Altöttinger Liebfrauenbote

Die deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela

Immer ein offenes Ohr

Ankommen und erwartet werden: Das ist wichtig für all die Pilgerinnen und Pilger, die über Wochen, zuweilen sogar monatelang, unter Entbehrungen und Lasten vorangezogen sind auf dem Jakobsweg ins nordwestspanische Santiago de Compostela. Über Stolz, Erschöpfung und Erleichterung hinaus spüren viele Ankömmlinge plötzlich aber auch ein Gefühl des Alleinseins und drohen, in ein Loch zu fallen. Und so hat sich die deutschsprachige Pilgerseelsorge in der Stadt des Apostels Jakobus das "Ankommen und erwartet werden" zum Motto gemacht. In seelsorgerisch erfahrenen Dreierteams - stets zwei Laien und ein Priester – stehen sie mit Rat und einem offenen Ohr bereit.

Pilgerankunft in Santiago de Compostela, hier ein Blick auf das in diesem Jahr geöffnete Vergebungsportal der Kathedrale – da fühlt sich mancher allein und einsam.
Pilgerankunft in Santiago de Compostela, hier ein Blick auf das in diesem Jahr geöffnete Vergebungsportal der Kathedrale – da fühlt sich mancher allein und einsam.

Die deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela ist ein Projekt des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das Projekt, das 2009 seine Premiere erlebte, läuft in diesem Jahr noch bis Mitte Oktober. Die Betreuungsteams wechseln alle zwei bis drei Wochen. Für Martina Hanz, die seit Jahren bei der Pilgerseelsorge mitarbeitet, ist dies das "Highlight meines Jahres". Der Grund ist ganz einfach: "Es kommt soviel Dankbarkeit zurück."

Martina Hanz weiß, dass viele Pilger "mit schweren Paketen hier ankommen" und wie wichtig es ist, dass einfach jemand da ist und ihnen zuhört. Täglicher Fixpunkt ist das Pilgertreffen, zu dem das Team nach der Zwölf-Uhr-Pilgermesse vor dem Nordportal der Kathedrale wartet und mit einem kleinen Transparent auf sich aufmerksam macht. Dann geht es hinüber in den einstigen Kloster- und heutigen Hotelkomplex San Martín Pinario. In einem Raum, dem Salón Ultreia, stehen Stühle in einem Kreis zusammen. Auf dem Boden liegt ein ausgebreitetes Tuch, darauf eine kleine Jakobusskulptur, eine Osterkerze, das Gästebuch, die Schale einer Jakobsmuschel. Heute sind sieben Pilgerinnen und Pilger gekommen, um das Gefühl der Gemeinschaft zu spüren, Erfahrungen und Erlebnisse aufzuarbeiten und auszutauschen, ihr Herz auszuschütten. Peter (*) hat über fünf Wochen seinen Bruder Georg von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela begleitet. Dass sie es geschafft haben, können sie immer noch nicht fassen. Georg war zwei Jahre schwer krank gewesen, nun sagt er: "Es war die beste Therapie, die ich gemacht habe." Als Peter das hört, weint er hemmungslos. Martina Hanz weiß, dass bei den Pilgertreffen häufig Tränen fließen. Dafür braucht sich niemand zu schämen.

"Der Camino ruft mich jedes Jahr"

Blick in die Runde beim Pilgertreffen.
Blick in die Runde beim Pilgertreffen.

Julia, eine Österreicherin, hat sich nur eine kurze Auszeit von einer Woche auf dem Jakobsweg genommen: rund 130 Kilometer durch Galicien. Einstiegspunkt war Triacastela. Und doch waren die Tage intensiv, begleitet von Bart, einem Freund aus den Niederlanden. Als Bart sagt, auf dem Jakobsweg habe er gespürt, "dass man sich selbst wieder findet", nickt ihm jedermann aus der Runde still zu. Ob Julia nach der inneren Einkehr auf dem Weg "zuhause einen Gang zurückschalten kann", da ist sie sich nicht sicher. Allerdings weiß sie: "Das war nicht mein letzter Jakobsweg."

Für Doris war es bereits das fünfte Mal auf dem "Camino de Santiago". "Der Camino ruft mich jedes Jahr", bekennt sie und ist jedes Mal aufs Neue überwältigt. Für Irmgard, die vor einiger Zeit eine Lebenskrise durchgemacht hatte und ihr Leben lang privat und beruflich andere Menschen versorgt hat, war es wichtig, "mir endlich einmal Zeit für mich zu nehmen." Ganz bewusst wollte sie während ihrer 18tägigen Pilgerschaft öfter in Schweigen gehen, nicht mehr denken. Und doch kamen gelegentlich Zweifel auf: "Halte ich durch, breche ich ab?" Zwischendurch musste neues Schuhwerk her.

"Ein wunderbarer Abschluss"

Nach der hl. Messe warten Martina Hanz und Anneliese Vögele auf Pilger.
Nach der hl. Messe warten Martina Hanz (l.) und Anneliese Vögele auf Pilger.

Die Pilgertreffen dauern erfahrungsgemäß etwa eine Stunde. Darüber hinaus bietet die deutschsprachige Pilgerseelsorge täglich um acht Uhr morgens in der Kathedralkapelle Cristo de Burgos eine hl. Messe in deutscher Sprache an. Abends um 19 Uhr beginnt ein spiritueller Rundgang um die Kathedrale, Treffpunkt ist vor dem Nordportal. Zudem besteht die Gelegenheit zur Beichte auf Deutsch, und auch für Einzelgespräche stehen die Mitarbeiter zur Verfügung.

"Der Weg verändert", weiß Pfarrer Wolfgang Klock, der, wie er sagt, selber gern unterwegs und vor allem gerne mit Menschen zusammen ist, die unterwegs sind. Wie sehr die Hilfen der Pilgerseelsorge angenommen werden und wie wichtig sie sind, zeigt ein Blick ins Gästebuch. "Das Gespräch hat gut getan", hat Hans-Jürgen über das Pilgertreffen geschrieben. Manfred hat "ein verstärktes Gefühl des Vertrauens" gespürt, für Johanna war es "ein wunderbarer Abschluss" ihrer Pilgerschaft.

Text und Fotos: Andreas Drouve

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.