Altöttinger Liebfrauenbote

Podiumsdiskussion mit Bischof Stefan Oster und Peter Seewald über ihr Buch "Gott ohne Volk?"

Mit missionarischem Herzen

Die Kirche von morgen braucht Menschen mit einem "missionarischen Herz". Dies betonte Passaus Bischof Stefan Oster, als er am Abend des 17. Juli im "Kultur + Kongress Forum Altötting" gemeinsam mit dem Journalisten und Vatikan-Autor Peter Seewald ihr gemeinsames Buch "Gott ohne Volk?" vorstellte. Die Podiumsdiskussion bildete den "krönenden" Abschluss des diesjährigen "Altöttinger Klostermarkts". Der Bischof und der Journalist stellten sich unter Moderation von Tilmann Schöberl den Fragen des Publikums und Bischof Oster klärte u.a. darüber auf, wie das Fragezeichen auf den Buchtitel kam.

Podiumsdiskussion im "Kultur + Kongress Forum Altötting": Moderator Tilmann Schöberl, Journalist Peter Seewald und Bischof Stefan Oster.
Podiumsdiskussion im "Kultur + Kongress Forum Altötting" (v.l.): Moderator Tilmann Schöberl, Journalist Peter Seewald und Bischof Stefan Oster.

"Gott ohne Volk?" – Der Titel ist sicherlich nicht als dogmatischer Lehrsatz gemeint und doch war es Bischof Oster, dem habilitierten Dogmatiker, wichtig darauf hinzuweisen, dass da ein Fragezeichen im Buchtitel steht. Er selbst habe dafür gesorgt, wie Bischof Oster gleich zu Anfang seines einleitenden Vortrags erklärte. Denn: Christus sei für das Volk gestorben und wiederauferstanden, er könne also gar nicht ohne Volk sein. "Gott ist nie ohne Volk", betonte Bischof Oster.

Und doch scheint es so, als laufe "das Volk" vor Gott davon: Die Diskussion um den Rückgang der Kirchenmitglieder, die durch die an diesem Wochenende verkündeten Austrittszahlen neue Nahrung erhalten hatte, beschäftigte auch die beiden Gäste auf dem Podium. "Die Volkskirche wird es so nicht mehr geben", sagte Seewald ohne Umschweife. Er sprach von einem "radikalen Mentalitätswandel", von "einer spirituellen nationalen Katastrophe, die endlich mal wahrgenommen werden muss"; die Kirche verhalte sich oft zu angepasst und in den Medien würden in Sachen Glaube und Kirche "immer dieselben Themen behandelt, ohne auf den eigentlichen Kern der Frage zu kommen". Er zeigte sich aber überzeugt: Die Kirche habe schon viele Krisen erlebt und werde mit Sicherheit nicht untergehen, und er sehe auch "Chancen für einen neuen Aufbruch". Es gebe heute bereits neue Initiativen, "eine neue Generation, die auf andere Weise fromm ist", daher sei es umso wichtiger, dass die Kirche "eine neue Sprache, neue Ausdrucksformen" finde.

"Im Evangelium geht es um was!"

Podiumsdiskussion im "Kultur + Kongress Forum Altötting": Moderator Tilmann Schöberl, Journalist Peter Seewald und Bischof Stefan Oster.
Podiumsdiskussion im "Kultur + Kongress Forum Altötting" (v.l.): Moderator Tilmann Schöberl, Journalist Peter Seewald und Bischof Stefan Oster.

Auch Bischof Oster beobachtet, dass die Kirche für viele Menschen irrelevant geworden sei. Er sagte aber auch: Gerade im "ländlichen" Bistum Passau sei die Situation "noch relativ gut"; ausdrücklich lobte er das Engagement der Katholiken in "seiner" Diözese. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob man auch ohne Kirche zu Gott finden könne, antwortete Seewald gewohnt pointiert, Bischof Oster differenzierter. Seewald: "Ich kann ein guter Christ sein ohne Kirchensteuer zu zahlen, aber ich kann kein Katholik sein ohne die Feier der Eucharistie." Auch Bischof Oster betonte die Bedeutung der Eucharistie, sprach dann aber vor allem von "Erfahrungen", die klar belegten, dass mit einem Kirchenaustritt oft auch ein schleichender Glaubensverlust einhergehe. "Im Grunde kann man nur in der Kirche zu Jesus Christus finden", sagte er daher.

Viel entscheidender ist für Bischof Oster die Frage, wie sich Menschen für die Kirche gewinnen lassen. "Im Evangelium geht es um was!", betonte er in seinem kurzen Vortrag. Es gehe dabei nicht um einen "Humanismus der Nettigkeit", um Ethik oder Verhaltensregeln,  Jesus sei kein Weisheitslehrer wie etwa Buddha gewesen, nein: "Ich bin der Weg ...", zitierte der Bischof Jesus im Evangelium (Joh 14,6). Entscheidend seien daher die Fragen: "Gehören wir zu Jesus? Welches Verhältnis haben wir zu ihm?" Bischof Oster: "Die Leute, die bei der Frage stehen bleiben, ob wir durch Jesus bessere Menschen werden, kennen das Leben noch nicht." Viel entscheidender sei die Frage, ob wir daran glauben, dass Jesus unser Leben wirklich verändern kann. Ganz bewusst spreche etwa Papst Franziskus alle Menschen an. Christlicher Glaube lebe vor allem aus der tiefen Gewissheit: "Wir sind bei Jesus. Wir sind schon daheim." Nur so sei etwa zu erklären, dass wirklich gläubige Menschen z.B. gerade in Krisensituationen nicht verzweifeln und darüber hinaus für andere Menschen eine Stütze sein können. Ganz bewusst habe Papst Franziskus gesagt: es gehe nicht um die Frage "progressiv oder konservativ", "rechts oder links", sondern "um eine Revolution" – Revolution, im Sinne von Umkehr und Erneuerung, wie Bischof Oster erklärte. Die große Herausforderung für die Kirche von morgen sei daher das Beten neu zu lernen.

Um Klarheit und um Ausgleich bemüht

Nach der Podiumsdiskussion signierten Bischof Stefan Oster und Peter Seewald Bücher – rechts im Vorderdrund Christian Wieser, der Klostermarkt und Diskussion organisiert hatte.
Nach der Podiumsdiskussion signierten Bischof Stefan Oster und Peter Seewald Bücher – rechts im Vorderdrund Christian Wieser, der Klostermarkt und Diskussion organisiert hatte.

Bischof Oster griff dabei auch die "Institution" Kirche an, die nur noch versuche den "Betrieb" aufrechtzuerhalten: "Haben wir Jesus schon einmal gefragt, ob er den ganzen Betrieb überhaupt will?" Auf den Einwurf einer Zuhörerin, dass an manchen sog. katholischen Kindergärten nichts mehr katholisch sei, merkte auch er kritisch an, dass es tatsächlich Hauptamtliche gebe, die nicht mehr über den Glauben sprechen können. Bischof Oster kritisierte auch eine nicht selten vorherrschende Grundmentalität in Gemeinden: "Der Pfarrer weiß und macht alles und wir Laien kümmern uns um das Kirchenfest." Dem stellte Oster entgegen: "Wir alle haben Anteil am Priestertum! Wir müssen gesprächsfähig werden und sagen können, was wir glauben und warum wir glauben." Mehr "missionarisches Herz" forderte er von den Gläubigen und erinnerte an Jesu "Missionsbefehl" (Mt 28,19f). Der Aufruf "Macht alle Menschen zu meinen Jüngern" stehe im griechischen Text ganz bewusst im Mittelpunkt der Aufrufe.

Dass das "Missionieren" nicht ganz so einfach ist, verdeutlichten zwei Einwürfe aus dem Publikum: Dass Kinder vom Religionsunterricht kaum etwas behalten, liege nicht allein am Lehrer, sondern auch an mangelnder Resonanz im Elternhaus, meinte etwa ein Pfarrer. Ein weiterer Redner wünschte sich mehr Rückhalt der Kirche, da gerade Missionsbemühungen oft zu Ablehnung und zu Rückschlägen führten. "Ja, wir brauchen Gruppen, in denen wir uns gegenseitig stärken", sagte Bischof Oster. Auch aktuelle gesellschaftliche Debatten beschäftigten die Zuhörer: Gleich dreimal wurde Bischof Oster zum Thema "Gender" befragt. "Gender = Geschlechterrolle" sei zunächst nur mal ein (englischer) Begriff und natürlich mache es Sinn zu erforschen, wie sich die Geschlechterrollen im Laufe der Zeit verändert haben. Auch die "Gender-Debatte" habe durchaus positive Früchte getragen, wenn es etwa um das Thema "Geschlechtergerechtigkeit" und die Rolle der Frau gehe. Sorgen mache ihm dieses Thema nur, wenn es "ideologisch wird" und "zu einer Aushöhlung der Geschlechterdifferenz und eines Familienmodells kommt, von dem wir glauben, dass es in der Natur angelegt ist". Bischof Oster warnte im Zuge dieser Debatte sowohl vor "Beliebigkeit" als auch vor "blankem ideologischen Konservatismus". Auch hier gab Bischof Oster den Fragestellern, die offenkundig von ihm mehr "klare Kante" wünschten, eine differenzierte Antwort. In seinen eigenen Worten: "Ich bemühe mich um Klarheit, aber ich bemühe mich auch um Ausgleich."

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner