Altöttinger Liebfrauenbote

Bruder Konrad-Fest in Altötting

"Pförtner mit Empathie"

Als "Pförtner mit Empathie" hat Kapuzinerpater Br. Dr. Stefan Walser den hl. Br. Konrad vorgestellt. Er war Festprediger beim Bruder Konradfest, den traditionellen Feierlichkeiten in Altötting rund um den Festtag des Heiligen am 21. April. Dabei erklärte er in insgesamt drei ebenso tiefsinnigen wie unterhaltsamen Predigten nicht nur, wieso man beim Blick auf den langjährigen Klosterpförtner früher oder später beim "christlichen Kerngebot" der Nächstenliebe landet, sondern auch was den Menschen vom Rhesusaffen unterscheidet und wie man über die Frage nach Empathie dem Geheimnis der Dreifaltigkeit auf die Spur kommen kann.

Br. Stefan Walser während seiner Predigt in der Basilika.
Br. Stefan Walser während seiner Predigt in der Basilika.

"Bruder Konrad – Pförtner der Barmherzigkeit" lautete das Motto des diesjährigen Bruder Konrad-Festes. Für einen Heiligen, über den schon dessen Zeitgenossen staunten, sei dies eine schöne Umschreibung mit einem "theologisch sehr reichhaltigem Wort", wie Br. Stefan in seiner Predigt bei der Festmesse in der Basilika am 24. April feststellte. Doch wie kam es, dass Br. Konrad offenbar so gut in die Herzen der Menschen schauen konnte? Der promovierte Theologe, der erst vergangenes Jahr von Kardinal Reinhard Marx zum Priester geweiht worden war und derzeit als Kaplan in der Kapuzinerkirche St. Anton in München tätig ist, näherte sich dem hl. Br. Konrad lieber erst einmal von der psychologischen Seite; er stellte dem Begriff der "Barmherzigkeit" den der "Empathie", des "Einfühlungsvermögens" gegenüber.

Über Hirnfunktionen und Herzensbildung

Kapuziner tragen die Bruder Konrad-Hauptreliquie aus der Basilika hinaus zur Prozession über den Kapellplatz.
Kapuziner tragen die Bruder Konrad-Hauptreliquie aus der Basilika hinaus zur Prozession über den Kapellplatz.
Die beiden Kapuzinerpatres Br. Stefan Walser und Norbert Schlenker (stellbertretender Wallfahrtsrektor) unterhalten sich in der Sakristei der Basilika, wo im Hintergrund auch ein Bild des heiligen Bruder Konrad zu sehen ist.
Die beiden Kapuzinerpatres Br. Stefan Walser (l.) und Norbert Schlenker (stellbertretender Wallfahrtsrektor) unterhalten sich in der Sakristei der Basilika, wo im Hintergrund auch ein Bild des hl. Br. Konrad zu sehen ist.

Der junge Kapuzinerpater predigte frei; statt am Ambo Halt zu suchen, wandte er sich mit dem Mikrofon in der Hand lieber näher an die Reihen der Gottesdienstbesucher. Mit Zauberei habe die Gabe der Empathie nichts zu tun, erklärte er also, und mit Blick auf die moderne Hirnforschung stellte er fest, dass man die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, gar nicht groß lernen müsse: "Wir alle haben diese schon", sagte er und fügte hinzu: "Aber das ist kein Grund stolz zu sein! Bei Rhesusaffen hat man diese auch festgestellt, und auch ein Hund kann empathisch für die Laune seines Herrchens sein." Hirnfunktionen allein könnten nicht erklären, wieso einige Menschen auch in abstrakten Situationen mitfühlen, etwa wenn sie im Fernsehen "einen Flüchtlingsjungen im Mittelmeer sehen", und umgekehrt: wieso es andere Menschen gebe, die überhaupt keine Empathie zeigen. Es sei vor allem die "Herzensbildung", die einen barmherzigen Menschen ausmache, und diese setze voraus, mit sich selbst im Reinen zu sein, wie Br. Stefan erläuterte. Er resümierte: "Br. Konrad war täglich konfrontiert mit den Menschen – und mit sich selbst. Er wusste: Ich bin anders als die Menschen, die kommen – und ich bin doch nicht anders. Ich bin auch ein Mensch. Gerade das, macht ihn zu einem Heiligen."

Durch Empathie sei auch das Geheimnis der Dreifaltigkeit besser verstehbar, wie Br. Stefan mit Blick auf das Tagesevangelium von der "dreifaltigen Liebe" und des "neuen Gebots" der Nächstenliebe (Joh 13, 31f) erklärte. Den Menschen gelänge "diese einfühlsame, empathische Liebe manchmal hochherzig, manchmal halbherzig", stellte Br. Stefan fest. "Wir können von Jesus lernen, wie Nächstenliebe geht."

Br. Konrads Offenheit anderen Menschen gegenüber sei stets sehr diskret gewesen, wie Br. Stefan in seiner ersten Predigt in der St. Konradkirche am 21. April, dem eigentlichen Festtag des Heiligen, erklärte. Der "Pförtner der Barmherzigkeit" habe den Menschen Zeit geschenkt, dennoch aber "gleichmäßigen Abstand" gehalten und ihnen so die Möglichkeit gegeben, "ihr Leben neu an Gott "auszurichten". Br. Konrad sei nicht nur offen für seine Mitmenschen gewesen, insbesondere jenen am Rande der Gesellschaft, sondern auch offen für Gott, erinnerte Br. Stefan. "Er war oft im Gebet versunken", stellte er fest. "Nur ein Spalt weit offen ist das Fenster an der Alexiuszelle, aber es reicht, um den Blick auf Gott zu richten." Dass in Altötting "die Tür zum Beichtstuhl und damit zur Barmherzigkeit Gottes" so häufig aufgehe – nicht nur heuer im Hl. Jahr mit der "Pforte der Barmherzigkeit" in der St. Magdalenakirche –, habe auch mit Br. Konrad zu tun, sagte Br. Stefan. "Br. Konrad hat den Beichtstuhl regelmäßig aufgesucht. Und auch wenn er kein Beichtvater war, hat er vielen Menschen einen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes vermittelt."

Gemeinschaft von Starken und Schwachen

Kapuzinerprovinzial Br. Marinus Parzinger und Br. Berthold Oehler verteilen Br. Konrad-Weckerl.
Kapuzinerprovinzial Br. Marinus Parzinger (2.v.r.) und Br. Berthold Oehler verteilen Br. Konrad-Weckerl.

"Die Kapuziner haben immer große Beichtväter hervorgebracht. Das liegt daran, weil sie wissen, dass sie Sünder sind", zitierte Br. Stefan in seiner zweiten Predigt Papst Franziskus. Wie nahe Stärken und Schwächen beieinanderliegen können, erklärte er am Abend des 23. April in der Basilika. "Wir sind als Kirche eine Gemeinschaft von Starken und Schwachen, von Gerechten und Sündern. Niemand hat alles und niemand hat nichts. Kirche ist ein Ort, wo sich Stärke und Schwäche verbinden – und sich ausgleichen." Außerdem stellte Br. Stefan fest: "Wir glauben an einen Gott, der sich in Jesus Christus niedrig – 'demütig' gemacht hat – um das nur vermeintlich Starke zu entlarven." Sich wie Br. Konrad der barmherzigen Liebe Gottes anzuvertrauen – im Gebet, in der Beichte, in der Eucharistiefeier –, riet Br. Stefan seinen Zuhörern.

Alle drei Gottesdienste waren sehr gut besucht. Bereits am Samstagabend war die Bruder-Konrad-Hauptreliquie in die St. Anna-Basilika übertragen worden. Den Samstagabendgottesdienst schloss eine feierliche Lichterprozession ab. Nach der Festmesse am Sonntag zogen Kapuziner und Gottesdienstbesucher, darunter Altöttinger Vereine mit Fahnenabordnungen, in einer feierlichen Reliquienprozession hinauf zum Kapellplatz. Nachdem die Hauptreliquie des Heiligen in die St. Konradkirche zurückgebracht worden war, luden die Kapuziner zu einem geselligen Beisammensein mit Br. Konrad-Weckerl und Freigetränken am Basilikavorplatz ein. Das Fest klang aus mit einer Vesper am Sonntagspätnachmittag in der St. Konradkirche, wo Kapuziner anschließend den Einzelreliquiensegen spendeten.

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

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