Altöttinger Liebfrauenbote

Sonderausstellung in Altötting eröffnet

Vom Betrachter zum Betrachteten

Denken Sie sich folgende Szene: Sie betrachten ein Kunstwerk und werden dabei auch selbst angeschaut. Eine ungewohnte – vielleicht unheimliche – Vorstellung? Auf diese Erfahrung könnte man sich beim Betrachten der Ausstellung "Antlitz der Barmherzigkeit" in Altötting einlassen. Zu sehen ist sie bis 31. August immer von Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 16 Uhr im "Haus Papst Benedikt XVI. – Neue Schatzkammer und Wallfahrtsmuseum" am Kapellplatz.

"Es geht nicht darum, dass Sie nach Hause gehen und sagen, die Ausstellung war 'schön', sondern dass Sie sich davon ganz bewusst ansprechen und anregen lassen", so Künstler-Seelsorger Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner vor den Gästen.
"Es geht nicht darum, dass Sie nach Hause gehen und sagen, die Ausstellung war 'schön', sondern dass Sie sich davon ganz bewusst ansprechen und anregen lassen", so Künstler-Seelsorger Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner vor den Gästen.

Barmherzigkeit. Ein Wort, das einem gerade jetzt im Heiligen Jahr schon recht selbstverständlich über die Lippen kommt und das doch im Alltag oft genug zur harten Prüfung wird. Verschiedene Gesichter der Barmherzigkeit zeigt die gerade eröffnete Sonderausstellung. In deren Mittelpunkt steht Jesus, den Papst Franziskus als das "Antlitz der Barmherzigkeit" bezeichnet und "durch den uns Gott mit unfassbarer barmherziger Liebe anschaut".

In der Schatzkammer begrüßten zur Eröffnung der Ausstellung am 1. Mai Kapelladministrator Günther Mandl und Bürgermeister Herbert Hofauer die Gäste. Der besondere Willkommensgruß galt Raymundo Kardinal Damasceno Assis aus Aparecida sowie Bischof Stefan Oster und Bischof em. Wilhelm Schraml. Musikalisch unterhalten wurden die Gäste von Cellist Gregor Babica.

Verantwortlich für die Ausstellung zeichnen sich die Künstlerseelsorge und das Kunstreferat der Diözese Passau. Was lag da näher, als mit einem Gedicht zu beginnen? Bischof Stefan Oster zitierte Rainer Maria Rilke, der betroffen beim Betrachten einer Statue des römischen Gottes Apollo das Gefühl hatte, dass nicht nur er das Kunstwerk betrachtet, sondern dass er dabei auch selbst gesehen wird. Dies fließt 1908 in ein Gedicht, das mit den Zeilen endet: "Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern!"

"Umkehr, Bekehrung, Wandlung, Erneuerung, Neugeburt und anderes mehr"

Bischof Stefan lud die Besucher ein: "Bleiben Sie stehen, betrachten Sie und bitten Sie den Herrn, dass er auch Sie anschauen darf durch das Werk der Künstler. Lassen Sie sich hineinführen in die Begegnung, in die erneute Zuwendung zu ihm. Und vielleicht, hoffentlich, schenkt Ihnen derjenige, der Sie dann anschaut, auch die Erfahrung, die Sie anrührt, die Sie neu erahnen lässt, wer und wie Gott wirklich zu uns ist. Vielleicht hilft er Ihnen hinein in ein tieferes Verstehen dieses Antlitzes der Barmherzigkeit. Und im tiefsten Fall widerfährt Ihnen womöglich das, was Rilke erlebt hat: ,da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.' In der Sprache der Christen heißen solche Erfahrungen: Umkehr, Bekehrung, Wandlung, Erneuerung, Neugeburt und anderes mehr."

Bei einem Rundgang teilten Künstlerseelsorger Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner und Alois Brunner, Kunstreferent der Diözese, ihre Gedanken und ihr Wissen mit den Gästen. Domvikar Dr. Kirchgessner wies zum Beispiel auf eins der "Highlights" der Ausstellung hin, das Werk "Gekreuzigt – für uns": "Der Künstler dieses Werkes heißt Rolf Hamleh, kommt aus dem Badischen und arbeitet mit Alteisen. Das Werk für die Ausstellung wurde in Bronze nachgegossen. Der Künstler arbeitet mit Wagenrädern, mit Deichseln, mit Äxten und Beilen. Er hat einen sehr filigran gestalteten Christus geschaffen, der wirklich zur Meditation und zum Beten anregt."

So mancher hat sich beim Betrachten vielleicht auf das Abenteuer eines Dialoges eingelassen und sich auch selbst anschauen lassen.

Text: Uschi Friedenberger, Foto: Werner Friedenberger