Altöttinger Liebfrauenbote

Der Papst aus Lateinamerika erhält den Aachener Karlspreis

Franziskus, der Europäer

Es ist der älteste und bekannteste Preis für Persönlichkeiten, die sich um Europa verdient gemacht haben: Der Aachener Karlspreis geht dieses Jahr ausgerechnet an Papst Franziskus, den Argentinier und ersten Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri seit rund 1.300 Jahren; und der "Papst vom anderen Ende der Welt" stellt Europa vor so einige Herausforderungen.

Europaflagge.

Im März wird Papst Franziskus drei Jahre als Papst und Bischof von Rom im Amt sein, doch den "Alten Kontinent" hat er trotz der räumlichen Nähe eher selten bereist. Er war schon in Südkorea, in der Türkei, auf Sri Lanka und den Philippinen, in Südamerika, Kuba, den USA und in Zentralafrika, aber Europa? Je eine Tagesreise nach Tirana 2014 und Sarajevo 2015 stehen zu Buche, außerdem eine denkwürdige Rede vor dem Europäischen Parlament in Strasbourg, in der Europa nicht gerade gut wegkam.

Seine erste Reise führte Franziskus im Juli 2013 ausgerechnet an jenen Ort, der bei Europäern oft zurecht ein schlechtes Gewissen hervorruft: auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa. Dort prangerte er eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" an: "Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!" Die Flüchtlingskrise ist inzwischen freilich weit über Lampedusa hinaus spürbar geworden, und die Frage, wie mit ihr umgegangen werden soll, spaltet Europa. Immer wieder hat Franziskus in Predigten und Ansprachen betont, dass uns das Schicksal der Flüchtenden nicht egal sein darf.

Schmerzhaft für Europa war auch Franziskus' Rede vor dem Europaparlament in Strasbourg, vor allem sein Vergleich des "Alten Kontinents" mit einer "Großmutter", die "nicht mehr fruchtbar und lebendig ist". "Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen", kritisierte der Hl. Vater. Franziskus wäre jedoch nicht Franziskus, wenn er nicht auch eine hoffnungsvolle und wegweisende Botschaft gehabt hätte, denn allen widrigen Umständen und Fehlentwicklungen zum Trotz bleibe Europa ein wichtiger Bezugspunkt: "Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!"

Papst Franziskus ist übrigens nicht der erste Karlspreisträger aus den Reihen der katholischen Kirche: Im Jahr 2004 erhielt die Ehrung Papst Johannes Paul II., 1999 Frère Roger, der Gründer der Ökumenischen Gemeinschaft von Taizé in Burgund.

Text: Michael Glaß, Foto: Roswitha Dorfner

"Zeit ist mehr wert als der Raum" – Kommentar

Wegen seiner "herausragenden Botschaften und Zeichen, die sein Pontifikat für Frieden und Verständigung, für Barmherzigkeit, Toleranz, Solidarität und die Bewahrung der Schöpfung setzt", würdigt das Karlspreisdirektorium Papst Franziskus. Es nennt darüber hinaus seine "ganz außergewöhnliche Nähe zu den Menschen", insbesondere zu den Benachteiligten, seinen Einsatz für Flüchtlinge und auch seine "Einladung zum interreligiösen und -kulturellen Dialog". Es hätte auch noch sein Eintreten für die Familie und für den Schutz des ungeborenen Lebens nennen können. Zweifelsfrei steht fest: Papst Franziskus ist ein würdiger Karlspreisträger!

"In einer Zeit, in der die Europäische Union vor der bislang größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts steht, ist es der Papst 'vom anderen Ende der Welt', der Millionen Europäern Orientierung dafür gibt", schreibt das Direktorium außerdem in seiner Begründung. In der Tat gerät der "alte Kontinent" derzeit aus den Fugen: Von der Bankenkrise stolperte er über die Schuldenkrise mitten hinein in eine – wenn auch selbst kaum verschuldete – Flüchtlingskrise, und viele fragen sich: was kommt als Nächstes?

Vielleicht hilft ein Blick in Papst Franziskus' Apostolisches Schreiben "Evangelii Gaudium" als Ratschlag für die nächsten Jahre: "Die Bürger leben in der Spannung zwischen dem Auf und Ab des Augenblicks und dem Licht der Zeit, dem größeren Horizont, der Utopie, die uns für die Zukunft öffnet, die uns als letzter Grund an sich zieht. Daraus ergibt sich ein erstes Prinzip, um beim Aufbau eines Volkes voranzuschreiten: Die Zeit ist mehr wert als der Raum", schreibt Papst Franziskus in Punkt 222, und er fährt in Punkt 223 fort: "Dieses Prinzip erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Es hilft uns, schwierige und widrige Situationen mit Geduld zu ertragen oder Änderungen bei unseren Vorhaben hinzunehmen, die uns die Dynamik der Wirklichkeit auferlegt. Es lädt uns ein, die Spannung zwischen Fülle und Beschränkung anzunehmen, indem wir der Zeit die Priorität einräumen."

"Zeit ist mehr wert als der Raum"! – In einer Gesellschaft, in der Menschen zunehmend Räume besetzen wollen – seien es islamistische Fanatiker auf der einen oder islamophobe und ausländerfeindliche Hetzer auf der anderen Seite – ist dies vielleicht die wichtigste Botschaft. Wenn extremistische Minderheiten öffentliche Räume besetzen, um Panik zu schüren und Hassbotschaften zu verbreiten, oder wenn sich in europäischen Staaten wie jüngst in Polen nationalistische Propagandisten durchsetzen, dann sollten sich alle vernünftigen und bodenständigen Bürger daran erinnern: Nur wer gelassen bleibt und geduldig auf ein Ziel hinarbeitet, der wird langfristig Erfolg haben. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft, für den Erhalt des gemeinsamen Europas ebenso wie für die schwierige aber machbare Integration von Flüchtlingen.

Kommentar: Michael Glaß