Altöttinger Liebfrauenbote

"Geistliche Marienbriefe" – fast vergessene Wallfahrtsandenken vom Gnadenort Altötting

"Was könnte ich dir Schöner's schenken"

Nichts gegen Weißbierglas oder Andachtsbildchen, Wetterkerze oder Rosenkranz, Weihwasserkessel oder Spazierstockplakette – so originell wie der "Geistliche Marienbrief" ist keines der beliebten Wallfahrtsandenken vom Gnadenort Altötting. Schon lange werden keine "Geistlichen Marienbriefe" mehr verschickt. Sie sind ganz und gar aus dem Verkehr gezogen.

"Was könnte ich dir Schöner’s schenken ..." – Altöttinger Wallfahrtsbrief (19. Jh., außen).
"Was könnte ich dir Schöner’s schenken ..." – Altöttinger Wallfahrtsbrief (19. Jh., außen).

Warum es keine Wallfahrtsbriefe mehr gibt? Darauf weiß nicht einmal ein Altöttinger Devotionalienhändler eine Antwort, bei dem vor wenigen Jahrzehnten noch die "Brieferl" stoßweise zu haben waren. Die letzten, die's gab, gehören den 1920er-Jahren an. Ihren Höhepunkt hatten sie im ausgehenden 18. Jahrhundert erreicht. Da gab es Prunkstücke spätbarocker Verspieltheit. Aus dieser Zeit sind – in Privatsammlungen – nur wenige Stücke erhalten geblieben. Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert, selbst die in Museen. Zwei Verlage sind zu nennen: Lutzenberger in Altötting und Plötzeneder in Neuötting.

Die lithografierten Altöttinger Wallfahrtsbriefe kosteten ein paar Heller, wenige Pfennige. Und: Sie kosteten den Käufer weder Zeit noch Hirnschmalz; waren sie doch schon geschrieben, das heißt getextet. Sie enthielten kein einziges persönliches Wort des "Absenders", es sei denn, er setzte einen Gruß oder seinen Namen dazu. Doch wohin? Die Briefe ließen kaum Platz dafür. Sie waren keine Medien der Mitteilung, die postalisch versandt wurden. Ihren Hauptzweck sehen Volkskundler in der Wallfahrts-Reklame. Dafür spricht ihre überreiche bildliche Ausstattung: Gnadenmutter, Heilige Kapelle, Kapellplatz mit Wallfahrtszügen, Altöttinger Kirchen, Pilger-Szenen mit am Gnadenort Geheilten. Zur Ausschmückung dienten das flammende Herz Jesu mit der Dornenkrone und das brennende Herz Mariens, von Blumen umkränzt. Ohne das verschlüsselte "MARIA"-Monogramm kein Wallfahrtsbrief; die Gottesmutter sollte sich mit ihrem "Kürzel" auch emblematisch einprägen.

"Was könnte ich dir Schöner's schenken / Als dieses kleine Briefchen hier, / Nimm's an, und ehr's als Angedenken, / Ich bring es von der Wallfahrt dir." So oder ähnlich lautete der Text auf den noch im Altertumshandel zu erstehenden "Geistlichen Marienbriefen" des 19./20. Jahrhunderts. Die spätbarocken Exemplare, die ein mit "Maibäumen" geschmücktes Altärchen mit der Gnadenmutter im Strahlenkranz zeigten – darunter: "Gnadenreiche Mutter Gottes in Alten-Oettingen" – gaben rückseitig die strikte Anweisung an Absender wie Adressat:

"Dieser Brief ist ab=
Zugeben
Hier im Hauß und
auch darneben.
Laß ihn Cito lauffen fort.
Er gehört an alle Ort."

"Du kannst uns spenden Reichliche Gnaden, Kannst von uns wenden Jeglichen Schaden ..."

"Geistlicher Marienbrief ", Vorderseite des Mittelteils, 19. Jahrhundert.
"Geistlicher Marienbrief ", Vorderseite des Mittelteils, 19. Jahrhundert.

Den Wallfahrtsbrief erwarb der Pilger vom Gnadenort, meistens nicht ohne sie weihen zu lassen. Er gab sie, von der Wallfahrt zurückgekehrt, weiter: Angehörigen, Nachbarn, Freunden, Menschen, die er für würdig und bedürftig hielt, ein solches Wallfahrtsandenken zu besitzen. Die Empfänger sollten durch den Brief nicht nur einen sichtbaren Beweis der Teilnahme des Schenkenden an der Altötting-Wallfahrt erhalten, sondern auch informiert werden über die Gnadenstätte: wie groß, wie schön, wie einladend sie ist, wie lange sie als Ort wundertätiger Hilfe fungiert – zwölf oder gar 13 Jahrhunderte, wie manche Briefe behaupten, sind Übertreibung, denn das holzgeschnitzte Altöttinger Gnadenbild wird um 1330 datiert – und warum gerade von diesem Ort so viel Segen ausgeht.

Auf Blumen und Efeuranken gebettet werden die christlichen Symbole für Glaube (Kreuz), Liebe (Herz) und Hoffnung (Anker) gezeigt. Eine 9,5 cm lange und 5 cm breite Lithografie lässt ins Zentrum des Wallfahrtsortes Altötting blicken: Alte Post, Turm der Michaels-Friedhofskirche, Fassade und Kuppelturm von Sankt Magdalena und, rechts, die gotische Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus. In der Mitte des gelblich eingefärbten Angers steht die von grünen Kugelbäumchen gesäumte Gnadenkapelle. Über deren spitz zulaufendem Oktagon schwebt auf einer Wolke die in goldener Mandorla stehende Schwarze Madonna von Altötting mit dem Kind auf dem rechten Arm.

Das Besondere an den Wallfahrtsbriefen: Sie lassen sich ent- und wieder zusammenfalten. Daher dürften sie das Gefallen der Kinder gefunden haben – womit auch ihr kurzes "Leben" erklärt wäre.

Zusammengefaltet sind die einteiligen "Geistlichen Briefe von Altötting" 10 x 6 Zentimeter groß. Sie ließen sich leicht aufbewahren – im Wäscheschrank, im Schmuckkästchen, im Erbauungsbuch, wo sie als Lesezeichen dienten. Die Altöttinger "Marktplatz"-Ansicht wurde so geschont. Auf einigen Exemplaren ist sie noch per Hand mit Eiweiß "lackiert", so dass sie regelrecht leuchtet und ihre Farben noch heute frisch erscheinen. Unter der "Marktplatz"-Ansicht steht, mit dem Gruß "Gelobt sey Jesus Christus! In Ewigkeit! Amen" endend, die Bitte: "Im Kampfe des Lebens, der Lust und des Leids / Da zeigst Du den Sieg mir im heiligen Kreuz! / O reich auf der Wallfahrt zum Vaterland / Maria! Mir helfend die Mutterhand!" Links und rechts auf den ausgeklappten "Flügeln" sind "Bittrufe zu Maria" zu lesen. Sie möge auf unsere Not blicken, unser Gebet erhören, für uns bei Gott bitten, unser Sehnen "nach Himmelsruh'" stillen, die "Thränen" trocknen und – helfen. Denn:

"Du kannst uns spenden
Reichliche Gnaden,
Kannst von uns wenden
Jeglichen Schaden;
Liebreiche Mutter!
Oeffne die Hände
Durch Gottes Gnaden
Hilfe uns sende!"

"Brief von Altötting – "Als Siegel der Liebe / nach deinem Verlangen (...) sollst du von Maria Kunde empfangen"

Drei nicht entfaltete "Geistliche Briefe von Altötting", Ende 19. Jahrhundert.
Drei nicht entfaltete "Geistliche Briefe von Altötting", Ende 19. Jahrhundert.

Bedenkt man die Brief-Texte, wird klar, dass außer dem Andenken die Werbung nicht die einzige Intention dieser speziellen Devotionalien war. Sie sollten auch zu Gebet und frommer Lebensart anhalten. Maria, die Mutter des Herrn, wurde angerufen: "O Maria: Heil der / Kranken / Tröste du mein krankes Herz, //Worte, Werke und / Gedanken / Lenk sie alle himmel= / wärts" – dieses Gebet umrahmt eine kolorierte Ansicht der "Kapuziner-Kirche".

Das Stadtmuseum von Deggendorf bewahrt einen dreiteiligen, auf Vorder- und Rückseite bedruckten "Geistlichen Marienbrief, / oder: / Frommes Andenken / von der Wallfahrt" mit einer schönen Altötting-Ansicht und der frei schwebenden Gnadenmutter, über der ein flatterndes Band den Gebetsanfang "Unter Deinen Schutz fliehen wir" aufgedruckt hat. Das rückseitige Gegenstück lässt auf den Gnadenaltar der Heiligen Kapelle schauen. Über dem Tabernakel: im Rundbogen-Schrein das Gnadenbild, von ihm ausstrahlend zum Gnadenstuhl in den mit Engelsköpfen bestückten Wolken die drei Bänder: "Dei Patris Filia" (Gott Vaters Tochter), "Spiritus S. Sponsa" (des Heiligen Geistes Braut), "Filii Dei Mater" (Gottes Sohnes Mutter) – eine oft auch auf Gebetszetteln und Andachtsbildchen zu findende neo-barock anmutende Darstellung. Darunter: "Ich habe im Gebete oft an Sie gedacht, / Und zur Erinnerung dieß Briefchen mitgebracht." Der Aufdruck "Brief von Altötting – Als Siegel der Liebe / nach deinem Verlangen" (rechte Seite) "sollst du von Maria Kunde empfangen" (linke Seite) öffnet den Blick für eine weitere Intention des Wallfahrtsbriefes: Er war gewissermaßen auch eine "Liebesgabe". Ohne Belege dafür zu haben, ob er auch als Hülle für ein Geldgeschenk oder zur Bergung eines Segenszettels diente, liegt eine derartige Verwendung nicht fern.

Ebenso wenig wie Stecher, Schablonenmaler und Verleger spätbarocker Altöttinger Wallfahrtsbriefe gesichert sind – Robert Bauer hält dafür, dass sie in Augsburg bei J. Busch herauskamen, auf dem Papier fehlt allerdings eine solche namentliche Angabe – kann der Verfasser des relativ langen Textes benannt werden. Der in vier "Portionen" zu zweimal 16 und zweimal 12 Zeilen aufgeteilte Text ist reizvoll bebildert: mit zwei Heilungs-Szenen Bettlägeriger samt Begleitpersonen und, darüber schwebend, die Altöttinger Madonna im gelben Lichterkranz auf blauem Wolkengrund, einmal mit der rotbraun gemalten Heiligen Kapelle wie aus einer Bastelanleitung und ein andermal mit einem Bild, das die fromme Legende des heiligen Rupertus, Patrons von Erzbistum und Stadt Salzburg (gestorben um 720), vergegenwärtigt, der die Marienstatue nach Altötting gebracht haben soll.

"Maria sey gegrüßt Auß meines Herzens Grund ..."

Handkolorierter spätbarocker Altöttinger Wallfahrtsbrief (innen).
Handkolorierter spätbarocker Altöttinger Wallfahrtsbrief (innen).

"Der Brief, den du hier siehst / Komt von Alt Oeting her. / Mein Leser merck es wohl / Ich nur dein Heil begehr." So setzt der 32 Zeilen lange Text ein. Der anonyme Autor erinnert den Leser an seine Herkunft vom Schöpfergott und vom Erlöser Jesus Christus und mahnt: "Den Greul der Sünd" soll er meiden, "den fallschen Schein der tollen Eitelkeit" verachten, ein anständiges Leben führen, so dass es "zu ein beglicktem End" komme. Völlig anders im Sprachduktus und direkt auf die Gnadenstätte Altötting bezogen, ist der kürzere Text: "Wer wunder und Zeichen verlanget / Der kome nur eilendts hieher", an den an Gnaden reichen Ort, der auf "Sanct Rupert" zurückgehe und "Mariae geweichet" sei, wo "trostlose Blinde ... das Liecht ihrer Augen" wiedererlangen und Weh und alle Schmerzen "verschwinden". Mit einem heute vergessenen Mariengebet schließt der "Briefschreiber":

"Maria sey gegrüßt
Auß meines Herzens Grund
Dein Thron voll Gnaden fließt
Allhier zu jeder Stund
Du bist gebenedeit
Dein edle Leibes Frucht
Die ganze Welt er freut
So Er am Creutz gesühnt
Du bist der Menschen Ehr
Und der Jungfrauen Cron
Dich liebet Gott der Herr
Dein Eingeborner Sohn."

Döderlein/Hansmanns "Altötting"-Büchlein aus dem Münchner Bruckmann-Verlag 1960 bildet den selten schönen barocken Wallfahrtsbrief auf der Einbandrückseite farbig ab. Allerdings ist es für Wilhelm Döderlein ein "Wallfahrtsbildchen", was dem Stück im Wesentlichen nicht gerecht wird. Wallfahrtsbildchen heben sich von Wallfahrtsbriefen schon allein dadurch ab, dass sie nicht gefaltet werden, ihnen also das Charakteristische eines Briefes fehlt.

Text und Fotos: Hans Gärtner