Altöttinger Liebfrauenbote

Ergebnisse vom Provinzkapitel 2016 der deutschen Kapuziner

Wichtige Weichenstellungen

Alle drei Jahre versammeln sich die Kapuziner in Deutschland, um das Provinzkapitel zu feiern, das höchste Souverän der Ordensprovinz. Das Treffen fand heuer vom 12.-17. Juni im Bildungshaus der Reuter Franziskanerinnen, nahe Bad Waldsee, statt. 74 Brüder der Deutschen Kapuzinerprovinz haben teilgenommen, dazu noch eine Reihe Gäste. Sie diskutierten über nichts weniger als die Zukunft des Ordens und fassten zum Teil weitreichende Beschlüsse.

Führt die deutschen Kapuziner mit ruhiger Hand durch schwierige Zeiten: Provinzial Br. Marinus Parzinger während des Provinzkapitels 2016.
Führt die deutschen Kapuziner mit ruhiger Hand durch schwierige Zeiten: Provinzial Br. Marinus Parzinger während des Provinzkapitels 2016.

Dem Kapitel ging laut Provinzial Br. Marinus Parzinger eine intensive Vorbereitung voraus. So trafen sich die Brüder im November 2014 (Zukunftswerkstatt), im Juni 2015 und im März 2016 zu einem außerordentlichen Kapitel, um über Perspektiven zu beraten. Eine Gruppe von Brüdern (Gesprächsforum) hatte Themen vorgearbeitet, später hatte eine Arbeitsgruppe die Treffen der Brüder unterstützt.

Die Kapuziner wollen auch in Zukunft ihre Berufung leben, d.h. beispielsweise für andere da sein, auf die Not der Menschen eingehen, Gastfreundschaft bieten, an ihrem Leben Anteil geben, suchende Menschen begleiten und vieles mehr. "Da unsere Möglichkeiten begrenzt sind, suchen wir verstärkt die Zusammenarbeit mit anderen Orden, mit kirchlichen und gesellschaftlichen Gruppen und mit 'Klosterfreunden', die mit uns verbunden sind", erläutert der Provinzial.

Auf dem Kapitel wurde ein sogenanntes Basismodell vorgestellt, eine Richtung und die Basis für die nächsten Jahre. "Weil die Zukunft sich nicht nach unseren Überlegungen richtet, haben wir Spielraum für Überraschungen gelassen", erklärt Br. Marinus. Man sei keine Firma, die mit einer Werbestrategie die Verkaufszahlen erhöhen wolle: "Wir sind eine Lebensgemeinschaft, oder noch deutlicher gesagt eine Schicksalsgemeinschaft." Und weiter: "Ich bin sehr zufrieden mit dem Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Ich bin zufrieden mit den Ergebnissen, für die wir uns entschieden haben. Die Mühe hat sich gelohnt. Worüber ich mich besonders freue, ist der Stil unseres Miteinanders. Wir schauen realistisch auf die Probleme, wir hören einander zu und suchen gemeinsam nach tragfähigen Lösungen." Er sei überzeugt, "dass wir noch so manche Überraschung erleben werden". Die aktuellen Herausforderungen bräuchten entsprechende Lösungen, die erst zu finden seien. Der vor uns liegende Weg koste Zeit und Kraft, brauche Mut und Durchhaltevermögen, so der Provinzial, aber: "Ich bin zuversichtlich und froh."

Konzentration auf weniger Klöster

Kapuziner im Gespräch.
Kapuziner im Gespräch.

Die Beschlüsse und Empfehlungen des Kapitels sind mittel- und langfristig angesetzt. Neben der konkreten Schrittfolge sei nun ein Zeitplan zu erarbeiten, so Br. Marinus: "Die Entscheidungen betrachten die Niederlassungen in Deutschland nicht isoliert. Wir schauen als Gemeinschaft auf die Niederlassungen mit den dort lebenden Brüdern. Wir klären unsere Aufgabenfelder. Eine Veränderung an einem Ort wirkt sich anderswo aus."

Langfristig sollen die Klöster Altötting, München St. Anton, Frankfurt, und Münster bestehen bleiben. Als Lebensorte für ältere Brüder sollen längerfristig zwei Häuser bestimmt werden – eines im Norden und eines im Süden. Andere Orte werden so lange weitergeführt als die Möglichkeit besteht. Auch in der akademischen Landschaft in Deutschland wollen die Kapuziner weiter präsent sein und ihren Beitrag leisten – mit dem eigenen Schwerpunkt "Theologie der Spiritualität". Die Provinzleitung wird in den nächsten Sitzungen die einzelnen Schritte beraten und mit den Brüdern, die davon betroffen sind, sprechen. Es sind weiterhin Gespräche vorgesehen mit den zuständigen Diözesen und anderen Institutionen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Nach einem Kapitel werden Gemeinschaften neu zusammengestellt, wo es nötig ist. Doch, so Br. Marinus, müssen Personalentscheidungen zunächst mit den Betroffenen und anderen Personen besprochen werden. Schließlich müssten Aufgaben neu verteilt und Umzüge vorbereitet werden. Erfahrungsgemäß könne es bis Advent dauern, bis Versetzungen konkret werden.

"Wir wollen nicht sagen müssen, dass wir keine Zeit haben, wenn ein Mensch an unsere Tür klopft"

Die Provinzleitung im Gruppenfoto: Provinzial Br. Marinus Parzinger, Provinzvikar und 1. Provinzrat Br. Christophorus Goedereis, 2. Provinzrat: Br. Bernd Kober, 3. Provinzrat Br. Norbert Schlenker, 4. Provinzrat Br. Stefan Walser.
Zum Provinzial wurde in Reute für eine zweite Amtszeit erneut Br. Marinus Parzinger gewählt (M.), zum Provinzvikar und 1. Provinzrat Br. Christophorus Goedereis (2.v.l.), zum 2. Provinzrat: Br. Bernd Kober (2.v.r.), zum 3. Provinzrat Br. Norbert Schlenker (l.) und zum 4. Provinzrat Br. Stefan Walser (r.). Zum Stellvertreter des Provinzials wurde Br. Christophorus Goedereis bestimmt. Er war von 2004 bis 2013 Provinzial, lebt im Konvent Liebfrauen in Frankfurt und ist Kirchenrektor der Liebfrauenkirche. Altötting ist mit Br. Norbert Schlenker, Guardian von St. Magdalena und stellv. Wallfahrtsrektor vertreten. Bernd Kober ist Noviziatsleiter in Salzburg und arbeitet in der Pfarrei St. Andrä – er war von 2013 bis 2016 der Vertreter des Provinzials. Stefan Walser ist der jüngste Bruder im Leitungsteam. Der promovierte Theologe wurde im Mai 2015 zum Priester geweiht. Seit September 2015 arbeitet er als Kaplan im Pfarrverband Isarvorstadt in München.

"Solange die Brüder vor Ort gebraucht werden und ihren Dienst tun können, sehe ich keinen Grund etwas zu ändern", ergänzt Br. Marinus. Es werde aber der Punkt kommen, an dem es auch zu Schließungen kommen werde. Aber: "Die werden gut überlegt." Wenn es laut Kapitelbeschluss heiße, dass eine Niederlassung längerfristig bestehen soll, habe das z.B. zur Folge, dass dort anders investiert wird, als an einem Ort, der nicht so sicher steht, ergänzt der Provinzial auf Nachfrage. Auch in Altötting werde man auf längere Sicht – "da wir nicht ausreichend junge Brüder haben" – reduzieren müssen. Wann das sein werde, lasse sich jetzt noch nicht sagen. "In Altötting erfüllen wir im Auftrag des Bischofs den Dienst an den Pilgern. Ich werde zuerst mit dem Bischof sprechen", so Br. Marinus.

Das Kapitel hat darüber hinaus beschlossen, den einzelnen Brüdern mehr "Luft" zu verschaffen, da einige laut Br. Marinus schon sehr am Limit und z.T. darüber hinaus arbeiteten. Eine grundlegende Entscheidung laute daher: "Wir wollen 20 Prozent unter Limit bleiben – ein Beschluss, der jeden herausfordert zu sortieren: was will und kann ich von dem fortsetzen, was ich jetzt tue? Was ist mir besonders wichtig? Was sollte ich lassen? Was können wir als Gemeinschaft gemeinsam anbieten?" Man wolle nicht bequemer leben, sondern Freiraum schaffen für das gemeinsame Leben mit Gebet und Arbeit, für Exerzitien und Fortbildung. "Wir wollen nicht sagen müssen, dass wir keine Zeit haben, wenn ein Mensch an unsere Tür klopft."

Das persönliche Limit sei natürlich sehr unterschiedlich, gibt Br. Marinus zu. Wo der eine seine Grenze erfahre, könne ein anderer noch eins drauflegen. Aber jeder könne dieses Limit nun einfordern und sagen: ich habe diese Aufgaben, mehr kann ich nicht leisten. Der Beschluss ziele mehrere Ebenen an: den Einzelnen, die Gemeinschaft (Niederlassung), die Provinz. Die Provinzleitung habe den Auftrag, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Denn, so der Provinzial: "Wer oft oder ständig am Anschlag seiner Leistungsfähigkeit ist, der ist leicht genervt, dem fehlt der nötige Abstand, um sich neu zu orientieren. Wer die Arbeit in den Mittelpunkt stellt, der kann die Balance verlieren, wenn Erholung, Exerzitien oder Fortbildung zu kurz kommen. Nicht zuletzt brauchen wir 'Spielräume', um auf Veränderungen reagieren zu können. Es geht nicht lange gut, wenn die Zeit für Gebet, Stille und Gespräch knapp ist."

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: Kapuziner