Altöttinger Liebfrauenbote

Bayerisch-Tschechische Landesausstellung zum 700. Geburtstag von Karl IV.

Listig und fromm

Den 700. Geburtstag des römisch-deutschen Kaisers und böhmischen Königs Karl IV. haben der Freistaat Bayern und die Tschechische Republik zum Anlass genommen, eine gemeinsame Landesausstellung mit internationalem Rahmenprogramm zu veranstalten. Nach Prag wird die Schau nun bis zum 5. März 2017 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen sein.

Kopie einer Sitzfigur Karls IV. von der Ostseite des Altstädter Brückenturms in Prag.
Sitzfigur (Kopie) Karls IV. von der Ostseite des Altstädter Brückenturms in Prag, Sandstein, Dombauhütte von St. Veit, vor 1380.

Als Karl IV. seinen früheren Lehrer Peter von Fécamp besuchte, prophezeite der ihm: "Du wirst noch römischer König werden." Er entgegnete: "Du wirst zuvor Papst sein." Beides ist eingetroffen. Der spätere römisch-deutsche Kaiser und böhmische König Karl IV. (1316-1378) wurde vor 700 Jahren in Prag geboren. Seine Zeitgenossen nannten den Herrscher aus dem Haus der Luxemburger "Karl den Listigen". Denn statt auf militärische Gewalt – die damals zur Durchsetzung von Interessen vorherrschte – setzte das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches bevorzugt auf Geldzahlungen, Gewährung von Privilegien, Interessenausgleich und Heiratspolitik. Zur Richtschnur seiner Lebensführung aber erklärte der Kaiser die Gottesfurcht. Karl war der einzige mittelalterliche Herrscher, der eine Autobiografie verfasste. In ihr verkündet er: "Was nützt adlige Herkunft oder großer Besitz ohne ein reines Gewissen, ohne rechten Glauben und die Hoffnung auf die heilige Auferstehung?"

Den 700. Geburtstag Karls IV. feiert das Germanische Nationalmuseum Nürnberg mit 150 erlesenen Objekten. Die vom Haus der Bayerischen Geschichte und der Prager Nationalgalerie erarbeitete Ausstellung erzählt vom Leben und Wirken des so frommen wie machtbewussten Herrschers. Prag war Karls bevorzugter Aufenthaltsort. Dort ließ er den Veitsdom erbauen, in dem er bestattet liegt. Die damalige Reichsstadt Nürnberg war der von ihm am zweithäufigsten aufgesuchte Ort: 52 Aufenthalte sind bezeugt.

"Liebe zu geistiger Arbeit"

Impression aus der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung "Karl IV.".
Impression aus der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung "Karl IV.".
Die Ikone der Lukas-Madonna widmete Karl IV. 1349 nach seiner Königskrönung im Aachener Dom dem dortigen Büstenreliquiar Karls des Großen.
Die Ikone der Lukas-Madonna widmete Karl IV. 1349 nach seiner Königskrönung im Aachener Dom dem dortigen Büstenreliquiar Karls des Großen.

Karls Taufname war Wenzel. Mit sieben Jahren schickten ihn seine Eltern zur Erziehung an den Hof des französischen Königs Karl IV. Dort bekam er seinen neuen Namen, wie er in seiner Autobiografie berichtet: "Der französische König ließ mich durch einen Bischof firmen und gab mir seinen eigenen Namen Karl." Eine illustrierte Abschrift der Autobiografie ist ausgestellt. In ihr bekennt er seine "Liebe zu geistiger Arbeit" und betont die ihm zuteil gewordene "göttliche Güte, von der jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommen". Über seinen Lehrer Peter von Fécamp, den späteren Papst Clemens VI., berichtet Karl: "Er förderte mich mit väterlicher Zuneigung und unterwies mich öfters in der heiligen Schrift."

Ohne den in Avignon residierenden Papst Clemens VI. wäre Karl IV. vermutlich nie zum Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches aufgestiegen. Der Papst sah ihn dazu aus, an die Stelle des mit dem Kirchenbann belegten Kaisers Ludwig der Bayer zu treten. Gemäß dem Wunsch von Clemens VI. machte sich der Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg für die Königswahl seines Großneffen Karl stark. Ihm schlossen sich die Erzbischöfe Walram von Köln und Gerlach von Mainz sowie Herzog Rudolf von Sachsen an. Auch der böhmische König Johann stimmte für seinen Sohn Karl. Gekrönt wurde er 1346 in Bonn, dem Sitz des Kölner Erzbischofs. Aber erst nach dem unerwarteten Tod Ludwigs des Bayern 1347 konnte Karl IV. seine Macht im Reich etablieren. Er wurde 1349 erneut zum römisch-deutschen König gewählt und diesmal am "richtigen" Ort gekrönt: Im Aachener Kaiserdom am Grab Karls des Großen. An das Grab stiftete er die nun in Nürnberg ausgestellte "Ikone der Lukas-Madonna" (Byzanz, 12. Jh.). Das kleine, in Speckstein geschnittene Relief galt als ein vom heiligen Lukas eigenhändig geschaffenes und damit unschätzbar wertvolles Porträt der Gottesmutter.

"Goldenen Bulle" und viele Kostbarkeiten

Goldene Bulle Karls IV.; Ausfertigung für Nürnberg (Faksimile); ausgestellt auf der Nürnberger Kaiserburg.
Goldene Bulle Karls IV.; Ausfertigung für Nürnberg (Faksimile); ausgestellt auf der Nürnberger Kaiserburg.
Von Karl IV. gestifteter Krug aus reinem Bergkristall zur Aufbewahrung der Tischtuch-Reliquie vom Letzten Abendmahl.
Von Karl IV. gestifteter Krug aus reinem Bergkristall zur Aufbewahrung der Tischtuch-Reliquie vom Letzten Abendmahl.
Reliquiar für den Schleier Mariens Deckelschale aus Bergkristall, Silber vergoldet.
Reliquiar für den Schleier Mariens Deckelschale aus Bergkristall, Silber vergoldet.

Die wichtigste politische Leistung Karls IV. ist der Erlass der "Goldenen Bulle", von der ein Exemplar ausgestellt ist. Dieses "Grundgesetz" blieb bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 in Kraft. Karl verkündete den ersten Teil der "Goldenen Bulle" 1356 in Nürnberg. Sie bestimmte die Wahl des römisch-deutschen Königs durch die sieben Kurfürsten – die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, den König von Böhmen, den Pfalzgrafen bei Rhein, den Herzog von Sachsen und den Markgrafen von Brandenburg – und legte deren Rechte und Pflichten fest. Die Königswahl sollte in Frankfurt am Main stattfinden, die Krönung in Aachen zelebriert und der erste Reichstag des neuen Herrschers nach Nürnberg einberufen werden.

Wie kaum ein anderer Kaiser demonstrierte Karl IV. seine Frömmigkeit. Er war eifriger Sammler und Stifter der Überreste und Hinterlassenschaften von Heiligen, "Reliquien" genannt, die er in kostbaren Behältnissen aufbewahrte: den "Reliquiaren". Das zeigt die Schau mit zahlreichen Kostbarkeiten wie etwa dem Broschenreliquiar der heiligen Elisabeth von Thüringen. Karl war 1357 zum Grab der Heiligen in der Marburger Elisabethkirche gepilgert. Dort erhielt er aus dem Elisabeth-Schatz die Brosche geschenkt. Er gab sie weiter an den Dom von Udine, um sich so bei seinem als Patriarch von Aquileia amtierenden Stiefbruder Nikolaus von Luxemburg dafür zu bedanken, dass er ihm einen Teil des Markus-Evangeliars von Cividale überlassen hatte. Es galt als eigenhändig vom Evangelisten Markus geschrieben. Der ungarische König Ludwig I. schenkte Karl IV. die Tischtuch-Reliquie vom Letzten Abendmahl des Herrn. Zu ihrer Unterbringung erwarb Karl einen kostbaren Kristallkrug, der als Leihgabe aus dem Schatz des Prager Veitsdoms ausgestellt ist.

Ein weiteres Prunkstück ist die aus Bergkristall angefertigte Deckelschale für den Schleier Mariens. Die Schleierreliquie Mariens soll von Kaiser Konstantins Mutter Helena dem Trierer Kloster St. Maximin übereignet worden sein. Karl erhielt 1354 in Trier ein Drittel des Schleiers für seinen Prager Reliquienschatz. Majestätische Erscheinungen inmitten all dieser Kostbarkeiten sind die überlebensgroßen Halbfigurenbilder Kaiser Karls des Großen, des Evangelisten Lukas und der hl. Katharina. Diese ursprünglich mit Reliquien ausgestatteten Gemälde schuf vor 1365 Karls Prager Hofmaler: Meister Theodorik. Er malte sie für die Kapelle des Heiligen Kreuzes auf Burg Karlstein bei Prag, deren Wände mit den Gemälden von 126 weiteren Heiligen, Aposteln und Kirchenvätern geschmückt sind. Unter dem Schutz dieses "Himmelsheeres" standen die bis 1421 hinter dem Altar aufbewahrten Krönungskleinodien des Heiligen Römischen Reiches.

Beachtenswerte Bauwerke

Die Frauenkirche am Nürnberger Hauptmarkt mit dem "Männleinlaufen" unter der Turmuhr ist eine Stiftung von Karl IV.
Die Frauenkirche am Nürnberger Hauptmarkt mit dem "Männleinlaufen" unter der Turmuhr ist eine Stiftung von Karl IV.
Das Wenzelschloss in Lauf an der Pegnitz ließ Karl IV. erbauen.
Das Wenzelschloss in Lauf an der Pegnitz ließ Karl IV. erbauen.
Der Wappensaal im Wenzelschloss Lauf.
Der Wappensaal im Wenzelschloss Lauf.

Intensiv bemühte sich Karl IV. um die Rückkehr des Papstes aus dem Exil in Avignon nach Rom. Papst Urban V. ließ sich dazu bewegen: In Begleitung des Kaisers zog er 1367 in Rom ein. Er fand dort jedoch schwierige Verhältnisse vor und reiste 1370 nach Avignon zurück, wo er wenige Wochen später starb. Zur Freude Karls kehrte 1376 Papst Gregor XI. Avignon den Rücken, um in Rom zu residieren. Doch in Karls Todesjahr 1378 sprengten rivalisierende Päpste die Einheit der Kirche. Im April wählten die Kardinäle in Rom Papst Urban VI. Einige Monate später erwuchs ihm in Clemens VII. ein Gegenpapst, der 1379 seinen Sitz in Avignon nahm. Erst Karls Sohn Sigismund stellte mit Hilfe des Konstanzer Konzils (1414-1418) die Einheit der Kirche wieder her.

In Nürnberg und in Lauf an der Pegnitz hat Karl IV. beachtenswerte Bauwerke hinterlassen. Die Frauenkirche am Nürnberger Hauptmarkt stiftete der Kaiser 1355. Aus der Erbauungszeit erhalten sind in der Vorhalle zahlreiche farbig gefasste Skulpturen von Königen, Propheten und Heiligen, das Bogenfeld mit den die Weihnachtsgeschichte erzählenden Reliefs sowie im Chor drei Fenstermalereien. Unter dem Giebel befindet sich die Kunstuhr von 1509. Schlag 12 Uhr umkreisen die sieben Kurfürsten den thronenden Kaiser Karl IV., um ihm für den Erlass der Goldenen Bulle zu huldigen ("Männleinlaufen"). Hauptmarkt und Frauenkirche verdanken ihre Existenz allerdings blutigen Ausschreitungen. Mit Billigung Karls IV. brachten 1349 die Nürnberger 562 jüdische Mitbürger um und vertrieben die anderen. Deren Viertel rissen sie ab, um Platz für den Markt und die auf den Grundmauern der Synagoge errichtete Frauenkirche zu schaffen.

In Lauf steht das nach dem Nationalheiligen Böhmens benannte "Wenzelschloss". Es war die letzte Station vor dem feierlichen Einzug Karls in Nürnberg. In dessen Wappensaal hielt er als böhmischer König Hof. Die 112 in die Wände gemeißelten und farbig bemalten Wappen böhmischer Fürstentümer, Grafschaften, Bistümer und Städte sind trotz ihres hohen Alters hervorragend erhalten.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: Veit-Mario Thiede 8, 4x Bayerisch-Tschechische Landesausstellung "Karl IV." – Jan Gloc (Reliquiar für den Schleier Mariens), Studio Messberger, Nürnberg (Impressionen), Radovan Bojek (Karl d. Große), Stadtarchiv Lauf / Artur Kottas /Wappensaal im Wenzelschloss)

Ausstellungs-Infos: Bis 5. März 2017 im Germanischen Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, Nürnberg. Di.-So. 9-18 Uhr, Mi. 9-21 Uhr. Informationen: Tel.: 0821-32950, Internet: www.KARLIV.eu. Eintritt: 10 Euro.
Informationen über die Spuren Karls IV. in Nürnberg und Lauf an der Pegnitz: www.tourismus.nuernberg.de und www.frankentourismus.de. Buchtipp: Autobiografie Karls IV. Eingeführt, übersetzt und kommentiert von Eugen Hillenbrand. Alcorde Verlag, 36 Euro.

Impressionen

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Maria im Sonnengewand: Schlussstein aus dem ehemaligen Cölestinerkloster in Metz, dessen Motiv sich an Darstellungen aus Karls Hofkunst orientiert.
Maria im Sonnengewand: Schlussstein aus dem ehemaligen Cölestinerkloster in Metz, dessen Motiv sich an Darstellungen aus Karls Hofkunst orientiert. Karl IV. hatte Dietrich Beyer von Boppard zum Bischof von Metz berufen. Sandstein, zum großen Teil erhaltene Originalfassung, 1375/76.
Medaillon mit Wappen des böhmischen Löwen.
Medaillon mit Wappen des böhmischen Löwen, Prag oder Nürnberg um 1360-1370; farbiges Hüttenglas, Schwarzlotmalerei; vom Chorfenster der Marienkirche in Hersbruck.
Gemälde Karls des Großen, Namensvetter und Schutzpatron Kaiser Karls IV..
Das Gemälde Karls des Großen (Tempera auf Gold; Meister Theoderich; Prag, 1360-64), Namensvetter und Schutzpatron Kaiser Karls IV., findet sich an der Westwand der Heilig-Kreuz-Kapelle auf Burg Karlstein. Er ist durch eine Kaiserkrone gekennzeichnet, die vermutlich goldschmiedetechnisch gearbeitet war. Karl IV. verehrte ihn als persönlichen Schutzheiligen und sah in ihm das Vorbild eines guten und gerechten Herrschers.