Altöttinger Liebfrauenbote

Beim Schemenlaufen im Tiroler Imst tönen Scheller und Roller

Wo selbst "Hexen" Gottes Segen finden

Nur alle vier Jahre schlüpfen Männer und Burschen im Tiroler Städtchen Imst ins Maskenkostüm. Spiel und Tanz bestimmen dann für einen Tag das Leben im oberen Inntal. Roller und Scheller sind die Hauptfiguren beim traditionellen Schemenlaufen, das zu den ältesten und eindrucksvollsten Fastnachtsbräuchen Europas und inzwischen auch zum immateriellen Kulturerbe der Welt gehört. Denn fast jede der 800 Imster Masken, so haben Volkskundler bei ihren Studien festgestellt, hat ihre ureigenen Bewegungen; Schritte und Sprünge, die seit Jahrhunderten überliefert sind. Am 31. Januar 2016 ist es wieder mal soweit.

In der Mitte schlägt der Wifligsackner mit seinem Stoffsack in der rechten Hand den Weg frei, rechts daneben läuft ein Scheller mit großen Kuhglocken um die Hüften geschnallt.
In der Mitte schlägt der Wifligsackner mit seinem Stoffsack in der rechten Hand den Weg frei, rechts daneben läuft ein Scheller mit großen Kuhglocken um die Hüften geschnallt.

Mit prallen Stoffsäcken prügeln kräftige Burschen den Weg frei. Eiskaltes Wasser beißt in den Augen der Neugierigen, aus meterlangen Metallrohren genaustens platziert. Was Fremde freilich überrascht, freut die Einheimischen. Schließlich sorgen "Sackner" und "Spritzer" beim Schemenlaufen für Ordnung im Tiroler Städtchen, sie machen in den von vielen Tausend Schaulustigen belagerten Gassen auf ihre Art Platz für die Helden des Tages: für "Scheller" und "Roller".

Sorgsam pudern die "Kübelemajen", junge Männer in schicker Sennerinnen-Tracht, die Gesichter der Neugierigen. Für schwarze Bäckchen und Nasen sorgen die "Kaminer" (Ruaßler), zwei Kaminkehrer in Frack und Zylinder. Mit ihren Leitern steigen sie allen nach, die vom Balkon oder Fenster aus das bunte Treiben verfolgen. Spätestens jetzt zeigt sich das Schemenlaufen als ein Stück lebendiger Volkskultur, nicht als touristisches Spektakel wie viele andere Bräuche in den Alpen inzwischen. Logisch deshalb, dass die Imster bislang allen Versuchungen widerstanden, ihren Maskenlauf auch andernorts zu zeigen.

"Söll' mer huire in d'Fasnacht giah?"

Der Vorroller gibt die Kommandos.
Der Vorroller gibt die Kommandos.

"Söll' mer huire in d'Fasnacht giah?", fragt der Obmann des Fastnachts-Komitees traditionell am Dreikönigstag, wenn sich die Imster zur närrischen Vollversammlung treffen. "Ja!", heißt die vielhundertstimmige Antwort, unterstrichen vom ersten Fasnachtsmarsch. Dann ist das Schemenlaufen für Wochen wichtigstes Stammtisch-Thema, und es werden Kostüme und Masken auf Hochglanz gebracht. Die meisten sind in Privatbesitz, Prachtstücke von großem Wert. Stunde um Stunde wird gewerkelt und geprobt, auch draußen auf den Straßen, wo die Imster jeden Januar- und Februar-Sonntag zu Probeläufen unterwegs sind. "Viel Arbeit", klagen Geschäftsleute und Handwerker, "muss in diesen Tagen liegen bleiben".

Abraham a Sancta Clara, der durch Witz und Wortspiel berühmt gewordene Augustiner-Prediger, machte mit dem Schemenlaufen auf einer Reise von Wien nach Schwaben Bekanntschaft. "Es mag ihnen vergonnt werden", notierte er 1683 in seinem Tagebuch. Als der Mummenschanz freilich immer häufiger in wüste und nicht selten tödliche Schlägereien ausartete, wurde er eingeschränkt, zunächst der Besitz von Waffen untersagt, dann jeder nächtliche Umzug. Schließlich wurde das Tragen von Teufelsfratzen verboten, anno 1707 dann das ganze Schemenlaufen. Viele Tiroler aber machten sich nichts aus solchen Verboten, allen voran die Imster, die manches Jahr gleich dreimal maskiert auf die Straße gingen. Und gerne erzählen sie sich noch heute die Geschichte eines Schulleiters, der seiner vorgesetzten Dienststelle 1829 meldete, dass alle Schüler "wegen alter, eingewurzelter Gewohnheit" nicht zum Unterricht erschienen seien.

Heute beginnt das Schemenlaufen für die Imster mit einem Gottesdienst zu Ehren verstorbener Maskenträger. Selbst Hexen finden hier den Segen Gottes. Gleich danach rufen Herolde die Fasnacht aus, und die "Rouf'n-Kathl" kommt unter das Volk: Die Fasnachtszeitung, die alles in Verse packt, was das Städtchen bewegt hat,  und so Zünd- und Gesprächsstoff für die Einheimischen liefert. Punkt Zwölf signalisieren Böller dann den Start zum eigentlichen Schemenlaufen. Mit dem "Pemsl" (Pinsel), einem handgefertigten Wedel aus fein gedrehten Holzspänen, gibt der sogenannte Vorroller das Zeichen zum Aufbruch. Er ist der Chef aller Narren sozusagen, auf dessen Kommando alle hören.

Gemeinsamer Tanz

In der Mitte ist der Roller u.a. an den kleinen Schellen am Band um seine Hüfte zu erkennen, dahinter ein Scheller.
In der Mitte ist der Roller u.a. an den kleinen Schellen am Band um seine Hüfte zu erkennen, dahinter ein Scheller.

Scheller und Roller, die Helden des Schemenlaufens, bilden immer ein Pärchen. Die Roller haben glatte, helle Gesichter, die Scheller dagegen dunkle, faltige Minen, versteckt hinter großen Schnurrbärten. Die einen, wollen die Imster wissen, symbolisieren den Winter, die anderen den Sommer. Aber auch Jung und Alt sehen manche in den beiden verkörpert, wieder andere Mann und Frau. Gegensätze jedenfalls, die auch zu hören sind. So baumeln am "Gröll", dem breiten Lederband des Rollers, bis zu 48 kleine Schellen, am "Gschall" des Schellers dagegen vier bis zehn Kuhglocken, bis zu 38 Kilo Kupfer, Handarbeit für viele Tausend Euro. Schließlich tänzeln die wendigen Roller um die behäbigen Scheller, und es mischt sich beim "Gangl", ihrem gemeinsamen Tanz, das Bimmeln der Schellen mit den dumpfen Schlägen der Glocken. Es ist ein närrisches Buhlen, das Laggeroller und -scheller  parodieren. Statt Schellen oder Glocken tragen sie farbige Nussschalen, Nadelbaumzapfen oder Holzklötzchen auf ihrem Lendengurt. Und auf dem Stab des Laggeschellers steckt statt eines Apfels eine Runkelrübe oder ein verkümmerter Maiskolben.

Mit kleinen Stoffsäcken voller Stroh oder Maisflitschen schlagen die Sackner den Helden des Spiels den Weg frei. Allen voran der "Wifligsackner" in Altimster Tracht, dessen schwerer Faltenrock sich beim Tanz wie ein Wagenrad dreht. Der "Turesackner" in Lodenjanker und Pumphose erinnert mit seiner ausladenden Halskrause an den Bajazzo. Der "Bauresackner" schließlich kommt in alter Tiroler Bauernkleidung, in Lederhose, Lodenjacke und weißem Hemd. Burschen mit langen Wasserspritzen unterstützen sie als Ordnungshüter: Der "Altfrankspritzer" im typischen Barockkleid zum Beispiel, mit Dreispitz und spöttischer Knebelmaske, hinzu kommen Mohren- und Engelspritzer in ihren Rokokokostümen; Figuren, die vermutlich aus Dreikönigsspielen den Weg in die Fasnacht gefunden haben.

Beliebte Bänkelsänger

Dem Altfrankspritzer tropft das Wasser von der Spritze.
Dem Altfrankspritzer tropft das Wasser von der Spritze.

Als Ausgeburten der Hässlichkeit kommen die Hexen: Männer allesamt, mit großen Warzen und Schweineborsten an Kinn und Nase. Voran geht mit langer Zunge die Hexenmutter, die zum Zeichen ihrer Macht eine Rute schwingt. Der Hexenvater verwahrt das Hexenbuch, das mit roter Tinte geschriebene Mitgliederverzeichnis der Höllenbande. Schaurig schön tönt ihr "Scheißheislebaß", wie die Einheimischen die Holzblasinstrumente der Hexen nennen. Beim Maskenaufzug dabei sind schließlich auch Bären und Affen und ein paar Vogelhändler in Altimster Tracht samt Kraxen auf den Buckeln. Letztere sind eine Erinnerung an Tiroler Vogelhändler, denen Carl Zeller mit seiner gleichnamigen Operette einst ein musikalisches Denkmal gesetzt hatte.

Den Masken folgen eine Reihe bunter Wagen, deren Besatzungen sich immer neues zur Unterhaltung der Zuschauer einfallen lassen. Publikumsliebling ist die sogenannte "Labara". Das sind ein gutes Dutzend Männer in Frack und Zylinder, die in heiteren Versen und Reimen den Alltag ihrer Mitmenschen aufs Korn nehmen, also Bänkelsänger, die in Form von Mundart-Moritaten das Dorfgeschehen glossieren.

Schlag Sechs, mit dem Betläuten sonntagabends, geht der Mummenschanz zu Ende, dann nehmen alle ihre Masken wieder ab. Tags darauf aber sind die Imster wieder unterwegs, zur wilden Fasnacht, dem ausgelassenen Ausklang des Schemenlaufens. Kostümiert, aber ohne Gesichtsmaskierung treiben sie noch einmal ihre Späßchen, tänzeln Hunderte durchs Städtchen. "S'halbe Leben", sagt einer spät abends, würde er fürs Schemenlaufen geben, "wenn's sein muss, auch das ganze".

Text: Günter Schenk, Fotos: Fasnachtsarchiv Imst, Fotograf Melitta Abber

Programm: 6.30 Uhr Fasnachtsmesse; 7.30 Uhr Figatter; 8.30 Uhr Ausrufer; 9.30 Uhr Beginn des Aufzuges; 12 Uhr Beginn des Umzuges; ca. 15 Uhr Pause; 17.30-18 Uhr Schlusskroas.
Wegen des großen Besucherandranges empfiehlt sich die frühzeitige Anreise. Vor allem für Fotografen und Videofilmer lohnt sich der vormittägliche Aufzug der Masken, bei dem es weniger drangvoll als am Nachmittag zugeht. Über das Schemenlaufen informiert übrigens auch eine ganzjährige Ausstellung im Museum hinter der Pfarrkirche. Auskünfte erteilt der Tourismusverband Imst, Johannesplatz 4, A-6460 Imst, Tel. +43 5412 6910 0, Internet: www.imst.at.