vorgänger, der "Amazonasbischof" Erwin Kräutler, hat mit seinem Einsatz für die indigenen Völker Brasiliens weltweit Aufsehen und Anerkennung errungen. Kräutler sei ein Vorbild, habe trotz Morddrohungen "ohne Angst" gekämpft, so Paloschi.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. "Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben", sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.
Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. "Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind", so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

"Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien", ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Von der Konsumgesellschaft bedroht

Mit dem Strom kam in die Tenharin-Dörfer auch der sogenannte Fortschritt. Kinder spielen mit einer Spielkonsole.
Mit dem Strom kam in die Tenharin-Dörfer auch der sogenannte Fortschritt. Kinder spielen mit einer Spielkonsole.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. "Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster", sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. "Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen", so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. "Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen."

Riesige Aufgabe

Der Shabono des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Der Shabono (Rundbau) des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Porträt des Kaziken João Bosco in der Tenharin Comunidade Mufai.
Porträt des Kaziken João Bosco in der Tenharin Comunidade Mufai.

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.
Man müsse "durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden". Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Text: Thomas Milz, Fotos: Jürgen Escher (Adveniat)

Die bundesweite Weihnachtsaktion des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat wird am ersten Adventssonntag, 27. November, im Erzbistum München und Freising eröffnet. Unter dem Motto "Schützt unser gemeinsames Haus" setzt sich Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein. In den Monaten November und Dezember sind Adveniat-Aktionspartner aus Ecuador, Peru und Brasilien in den deutschen Bistümern unterwegs, um über ihre Arbeit für die indigenen Völker im Amazonasgebiet zu berichten: Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45.

Impressionen

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Im Shabono des Yanomami-Dorfes Watoriki hat jede Familie ihren Bereich. Die Kinder lassen sich gerne fotografieren.
Im Shabono (Rundbau) des Yanomami-Dorfes Watoriki hat jede Familie ihren Bereich. Die Kinder lassen sich gerne fotografieren.
Ein Mädchen schmückt die Gesichter ihrer Geschwister mit der typischen Yanomami-Bemalung.
Ein Mädchen schmückt die Gesichter ihrer Geschwister mit der typischen Yanomami-Bemalung.
Armindo Goes Melo besucht die Schule des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Armindo Goes Melo besucht die Schule des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Im Shabono des Yanomami-Dorfes Watoriki schlafen die Bewohner in Hängematten.
Im Shabono des Yanomami-Dorfes Watoriki schlafen die Bewohner in Hängematten.
Dom Roque Paloschi, Erzbischof von Porto Velho, zu Besuch in der Tenharin Comunidade Mufai.
Dom Roque Paloschi, Erzbischof von Porto Velho, zu Besuch in der Tenharin Comunidade Mufai.
Gilberto Alfredo Vizcarra Mori ist seit 2014 Bischof von Jaén/Vikariat San Francisco Javier. Hier inspiriert er die Erdöl-Unglücksstelle in der Region Chriaco.
Gilberto Alfredo Vizcarra Mori ist seit 2014 Bischof von Jaén/Vikariat San Francisco Javier. Hier inspiriert er die Erdöl-Unglücksstelle in der Region Chriaco.
Gejagt wird im Yanomami-Dorf Watoriki immer noch mit Pfeil und Bogen ...
Gejagt wird im Yanomami-Dorf Watoriki immer noch mit Pfeil und Bogen ...
... die Kinder fangen früh an zu üben.
... die Kinder fangen früh an zu üben.
Ein Kind klettert einen Baum hoch in der Nähe des Yanomami-Dorfes Watoriki.
Ein Kind klettert einen Baum hoch in der Nähe des Yanomami-Dorfes Watoriki.