Altöttinger Liebfrauenbote

Zwischen Weihrauchfieber und Schneeballschlacht – unterwegs mit den Sternsingern

"Gestatten, Melchior"

70 Sternsinger machten sich im Januar 2015 in der Gemeinde St. Nikolaus in Murnau am Staffelsee auf den Weg, um den Menschen den Segen zu bringen. Im Ortsteil Weindorf haben Anandi, Magdalena, Kiran und Jonathan die Gemeindemitglieder mit ihrem Besuch erfreut. Die vier Mädchen und Jungen gehören zu den 330.000 Sternsingern, die zum Jahresbeginn in über 10.000 Pfarrgemeinden überall in Deutschland bei der Aktion Dreikönigssingen mit dabei waren. Begleitet wurden sie bundesweit von rund 90.000 Jugendlichen und Erwachsenen.

Betender junger Sternsinger in der Altöttinger Basilika.
Zum 58. Mal werden rund um den 6. Januar 2016 bundesweit die Sternsinger unterwegs sein. "Segen bringen, Segen sein. Respekt für dich, für mich, für andere – in Bolivien und weltweit!" heißt das aktuelle Leitwort der Aktion Dreikönigssingen, bei der in allen 27 deutschen Bistümern wieder Kinder und Jugendliche in den Gewändern der Heiligen Drei Könige von Tür zu Tür ziehen werden. Beispielland ist Bolivien, inhaltlich dreht sich alles um das Thema "Respekt". Träger der bundesweiten Aktion sind das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

Die Federn von winterlichen Sonnenstrahlen gewärmt, sitzen sie friedlich zusammen und picken ihre Körner aus dem Schnee: die sieben Hühner im Garten von St. Nikolaus im oberbayrischen Murnau. Als plötzlich ein kleiner Junge schnaufend in die Idylle platzt. "Weg da, ich muss durch", läuft Jonathan Slalom durch die aufgescheuchten Körnerfresser, rein ins Gemeindehaus und hechtet die Treppen zum Saal hoch. "So, da bin ich, darf ich mich vorstellen: Melchior", keucht der Neunjährige mit einem Grinsen und erntet einen spaßhaft tadelnden Blick von Gruppenleiter Stefan. Jonathan ist einer von 70 Sternsingern der kleinen Gemeinde St. Nikolaus in Murnau am Staffelsee.

Der Gemeindesaal, in den er gerade hineingestolpert ist, blitzt und blinkt als sei man mitten in einer Schatztruhe gelandet. Sieben goldene Sterne lehnen an der Wand, davor liegen liebevoll gefaltet die Umhänge und Gewänder der Sternsinger samt blank polierter Kronen auf den Holztischen. Die Gruppen aus St. Nikolaus ziehen heute das letzte Mal für dieses Jahr durch die Straßen. Einen langen Tag haben sie bereits hinter sich, jetzt gilt es, noch die restlichen Gemeindemitglieder zu besuchen. "Heute kann's nochmal länger dauern, denn wir müssen ja auf jeden Fall alle erreichen", sagt Gruppenleiterin Ira zu ihren vier Schützlingen. "Sonst sind die Leute enttäuscht, die warten ja auf uns."

Jonathan hat derweil seine Blitzverwandlung in König Melchior bewerkstelligt und sich mit leicht schiefer Krone, seinem orange-grün gemusterten Unterkleid und dem blauen Königsumhang zu Kaspar, Balthasar und dem Sternträger gesellt. Und schon geht's los. Jonathans Gruppe besucht heute den Ortsteil Weindorf, zu dem ein Teil der Neubausiedlungen gehört, aber auch ein paar der alten Höfe, die bis heute bewirtschaftet werden. "Da müssen wir sehen, dass wir die Leute möglichst vor den Stallzeiten erwischen", erklärt Stefan. "Sie möchten uns ja gerne an ihrer Haustür empfangen und nicht im Kuhstall", grinst er.

Der Sternträger gibt das Tempo vor

Drei Generationen an der Haustür. Wenn in Murnau die Sternsinger klingeln, strömt aus allen Ecken die gesamte Familie zusammen, um den Segen zu empfangen.
Drei Generationen an der Haustür. Wenn in Murnau die Sternsinger klingeln, strömt aus allen Ecken die gesamte Familie zusammen, um den Segen zu empfangen.

"Ich freue mich schon total, wenn es bei uns zuhause später nach Weihrauch duftet", sagt Jonathan fröhlich. Denn auch das Haus seiner Familie liegt heute auf ihrer Route. Der kleine Kiran läuft als Sternträger voraus. Lässig hat er den Stern über die Schulter gelegt und gibt das Tempo vor. Auch wenn er immer mal wieder einen kurzen Zwischenstopp einlegen muss, um die für den Siebenjährigen etwas groß geratene Hose hochzuziehen, unter der die roten Schneestiefel hervorlugen. Es geht vorbei an schneebedeckten Wiesenhängen und Kuhweiden, die idyllisch vor der Bergkulisse mit weißen Spitzen liegen. Jonathan schlurft durch die Schneereste der vergangenen Tage hinterher, die Weihraucheuphorie scheint schon wieder verflogen. "Ich musste gerade noch Hausaufgaben machen, ich hasse Mathe", knirscht er "und morgen fängt die Schule wieder an". Mit jedem Wort werden seine Schritte etwas langsamer.

"Hey, ihr müsst ein bisschen schneller gehen, sonst schaffen wir die Runde heute nicht", ruft Begleiterin Ira den Nachzüglern zu. Und mit einem kleinen Hopser schließt das Ende des Königszugs zur Vorhut auf. "Dürfen wir jetzt den Weihrauch anzünden?", ruft Jonathan nach vorne und ist plötzlich wieder hellwach und munter. "Ja, gleich direkt vor dem ersten Haus", sagt Ira. "Damit es auch bis dahin noch schön duftet". Da geht die erste Tür auf, und all die kleinen Alltagssorgen wie Mathe oder Schulanfang scheinen wie weggeflogen. Denn da stehen jetzt die Heiligen Drei Könige samt Sternträger, künden von Jesu Geburt und bringen den Familien den Segen. Niemand scheint diesen Anblick verpassen zu wollen. Überall aus dem Haus eilen Jung und Alt zur Tür. Drei Generationen. Mutter, Vater, Kinder, Großmutter und das Baby auf dem Arm lugen unter dem Holzdach hervor und genießen den kurzen Moment, in dem die Kinder mit schlichtem Glanz, dem Duft von Weihrauch, Liedern und Sprüchen an die Tradition der drei Weisen aus dem Morgenland erinnern.

Könige mit Vorhut

Weihrauch spielt eine wichtige Rolle bei den Segensgängen der Sternsinger – hier vor der Aussendung in Altötting.
Weihrauch spielt eine wichtige Rolle bei den Segensgängen der Sternsinger – hier vor der Aussendung in Altötting.

Die dreijährige Emma hat schon seit Stunden am Fenster gewartet. "Dieses Jahr bekommt sie es das erste Mal so richtig mit und findet es unglaublich spannend", sagt ihr Vater. Die Sternsinger rundeten die Weihnachtsgeschichte ab. Das sei untrennbar miteinander verbunden. "Wir freuen uns sehr, dass die Sternsinger immer noch zu uns kommen", meint auch Emmas Mutter. "Es ist einfach eine schöne Tradition. Und welche Traditionen werden heute schon noch gepflegt in dieser schnelllebigen Zeit?"

Während die kleinen Könige noch den Segensspruch anschreiben und die Spenden für benachteiligte Kinder in aller Welt entgegennehmen, sind Paul und Katharina, zwei weitere Begleiter, bereits als Vorläufer zu den nächsten Häusern unterwegs. Sie klingeln an den Haustüren, um zu schauen, ob jemand zuhause ist und um zu fragen, ob die Sternsinger sie besuchen dürfen. "Das spart uns viel Zeit, weil wir sonst mit der gesamten Gruppe vor jeder Tür warten müssten", erklärt Paul.

An der nächsten Haustür empfängt die kleinen Könige eine ganze Brigade an Hirschgeweihen - in weihnachtlicher Tradition geschmückt mit Tannenzweigen. Das ältere Ehepaar bittet die mittlerweile schon leicht durchgefrorene Sternsingermannschaft hinein in die warme Stube, wo sie sich zwischen Tannenbaum, Kachelofen, Eichenholzbank und jeder Menge weiterer Hirschgeweihe ein wenig aufwärmen darf. "Ich fiebere ja schon den ganzen Abend", sagt der ältere Herr mit einem erfreuten Lächeln. "Glaube und Tradition gehören bei uns in Bayern zusammen", sagt er und übergibt den Sternsingern eine riesige Tüte Süßigkeiten, die er vorbereitet hat.

Eine spontane Schneeballschlacht

Sternsinger bei Kanzlerin Angela Merkel, die sie auch heuer wieder empfängt.
Bundesweit eröffnet wurde die 58. Aktion Dreikönigssingen am Dienstag, 29. Dezember, in Fulda. Am Neujahrstag feierten Sternsinger aus dem Bistum Eichstätt im Petersdom den Gottesdienst mit Papst Franziskus mit. Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt am Dienstag, 5. Januar, Sternsinger aus allen 27 deutschen Diözesen. Pünktlich zum Dreikönigsfest am 6. Januar sind 40 Sternsinger aus dem Erzbistum Paderborn zu Gast bei Bundespräsident Joachim Gauck. In Brüssel empfängt am Dienstag, 12. Januar, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Sternsinger aus mehreren europäischen Ländern.

Gerührt und mit einem leichten Schleier auf den Augen hinterlässt die Schar kleiner Könige das Ehepaar nach Gesang und Gedichten in der guten Stube und winkt zum Abschied draußen noch einmal durch das Fenster hinein. Und, zack, rutscht just in diesem Moment eine riesige Ladung Schnee vom Dach, landet genau auf den edel gekrönten Königshäuptern und verwandelt die Majestäten innerhalb weniger Sekunden wieder in ausgelassene Schulkinder. Hinweg mit der seligen Stimmung, auf in die Schneeballschlacht.

"Kommt Leute, weiter geht's", ruft Ira ihnen zu. Jonathan scheint die kleine Schneeballschlacht so richtig aufgemuntert zu haben. Warum er gerne Sternsinger ist? "Na, wegen der Süßigkeiten, die wir bekommen", sagt Jonathan mit einem verschmitzten Grinsen. "Nein, das war ein Scherz. Ich finde es schön, dass Kinder woanders von dem Geld, das wir sammeln, zur Schule gehen können", erklärt der Neunjährige. "Ich finde es einfach schön, wenn Menschen fröhlich sind", sagt Anandi, die große Schwester von Kiran, dem fleißigen kleinen Sternträger. "Immer wenn wir die Tür aufmachen, freuen sich die Leute und sehen glücklich aus", sagt sie, die heute in die Rolle des Balthasar geschlüpft ist.

"Irgendwann müssen wir sie immer ein bisschen motivieren"

Viele Menschen schätzen die Segensbitte "Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus", dargestellt durch das Kürzel "C+M+B", von den Sternsingern auf die Haustüren geschrieben, sehr.
Viele Menschen schätzen die Segensbitte "Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus", dargestellt durch das Kürzel "C+M+B", von den Sternsingern auf die Haustüren geschrieben, sehr.

Unzählige Haustüren und Segenssprüche später ist es dunkel geworden. Der kleine Kiran schlurft hinterher, der Turban ist ihm ins Gesicht gerutscht, die Hose hängt auf Halbmast. "Hey Kiran, brauchst du mal ne Pause?", fragt die Begleiterin. Kiran nickt erschöpft und lässt sich auf die Steinmauer neben einer blau-weißen Löwenstatue plumpsen. Jonathan kämpft währenddessen mit der Kette seines Weihrauchfasses, in der er sich mit seinem Wollhandschuh verfangen hat. "Na, dann machen wir mal eine kleine Pause und wollen doch mal schauen, was wir hier schon Leckeres in unserem Süßigkeiten-Sack haben", schlägt Stefan vor und kramt in dem Jutebeutel, in dem bisher alle Kekse und Gummibärchen verschwunden sind, um später aufgeteilt zu werden. Er fischt eine Tüte Studentenfutter heraus. "Ich habe aber eine Fructose-Allergie", murmelt Kiran. Stefan huscht ein kurzes Grinsen über das Gesicht, bevor er beginnt mit dem schwachen Licht der Handytaschenlampe Nüsse von Rosinen zu trennen und die hungrigen Könige ernährungsgerecht zu versorgen.

"Irgendwann müssen wir sie immer ein bisschen motivieren", sagt Betreuerin Ira. "Aber jetzt sind es glücklicherweise auch nur noch ein paar Häuser. Die schaffen wir noch", lacht sie, und klopft dem kleinen Kiran auf die Schulter, der den Zug bereits wieder mit seinem Holzstern anführt, den Mund voll Cashewkerne.

Text: Mareille Landau, Fotos: Roswitha Dorfner 3, Annette Zoepf / Kindermissionswerk (2. Bild), Ralf Adloff / Kindermissionswerk (4. Bild)