Altöttinger Liebfrauenbote

Eucharistisches Stundengebet der Kapuziner mit P. Norbert Schlenker

"Seid barmherzig wie der Vater"

Als eines der "wichtigsten Wesensmerkmale Gottes" hat Kapuzinerpater Norbert Schlenker in seinen Predigten zum Eucharistischen Stundengebet der Kapuziner am 13. und 14. Februar in der St. Magdalenakirche die Barmherzigkeit betont. Das traditionelle Stundengebet, das jedes Jahr die Fastenzeit einläutet, stand heuer unter dem Motto "Barmherzig wie der Vater".

Kapuzinerpater Norbert Schlenker bei der Predigt.
Kapuzinerpater Norbert Schlenker bei seiner Predigt.

"Gott leidet mit. In diesem Sinn ist er barmherzig", erklärte P. Norbert in der letzten seiner insgesamt vier Predigten am Sonntagnachmittag. Gerade in Gottes Barmherzigkeit zeige sich seine Allmacht. "Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist", zitierte er aus dem Evangelium (Lk 6, 36), und resümierte: "In einem Bild gesprochen: Barmherzigkeit ist das pulsierende Herz des Evangeliums."

Auf die "Taten der Barmherzigkeit" konzentrierte sich P. Norbert in seiner abschließenden Predigt. Insbesondere ging er dabei auf die sieben leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit ein (vgl. Mt 25, 34-46, "Vom Weltgericht"). Sie seien "konkrete Beispiele, wie wir auf die Nöte der Menschen antworten können", erklärte er und fügte hinzu: "Das Erste, was wir uns also klarzumachen haben, ist, dass die Werke der Barmherzigkeit nicht irgendwie ein Anhängsel an unseren Glauben sind, auf die wir auch verzichten könnten. Sie sind vielmehr Ausdruck und Prüfstein unseres Glaubens." Denn: "Unser Glaube drückt sich im Gebet und im Gottesdienst aus. Aber nicht nur darin. Er muss auch in der tätigen Nächstenliebe wirksam werden, um echt und fruchtbar zu sein." Ohne Werke der Liebe sei der Glaube tot, betonte P. Norbert mit Blick auf den Jakobusbrief (Jak 2,18.20).

Und diese Werke der Liebe dürfen auch Grenzen überschreiten – gedankliche sowieso, aber auch geografische – und gesetzliche.

Weltweite Solidarität

Viele Gläubige besuchten das Eucharistische Stundengebet in der St. Magdalenakirche.
Viele Gläubige besuchten das Eucharistische Stundengebet in der St. Magdalenakirche.

So betonte P. Norbert zum einen: "Gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit – diese hat Papst Franziskus als Gegenteil der Barmherzigkeit bezeichnet – gilt, dass fremdes Leid, und sei es noch so weit entfernt, uns angeht. Das spüren wir z.B. auch im Blick auf die Flüchtlinge, die seit Monaten in unserem Land ankommen. Christen antworten vielerorts hier mit großem Engagement." Die Nächstenliebe gelte eben "nicht nur dem nahen Nächsten, sondern auch dem fernen Nächsten". Barmherzigkeit führe in die weltweite Solidarität.

Außerdem erklärte P. Norbert: Obwohl Jesus das jüdische Gesetz und die Propheten niemals grundsätzlich infrage gestellt habe, sei er mit den Schriftgelehrten und Pharisäern in Konflikt geraten. Jesus selbst habe niemals einen Menschen verurteilt, der eine Gesetzesvorschrift aus Barmherzigkeit übertreten hat. "Insofern gilt auch für eine Pastoral der Barmherzigkeit die Maxime, dass bei allem Respekt vor kirchlichen Rechtsnormen im Zweifel der Barmherzigkeit der Vorzug zu geben ist."

Ausdrücklich betonte P. Norbert die Bedeutung des "Hl. Jahres der Barmherzigkeit": "Ziel der Initiative von Papst Franziskus ist es, unter dem Vorzeichen der Barmherzigkeit einen kirchlichen Prozess der Erneuerung und Umkehr in Gang zu bringen. Die Menschen sollen die Kirche wieder stärker als eine freudige Gemeinschaft erfahren, in der sich jede und jeder mit seinen Licht- und Schattenseiten angenommen wissen darf." Die Barmherzigkeit solle also das "entscheidende Erkennungszeichen der Pastoral" sein. Diese sei jedoch nicht ausschließlich menschliches Tun. Die Initiative gehe von Gott aus. Wer das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes kenne, "den muss es eigentlich dazu drängen, sich auch seinen Mitmenschen gegenüber barmherzig und großzügig zu erweisen", sagte P. Norbert. Das Gleichnis vom Endgericht mache auf die Ernsthaftigkeit der Verkündigung Jesu aufmerksam, denn seitdem gelte: "was du dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan oder nicht getan hast, das hast du mir getan oder mir nicht getan." Am Ende resümierte P. Norbert: "Immer gilt, was Jesus dem Gesetzeslehrer sagte, dem er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählte: 'Geh hin und handle genauso!'" (Lk 10, 37b)

"Gott übersieht keinen"

Eucharistiefeier.
Eucharistiefeier.

"Jesus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters", hatte P. Norbert bereits in seiner ersten Predigt festgestellt, als er den Zuhörern das Logo des "Hl. Jahres der Barmherzigkeit" erklärte, das auch die am Aschermittwoch eröffnete "Hl. Pforte" in der St. Magdalenakirche schmückt. Als er die Bedeutung des Wortes "Barmherzigkeit" und die Entsprechung im Lateinischen – "misericordia", "ein Herz für die Armen zu haben" – erklärte, stellte P. Norbert auch eine Parallele zum Islam fest, wenngleich mit einem Stirnrunzeln: "Interessanterweise finden wir im Islam im Koran 'Allerbarmer' und 'Allbarmherziger' als die häufigste Bezeichnung für Allah – eine ambivalente Beobachtung in unserer Zeit, in der Terroristen alles dafür tun, den Islam als eine unbarmherzige Religion erscheinen zu lassen ..."

Für das Handeln der Christen jedenfalls müsse das Handeln Jesu die Richtschnur sein, wie P. Norbert betonte. Und dessen Sendung sei universal: "Alle Menschen sind gemeint, weil bei Gott auch die dazugehören, die die Menschen nicht zu ihrer Gemeinschaft rechnen. Gott aber übersieht keinen Menschen!"

Deutlich sichtbar wird die Zugehörigkeit der Menschen und die Barmherzigkeit Gottes beim "Sakrament der Versöhnung". Die Beichte war schließlich auch das Thema der zweiten Predigt von P. Norbert. Hierzu resümierte er: "Und das Sakrament der Versöhnung hat Jesus in unsere schwachen Hände gelegt, um den Frieden Gottes zu finden und zu erfahren. So ist uns, wie der Apostel sagt, der Dienst der Versöhnung aufgetragen und es gilt, diesen Auftrag und dieses Geschenk des Herrn wieder neu zu entdecken, gerade jetzt in diesem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit."

Beichte ist weder "Reinigung" noch "Folterkammer"

Zum Abschluss des Eucharistischen Stundengebetes spendete Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl den Segen mit der Monstranz.
Zum Abschluss des Eucharistischen Stundengebetes spendete Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl den Segen mit der Monstranz.

Dabei solle die Beichte weder "Reinigung" noch "Folterkammer" sein, zitierte P. Norbert Worte von Papst Franziskus. Schließlich seien Sünden keine "Flecken", die man einfach so wegputzen könne, sondern "Wunden, die versorgt und verarztet werden müssen"; der Beichtvater solle dementsprechend kein Verhör durchführen, sondern dem Pönitenten zuhören. Hierzu zitierte P. Norbert erneut  Papst Franziskus: "Jeder Beichtvater soll die Gläubigen aufnehmen, wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn: Es ist ein Vater, der dem Sohn entgegenkommt, obwohl dieser ja seine Güter verschwendet hat ..." Außerdem stellte P. Norbert den anwesenden Gläubigen "zwei heilige Beichtväter" vor, die Papst Franziskus zu Patronen des Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit gemacht hat: Pater Pio und P. Leopold Mandic – beide übrigens Kapuziner – hätten als "Diener des Hörens", den Dienst der Beichte aufgezeigt.

"Worte der Barmherzigkeit" waren schließlich Thema von P. Norberts dritter Predigt. Dabei zitierte er u.a. aus den Psalmen (103,3-4; 146,7-9; 147,3.6; 136). Außerdem erinnerte er an die Worte Jesu bei der Einsetzung der heiligen Eucharistie; auch diese seien "Worte der Barmherzigkeit". P. Norbert: "Huld, Erbarmen und Barmherzigkeit kennzeichnen das Handeln Jesu, der damit auf den himmlischen Vater verweist." Und Jesus rät uns, es seinem Vater gleich zu tun (s.o., Lk 6, 36).

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner