Altöttinger Liebfrauenbote

Impuls zum Pfingstsonntag im Jahreskreis C

Die Erfüllung

Das Pfingstfest möchte uns an ein Heilsereignis erinnern, das für die Apostel und die anderen Jünger wegweisende Bedeutung besaß. Die Apostelgeschichte schildert in 2,1-13 das Kommen des Heiligen Geistes als ein gewaltiges Brausen, das an einen heftigen Sturm und ein verzehrendes Feuer erinnert. – Ein Impuls zum Pfingstsonntag von Kapuzinerpater Franz Seraph (Lesungen).

Kapuzinerpater Franz Seraph, Altötting.
Kapuzinerpater Franz Seraph, Altötting.

Wenn wir einen Vergleich ziehen zwischen diesem deutlich wahrnehmbaren Wirken des Heiligen Geistes an den Aposteln und der Art und Weise, wie der Geist Gottes sich in unserem Dasein bemerkbar macht, dann kommen wir uns geradezu benachteiligt vor; denn in unserem Leben ist von einem auffallenden Eingreifen des Heiligen Geistes meistens wenig oder überhaupt nichts zu spüren. Deshalb ist Er für uns das unergründliche Geheimnis und der unbekannte Gott. Die Theologen erklären zwar den Heiligen Geist als die Liebe, die zwischen Vater und Sohn herrscht und die so stark ist, dass dadurch im einen göttlichen Wesen eine dritte Person entsteht – aber trotz dieses Wissens stehen wir Ihm auch weiterhin recht hilflos gegenüber.

Missverständnisse

Eine große Fahne mit dem Symbol des Hl. Geistes tragen jedes Jahr die Pilger der Legio Mariae nach Altötting, wo sie auch heuer wieder am Pfingstmontag ankommen werden. Immer wieder gilt es sich der Kraft des Hl. Geistes neu zu erinnern und zu verdeutlichen; eine Wallfahrt ist dabei eine hilfreiche Möglichkeit ...

Für unser Verhältnis zum Heiligen Geist ist es allerdings nicht entscheidend, dass wir sein Wesen erkennen, sondern welche Wirkungen Er in uns hervorbringt. Welche tiefgreifenden Änderungen der Geist Gottes im Leben eines Menschen zustande zu bringen vermag, das sehen wir an den Aposteln. Sie hatten mehrere Jahre in einer engen Gemeinschaft mit Jesus verbracht; aber nach seinem Tod zeigte sich, dass sie seine Botschaft und sein Erlösungswerk missverstanden hatten. Sie hielten Jesus zwar für den Messias; aber sie waren auch der Überzeugung, Er werde das Reich Gottes auf Erden mit militärischen Machtmitteln errichten. In diesem kommenden Reich erwarteten sie für sich leitende Stellungen. Noch die letzte Frage, die die Jünger unmittelbar vor der Himmelfahrt an ihren Meister richteten – "Herr, stellst Du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?" (Apg 1,6) –, beweist mit aller Deutlichkeit, dass sie auch noch nach Ostern in diesem Irrtum befangen waren.

Aber nicht nur Missverständnisse, sondern auch Mutlosigkeit und Versagen waren seit der Verhaftung Jesu kennzeichnend für das Verhalten der Jünger. Das Bild, das uns das Neue Testament von ihnen in der Zeit vor Pfingsten zeichnet, ist alles andere als beeindruckend und überzeugend.

Neue Sicht des Lebens

Darstellung des Pfingstereignisses in der Kathedrale St. Paul in Mdina, der ursprünglichen Bischofskirche des Erzbistums Malta.
Darstellung des Pfingstereignisses in der Kathedrale St. Paul in Mdina, der ursprünglichen Bischofskirche des Erzbistums Malta.

An Pfingsten vollzog sich dann die entscheidende Wende im Leben der Apostel. Nach der Herabkunft des Heiligen Geistes kam es ihnen vor, als würde von ihren Augen ein dichter Vorhang weggezogen. Alles, was ihnen im Verhalten und in der Verkündigung Jesu bisher unverständlich gewesen war, wurde ihnen nun klar. Plötzlich erkannten sie den Heilsplan Gottes, der sich vom Alten Testament bis zu Jesus hinzog. Sie erkannten, dass die Verheißungen, die die Propheten über den Messias gemacht hatten, in Jesus Wirklichkeit geworden waren – allerdings auf überraschende Weise. Die Apostel verstanden jetzt, dass das qualvolle Ende ihres Meisters am Kreuz nicht das Scheitern seines Erlösungswerkes bedeutete, sondern dass sein gewaltsamer Tod im Plan Gottes von vornherein feststand. Sie erkannten durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes, dass Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung den endgültigen Sieg über die Macht des Bösen und der Vergänglichkeit errungen hatte und dass dadurch für das Schicksal der gesamten Menschheit ein entscheidender Neubeginn erfolgt war. Das Tor zum ewigen Leben im Reich des himmlischen Vaters steht seitdem für jeden Menschen grundsätzlich offen.

So wurde der Heilige Geist für die Apostel zur erleuchtenden Kraft, die sie die Verkündigung und das Leben Jesu mit ganz neuen Augen sehen ließ. Durch das Pfingst-Ereignis überwanden sie Angst und Unsicherheit und verkündeten seitdem unbeirrbar das Evangelium von Jesus Christus. Darin ließen sie sich weder durch Drohungen noch durch Verhaftung und Lebensgefahr einschüchtern.

Auftrag für jeden Christen

Die Heilig-Geist-Taube auf einem Messgewand der Altöttinger Stiftspfarrkirche.
Die Heilig-Geist-Taube auf einem Messgewand der Altöttinger Stiftspfarrkirche.

Der Heilige Geist, den wir bei der Taufe und vor allem im Sakrament der Firmung geschenkt erhielten, möchte auch uns Einsicht in das Heilshandeln Gottes gewähren und dadurch unsere vielfältigen Fragen über das Wesen Gottes, über die Geheimnisse des Daseins, über den Auftrag unserer irdischen Tage beantworten. Er lässt uns erkennen, dass in Jesus Gottes Güte und Barmherzigkeit auf unserer Erde aufgestrahlt ist. Der Inhalt unseres Lebens kann sich deshalb nicht darauf beschränken, dass wir immer Erfolg haben, dass uns sämtliche Wünsche in Erfüllung gehen, dass wir uns alles leisten können. Der Mensch gelangt nur dann zu einem sinnerfüllten Dasein, wenn er in seinem Denken und Handeln dem Bild entspricht, das sich Gott bei der Schöpfung von ihm gemacht hat.

Wenn wir durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes erkennen, dass wir nach dem Urbild des liebenden Vaters im Himmel geschaffen sind, dann verstehen wir auch unseren Auftrag, die Liebe Gottes in unserem eigenen Verhalten nachzuvollziehen. Die unerlöste Welt dagegen versucht, uns ein Denken und einen Lebensstil aufzudrängen, die zur Botschaft der Erlösung in Widerspruch stehen. Dadurch laufen wir Gefahr, dass wir den Anregungen des Heiligen Geistes nicht mehr genügend Beachtung schenken und dass schließlich sein Licht in uns verdunkelt wird.

Deshalb bedeutet Pfingsten nicht nur ein Angebot Gottes an uns, sondern zugleich auch einen Anruf. Wir müssen uns regelmäßig prüfen, ob wir noch so offen sind für das Wirken des Heiligen Geistes, dass Er sich ungehindert in uns entfalten und uns auf dem Weg des Heiles führen kann. Der Geist Gottes kam auf die Apostel in einem Augenblick herab, als sie sich zum Gebet versammelt hatten. In der gehetzten und lautstarken Welt von heute können wir seine Gegenwart kaum mehr erleben. Erst dann, wenn es in unserer Seele still geworden ist, vernehmen wir sein leises Wehen. Nehmen wir uns die Apostel zum Vorbild und vertrauen uns mit derselben Entschiedenheit wie sie der Erleuchtung und Führung des Heiligen Geistes an!

Fotos: Roswitha Dorfner 2, Wolfgang Terhörst 1, red 1