Altöttinger Liebfrauenbote

Diaspora-Sonntag: Das Caritas-Hospiz Berlin gibt Zeugnis von gelebtem Christentum mitten in der Diaspora

Sterbende begleiten, Trauernde trösten

Am Diaspora-Sonntag, 20. November, sammeln alle Kirchengemeinden in Deutschland für die Belange katholischer Christen, die in der Minderheit ihren Glauben leben. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt viele Projekte und Institutionen, die Gemeinschaft der Glaubenden ermöglicht. Eine dieser Einrichtungen ist das Caritas-Hospiz Berlin; es gibt Zeugnis von gelebtem Christentum mitten in der Diaspora.

Ilona Franke im Gespräch mit Schwester Margret.
Ilona Franke (l.) im Gespräch mit Schwester Margret.

Das Schlimme ist: Man weiß, es gibt kein Zurück. Aber ich konnte ihn nicht mehr zu Hause pflegen." Ilona Franke steigen die Tränen in die Augen. Schwester Margret legt vorsichtig die Hand auf den Arm der 71-Jährigen. Die beiden Frauen haben sich an den kleinen Tisch ins Zimmer zurückgezogen. Herr Franke sitzt in seinem Rollstuhl in der Nachmittagssonne auf der Terrasse. 49 Jahre sind sie verheiratet. Vor vier Jahren erlitt der 81-Jährige dann einen Schlaganfall. Ein langer Leidensweg begann, der nun zu Ende geht im Caritas-Hospiz in Berlin-Pankow. "Jedes Mal freue ich mich, wenn ich ihn am Morgen wieder antreffe. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem es nicht mehr so ist." Seit sechs Wochen kommt Ilona Franke Tag für Tag ins Hospiz. Hier wird ihr Mann sterben, ist sich Ilona Franke bewusst. An diesem Ort verbringt das Ehepaar seine letzten gemeinsamen Tage.

Den Ängsten begegnen

Ein halbes Jahr nach dem Tod eines Gastes lädt das Caritas-Hospiz die Angehörigen noch einmal zu einem eigenen Trauerritual ein.
Ein halbes Jahr nach dem Tod eines Gastes lädt das Caritas-Hospiz die Angehörigen noch einmal zu einem eigenen Trauerritual ein.

"Der Platz im Hospiz war für mich einerseits befreiend, andererseits besiegelt er das Endgültige", beschreibt sie ihre Gefühle. Innerlich sei sie zerrissen, spüre sie die Hilflosigkeit. Die Gespräche mit Schwester Margret erlebt sie als Befreiung. Gegenüber der Hospiz-Seelsorgerin kann sie sich öffnen, endlich über ihre Gefühle, ihre Trauer sprechen. Im grauen Schwesternkleid ist Schwester Margret Steggemann sofort als Ordensfrau zu erkennen, als eine Frau, die fest im christlichen Glauben steht. Die Mauritzer Franziskanerin besucht fast täglich die Gäste, so bezeichnet sie die Bewohner des Hospizes. "Oft bin ich einfach nur da und höre zu. Ich versuche, die Nöte der Sterbenden mitzutragen."

Den Ängsten der Sterbenden begegnet die Hospiz-Seelsorgerin auch, indem sie an den gütigen und barmherzigen Gott erinnert. "Für die letzten Lebenstage möchte ich den Menschen die Zuversicht schenken: 'Ja, ich komme da oben gut an'." Von Gott zu sprechen, das ist in Pankow keine Selbstverständlichkeit. Immerhin ist die überwiegende Mehrheit der Berliner, 63 Prozent, religionslos. Das zeigt sich auch im Hospiz. Die meisten der 200 Hospizgäste im vergangenen Jahr hatten in ihrem Leben nur wenig Bezug zu Religion und Kirche. "In den letzten Stunden des Lebens wird ein Mensch auf die letzten Dinge zurückgeworfen. Ob er es will oder nicht, es kommt", berichtet Schwester Margret aus ihrer Erfahrung.

"Christsein muss sich hier bewähren, es muss authentisch und glaubwürdig sein"

Joachim Müller, Leiter des Caritas-Hospizes in Berlin-Pankow.
Joachim Müller, Leiter des Caritas-Hospizes in Berlin-Pankow.

"Im Durchschnitt bleibt ein Gast drei bis vier Wochen", erklärt Joachim Müller, Leiter der Einrichtung. Das Caritas-Hospiz Pankow ist die einzige katholische Einrichtung dieser Art in Berlin. Seit 2010 zeugt es vom gelebten christlichen Glauben in der Großstadt. "Christsein muss sich hier bewähren, es muss authentisch und glaubwürdig sein", weiß Müller. "Mit unserer täglichen Arbeit machen wir für viele Christentum erlebbar. Im Hospiz zeigt sich, was Christsein in der heutigen Zeit bedeuten kann."

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt die Arbeit des Caritas-Hospizes. Das Spendenhilfswerk fördert die Seelsorge für die Gäste und die Arbeit mit Angehörigen. "Sterbende begleiten und Trauernde trösten, mit diesen Werken der Barmherzigkeit gibt das Caritas-Hospiz ein tiefes Zeugnis gelebten Glaubens mitten in der Diaspora", betont Msgr. Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerks. Bei der bundesweiten Diaspora-Aktion am 20. November sammelt das Hilfswerk auch für die Hospiz-Arbeit.

Sorge um die Angehörigen

Ein halbes Jahr nach dem Tod eines Gastes legt Schwester Margret sein Kreuz in die Säule der Verstorbenen.
Ein halbes Jahr nach dem Tod eines Gastes legt Schwester Margret sein Kreuz in die Säule der Verstorbenen.

"Möge uns allen die Lebensfreude immer neu geschenkt werden, die, so hoffen wir, die Verstorbenen schon jetzt für immer genießen", betet Schwester Margret. Angehörige, Pflegekräfte und ehrenamtliche Trauerbegleiterinnen haben sich im Konferenzraum versammelt. Auf dem Boden stehen eine leere Glasschale und die brennende Osterkerze. Auf einem Tisch im Hintergrund liegen 42 Holzkreuze, jedes mit einem Namen versehen. Nach einem halben Jahr lädt das Caritas-Hospiz die Angehörigen ein, an den Ort zurückzukommen, an dem ihre Mütter, Väter, Ehefrauen, Ehemänner, Freunde und Freundinnen von ihnen gegangen sind. Die Sorge um die Angehörigen reicht über den Tod des Gastes hinaus.

Schwester Margret verliest Name für Name. Kreuz für Kreuz legt eine Pflegekraft in die Glasschale. Schließlich ziehen alle in einer Prozession durchs Haus in den "Raum der Stille". In der kleinen Kapelle legt Schwester Margret die Kreuze aus der Glasschale in eine transparente Säule zu den Kreuzen der im vergangenen Jahr Verstorbenen. Ein tiefer Moment. Die Ordensfrau betet das Vaterunser. Einige beten mit. "Es tut gut, an diesen Ort zurückzukommen", meint Youssef Tourtour im Anschluss. "Es hilft mir, das Ganze noch einmal Revue passieren zu lassen." Das Ritual empfand er als hell, menschlich und lebensbejahend. Die Vorstellung, dass seine Mutter in der Lebensfreude angekommen ist, frei von Schmerz und Leiden, wie es Schwester Margret im Gebet formulierte, schenkt ihm Trost und Zuversicht: "Das kann ja nicht das Ende gewesen sein, man will sich ja wiedersehen."

Text und Fotos: Alfred Herrmann

Diaspora-Aktion 2016: "Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Barmherzigkeit."

Plakat zum Diaspora-Sonntag.
Plakat zum Diaspora-Sonntag.

Was unterscheidet uns – als Christen – von unseren Mitmenschen? Was ist unser "Markenkern"? Oder anders gefragt: Was ist unsere Identität? Gerade in der Diaspora, wo Christen als Minderheit unter Anders- und Nichtgläubigen leben, stellt sich diese Frage in verschärftem Maße. Die Diaspora-Aktion 2016 des Bonifatiuswerkes unter dem Leitwort "Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Barmherzigkeit" nimmt Orte und Situationen in den Blick, in denen Menschen sich barmherzig für andere einsetzen. Das gezeichnete Motiv zur Diaspora-Aktion zeigt Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich an den Händen halten, füreinander da sind und so ein Herz bilden.

Text: red, Foto: Alfred Herrmann

Meditation: "Unsere Identität: Barmherzigkeit"

Mit einem Kreuz wird im Caritas-Hospiz Pankow jedem verstorbenen Gast gedacht.
Mit einem Kreuz wird im Caritas-Hospiz Pankow jedem verstorbenen Gast gedacht. Im "Raum der Stille", einer kleinen Kapelle, kommt das Kreuz in eine transparente Säule zu den Kreuzen der in einem Kalenderjahr verstorbenen. Nach drei Jahren werden die Kreuze in einem Blumenhochbeet im Freien beigesetzt.

In Armut und Not kann ich den verborgenen Reichtum des Segnens und Segens erfahren, um darin eine Quelle neuen Vertrauens zu erschließen und aus ihr zu schöpfen.

An den Tiefpunkten meines Weges, in den schweren Stunden der Einsamkeit, kann ich dem unerkannten Gott den Segen abringen, der mich zeichnet, schlägt und auch stärkt.

Auf den Gipfeln des Glücks, in den Zeiten der lichterlohen Lebensfreude, kann ich einen solchen Segensreichtum empfangen, dass ich ihn für lange mit anderen teile.

In den Belastungen und Herausforderungen, in die ich gestellt bin, kann ich Segenskraft erbitten und empfangen, um dem gewachsen zu sein, was mir abverlangt und zugemutet wird.

Über die Menschen, die mir leid tun oder am Herzen liegen, kann ich das Flügeldach des Segens breiten, damit sie glauben können, dass sie behütet und beschützt sind.

Text: Paul Weismantel, Foto: Alfred Herrmann