Altöttinger Liebfrauenbote

Je nach Anlass trägt das Altöttinger Gnadenbild unterschiedliche "Gnadenröckl"

Kleiderwechsel am Gnadenaltar

Prächtig sind sie alle, doch nicht immer gleich: die "Gnadenröckl", also die Gewänder des Altöttinger Gnadenbildes in der Heiligen Kapelle. Passend zu den liturgischen Zeiten wird die wertvolle Statue der Muttergottes mit dem Jesuskind von Administrator Prälat Günther Mandl mehrmals im Kirchenjahr umgekleidet. Über die Herkunft der einzelnen Prunkgewänder ist nicht allzu viel bekannt – Reinhard Zehentner und Franz Xaver Bruckmayer konnten jedoch viele Fakten klären.

Prälat Günther Mandl trägt das Gnadenbild im goldenen Festkleid.
Prälat Günther Mandl trägt das Gnadenbild im goldenen Festkleid.
Das kostbare goldene Prachtkleid im Tageslicht.
Das kostbare goldene Prachtkleid im Tageslicht.
Gnadenbild im goldenen Kleid in der Heiligen Kapelle.
Gnadenbild im goldenen Kleid in der Heiligen Kapelle.
Das Original-Gnadenbild ohne "Gnadenröckl".
Das Original-Gnadenbild ohne "Gnadenröckl".

Die jeweilige Umkleidung des Gnadenbildes findet immer am Vorabend des Ereignisses statt. Die Ankleidung erfolgt durch den Administrator der Hl. Kapelle unter Assistenz eines Diakons oder Kapellmesners. Das originale Gnadenbild verlässt im Hinblick auf sein hohes Alter (Anf. 14. Jh.) nur noch an wenigen Einzeltagen im Kirchenjahr die Gnadenkapelle, etwa am Vorabend zum Patrozinium Mariä Himmelfahrt, beim Einzug der Regensburger Fußwallfahrt oder zur Gnadenbildverehrung am Aschermittwoch.

Das goldbestickte Pracht-/Prunkgewand ist das schönste Kleid, das mit Ausnahme diverser Hochfeste oder Zeiten im Kirchjahr getragen wird. Die Skapuliere von Mutter und Kind sind schwarz, reich mit Goldornamenten bestickt und mit Edelsteinen verziert. Um den Hals trägt das Gnadenbild eine Perlenkette aus seidenmatt glänzenden echten Perlen. Das Prunkgewand, einschließlich der Kronen von Mutter und Kind, ist laut Franz Xaver Bruckmayer eine Spende der Wittelsbacher.

Reinhard Zehentner, Experte für Restaurierungen und Reliqienfassungen, hat sich die verschiedenen Kleider des Gnadenbildes für den Altöttinger Liebfrauenboten genauer angesehen. Demnach besteht das Prunkgewand für die Liturgie unter dem Jahr aus Unterkleidern aus Silber-Lamé mit Blüten – und Blätterdekor in sog. Sprengtechnik gearbeitet, das Ende 18. Jh., vermutl. nach 1900 auf den Silber-Lamé übertragen wurde (Einfassung Metallborte, Gold, Futter Rückseite: Seide, hellblau). Die Skapuliere sind in schwarzem Seidensamt aus der Zeit nach 1900 gearbeitet (Futter Rückseite: Kunstseide, gelb), deren Dekor – wiederum in Sprengtechnik – angedeutete Blüten von Passionsblumen zeigt. Weiterhin ziert das Prunkgewand reicher Schmuckdekor in Form von Ringen, Broschen, Anhängern, Kreuzen usw. – Votivgaben von Wallfahrern mit diversen Perlsorten (Fluss- und Orientperlen), roter Granate, Turmalinen aber auch weißen Glassteinen.

In dunkelblauem Baumwollsamt

Gnadenbildverehrung: Der ehemalige Administrator Prälat Ludwig Limbrunner mit dem Gnadenbild im einfachen blauen "Schutzgewand".
Gnadenbildverehrung: Der ehemalige Administrator Prälat Ludwig Limbrunner mit dem Gnadenbild im einfachen blauen "Schutzgewand".

Das Gnadenröckl für die Gnadenbildverehrung am Aschermittwoch besteht aus dunkelblauem Baumwollsamt ohne Skapulier mit weißer Baumwollspitze und goldener Metallkordel (Futter Rückseite: Kunstseide, dunkelblau); um den Halsausschnitt des Madonnenkleides zweireihige Perlenkette, Stiftung einer ungenannten Frau an die Muttergottes von Altötting. Dieses einfach gehaltene Gnadenröckl wurde von Reinhard Zehentner selbst gestiftet und von Sr. M. Theresa Eichinger CJ aus Altötting 2005 angefertigt. Es soll dem Schutz des Gnadenbildes und der historischen Bekleidung im Rahmen der Gnadenbildverehrung dienen, bei der Gläubige Gegenstände am Gnadenröckl berühren lassen oder dieses selbst berühren können. Oftmals wird aber auch auf eine zweimalige Umkleidung verzichtet und gleich das Gewand für die Fastenzeit angelegt.

Geziert durch Dekor aus Blüten von Wicken

Das dunkelblaue Kleid für die Fasten- und Adventszeit während der Übertragung zur Gnadenbildverehrung durch Prälat Günther Mandl ...
Das dunkelblaue Kleid für die Fasten- und Adventszeit während der Übertragung zur Gnadenbildverehrung durch Prälat Günther Mandl ...
... und im Gnadenaltar in der Hl. Kapelle.
... und im Gnadenaltar in der Hl. Kapelle.

In der Fasten- und Adventszeit kommt ein dunkelblaues Kleid ohne Skapulier aus Seiden-Moiré mit Silberstickerei in Sprengtechnik zum Einsatz (Futter Rückseite: Baumwolle, dunkelblau). Es wird geziert durch Dekor aus Blüten von Wicken, Passionsblumen mit Rankenwerk sowie diversen silbernen Metallborten in Muschel- und Wellenform. Das Gnadenröckl für die Fasten- und Adventszeit stammt vermutlich
aus der Zeit um 1910/20 (Dekor in Art des Jugendstils).

Unterkleider aus Goldbrokat

Sternförmige Blumen zieren das rote Pfingstgewand des Gnadenbildes.
Sternförmige Blumen zieren das rote Pfingstgewand des Gnadenbildes.

Das Pfingstornat enthält Unterkleider aus Goldbrokat mit roter Konturierung, maschinelle Goldborten in diversen Formen (Futter Rückseite: Kunstseide, rot). Es ist eine Arbeit der Zisterzienserinnen von Thyrnau aus dem Jahr 2007, im Auftrag des ehemaligen Administrators Prälat Alois Furtner. Die zugehörigen Skapuliere bestehen aus rotem Baumwollsamt mit einer bandförmigen goldenen Metallborte, begleitet am inneren Rand von einer Kette aus dunkelroten Granaten sowie einem Dekor aus sternförmigen Blumen. Zum Pfingstornat gehört ein reicher Schmuckdekor in Form von gestifteten Anhängern, Broschen, Kreuzen und diversen Halbedelsteinen.

Aus weißer Seide

Das weiße "Freudenkleid" für die Weihnachts- und Osterzeit.
Das weiße "Freudenkleid" für die Weihnachts- und Osterzeit.
Prälat Günther Mandl nimmt zur Umkleidung vorsichtig die Krone ab.
Prälat Günther Mandl nimmt zur Umkleidung vorsichtig die Krone ab.

Für die Freudenzeit – Weihnachten bis Lichtmess und Ostersonntag bis Ende der Oktav – gibt es ein Gnadenröckl aus weißer Seide (Futter Rückseite: Seide, weiß/beige), um 1905, später überarbeitet in Kurbeltechnik, mit Goldstickerei in Sprengtechnik und diversen bunten Glassteinen sowie diversen goldenen Metallborten in Muschel- und Wellenform.

Auf diese Weise wird auch anhand der unterschiedlichen Gewänder des Gnadenbildes für alle Beter in der Gnadenkapelle der Verlauf eines Kirchenjahres deutlich und angemessen gewürdigt.

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: Roswitha Dorfner