Altöttinger Liebfrauenbote

Weihbischof Reinhard Hauke zur Bedeutung von Wallfahrten in der Vertriebenen-Seelsorge

"Man ist katholisch – und das wird auch gelebt"

In den Jahren 1945 und 1946 vertrauten die aus den deutschen Siedlungsgebieten vertriebenen und geflüchteten Menschen bei verschiedenen Wallfahrten ihr Schicksal im Gebet der Gott und der Gottesmutter Maria an. Heuer besteht die Sudetendeutsche Wallfahrt nach Altötting seit 70 Jahren. Zu diesem Anlass kommt der Erfurter Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, am 3. Juli als Hauptzelebrant des Festgottesdienstes in die Basilika St. Anna. Unser Autor hat mit ihm über die Bedeutung von Vertriebenenwallfahrten, die anstehenden strukturellen Veränderungen in der Vertriebenenseelsorge und seine persönliche Bezüge zu Vertreibung und zu Altötting gesprochen.

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke beim Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde Anfang August vergangenen Jahres im tschechischen Budweis.
Weihbischof Dr. Reinhard Hauke beim Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde Anfang August vergangenen Jahres im tschechischen Budweis.

H.H. Weihbischof, welche Bedeutung haben heute, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie von Flucht und Vertreibung, noch Vertriebenenwallfahrten – auch unter dem Aspekt, dass die Erlebnisgeneration ja größtenteils nicht mehr aktiv ist bzw. bereits verstorben ist?
Hauke: Es ist ein Fakt, dass die Erlebnisgeneration, die vor 1945 in den Vertreibungsgebieten geboren wurde, langsam älter wird oder nicht mehr da ist. Dennoch rechnet man in Deutschland immer noch mit ungefähr 400.000 bis 500.000 Personen, die aus diesen Gebieten kommen. Darüber hinaus gibt es ja auch noch die Bekenntnisgeneration – dazu gehöre ich auch selbst. Also diejenigen, die von den Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Gebieten kommen, abstammen und die in diese Traditionen eingebunden worden sind und dann auch weiter Interesse an dem haben, was ihre Vorfahren an religiösen Dingen erlebt oder praktiziert haben. Aus diesem Grund ist es auch weiterhin von Interesse, solche Wallfahrten zu gestalten.

Welchen Stellenwert nimmt in Ihrem Arbeitsfeld als "Beauftragter der Bischofskonferenz" die Seelsorge für die Sudetendeutschen ein?
Die Sudetendeutschen sind für mich deswegen wichtig, weil sie auch diese europäischen bzw. Versöhnungsgedanken vor allem mit Tschechien im Blick haben. Und es gibt hier ja die Ackermann-Gemeinde, die in Prag ein tschechisches Pendant, die Sdružení Ackermann-Gemeinde, hat. Damit besteht eine gute Kooperation bei den Sudetendeutschen. In dieser Intensität erlebe ich das bei anderen Gemeinschaften nicht.

"Es ist schön, diesen altehrwürdigen Wallfahrtsort Altötting zu besuchen"

Die "Vertriebenen"-Wallfahrten nach Altötting haben eine lange Tradition. Die "Sudetendeutschen" – im Bild vergangenes Jahr in der Basilika – kommen heuer am Sonntag, 3. Juli ...
Die "Vertriebenen"-Wallfahrten nach Altötting haben eine lange Tradition. Die "Sudetendeutschen" – im Bild vergangenes Jahr in der Basilika – kommen heuer am Sonntag, 3. Juli, ...
... die Oberschlesier – im Bild 2015 beim Einzug – kommen am Sonntag, 23. Juli, ...
... die Oberschlesier – im Bild 2015 beim Einzug – kommen am Sonntag, 23. Juli, ...
... die Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben – im Bild beim Zug über den Kapellplatz letztes Jahr – findet heuer am Sonntag, 10. Juli statt, ...
... die Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben – im Bild beim Zug über den Kapellplatz letztes Jahr – findet heuer am Sonntag, 10. Juli statt, ...
... die Sternwallfahrt der Russlanddeutschen und anderer GUS-Staaten – im Bild Teilnehmer beim Gottesdienst in der Basilika 2014 – findet heuer am Samstag, 9. Juli statt.
... die Sternwallfahrt der Russlanddeutschen und anderer GUS-Staaten – im Bild Teilnehmer beim Gottesdienst in der Basilika 2014 – findet heuer am Samstag, 9. Juli statt.

Warum ist die Vertriebenenseelsorge auch heute (noch) wichtig? Und in welche Richtung sollte sie sich – auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit – entwickeln?
Vor allem ist mir wichtig, den europäischen Gedanken – auch vor dem historischen Hintergrund – zu fördern. Das gelingt durchaus schon bei den jungen Menschen, die durch ihre Eltern und Großeltern einen Vertriebenenhintergrund haben. Es gibt die Aktion West-Ost, den Dachverband der Jugendorganisationen der verschiedenen Verbände der Heimatvertriebenen. Dort erlebe ich es immer wieder bei Wallfahrten, Workshops oder vielen anderen Aktivitäten, die wir auch von der Bischofskonferenz mitfinanzieren, dass der europäische Gedanke auf diesem historischen Hintergrund möglich ist und gelingt.

Sie selbst haben ja schlesische Wurzeln. Wie und in welchem Maße prägt dieser Aspekt außerhalb Ihrer Tätigkeit im Rahmen der Bischofskonferenz Ihr Leben und Wirken?
Meine Eltern durften ja über dieses Faktum nicht reden. Sie waren "Neubürger" in der DDR – und es war verboten, darüber zu sprechen. Höchstens im internen Familienkreis, und das haben sie natürlich auch getan. Zumindest die Mutter, mein Vater fast nicht. Man wollte in der DDR dadurch einfach einen Strich ziehen – es waren ja die "Ostblockbrüder und -schwestern", die in der Tschechoslowakei lebten. In gewisser Weise ist es zu einer Weitergabe dieser Traditionen gekommen: Die schlesische Frömmigkeit zum Beispiel ist ja eine sehr bodenständige und gelassene Frömmigkeit, sodass man sich durch eine Diasporasituation, wie wir sie in der DDR erlebt haben, nicht erschüttern lässt. Man ist katholisch. Das wissen alle und das wird auch gelebt und praktiziert. So konnte man auch im Sozialismus sein Christentum weiterhin verteidigen und an dessen Sinnhaftigkeit festhalten. Prägend war also, dass ich dadurch ein unaufgeregtes, selbstverständliches Christentum geerbt habe.

Neben den Sudetendeutschen pilgern ja noch weitere Gruppen wie Russlanddeutsche, Banater Schwaben oder Oberschlesier nach Altötting. Worin liegt die Anziehungskraft des Gnadenortes?
Es hat zunächst ganz praktische Gründe. Für die Russlanddeutschen gibt es zwei Schwerpunkte – Kevelaer und Altötting. Einer im Norden und einer im Süden, wo sie sich vor allem wegen ihrer Berufe angesiedelt haben. Das wird bei den Sudetendeutschen nicht anders sein, die vor allem im süddeutschen und bayerischen Raum zuhause sind. Die Wallfahrtstradition ist bei den Russlanddeutschen nicht so stark ausgebildet, weil sie wahrscheinlich aufgrund ihrer finanziellen Lage gar keine großen Möglichkeiten hatten, in Russland zu wallfahrten. Und es war nicht so einfach, den katholischen Glauben zu leben. Daher muss man die Russlanddeutschen gezielt an das Wallfahren und entsprechende Traditionen heranführen – was den Sudetendeutschen und Schlesiern bestens vertraut ist. Es ergeben sich aber Synergieeffekte: man kann sie als Menschen ansprechen, die hier eine neue Heimat gefunden haben und dann durch die Wallfahrtsorte diese Heimatgefühle noch verstärken.

Welche Bezüge haben Sie persönlich zum Wallfahrtsort Altötting und dem Glaubensleben dort?
Da ich ein geborener DDR-Bürger war, konnte ich erst vor 25 Jahren losfahren und Altötting entdecken. Das habe ich auch mehrfach getan – nicht nur im Vertriebenenkontext, sondern auch im Urlaub, um diese Wallfahrtstradition kennenzulernen. Im Vergleich zu Wallfahrtsorten bei uns sind das sehr altehrwürdige Wallfahrtsorte. Bei uns mussten wir die Wallfahrtstraditionen erst wiederbeleben, weil es im Osten keine traditionellen Wallfahrtsorte gab. Hier bei uns ist es beispielsweise die Wallfahrt nach Vierzehnheiligen, die vor allem durch die Wallfahrer aus dem Eichsfeld wiederbelebt wird. Zu Altötting habe ich zwar keine direkte persönliche Beziehung, aber es ist schön, diesen altehrwürdigen Wallfahrtsort zu besuchen und sich an Papst Benedikt XVI. zu erinnern, der ja quasi "um die Ecke" gelebt hat. Besonders beeindruckt hat mich dort auch das neue Museum mit den kostbaren Wallfahrtsgaben.

Interview: Markus Bauer, Fotos: Markus Bauer 1 (o.), Roswitha Dorfner 4