Altöttinger Liebfrauenbote

Besuch in Breslau: Die polnische Metropole Wroclaw ist 2016 Europäische Kulturhauptstadt

Bei den vielen Zwergen

In Breslau kuscheln historische Prachtbauten mit sozialistischen Bausünden, marode Klassiker lehnen sich gegen gläserne Architekturexperimente. Der Mix spiegelt die wechselvolle Geschichte der polnischen Metropole Wroclaw und macht die Kulturhauptstadt 2016 zu einem spannenden Ziel für Städtesammler.

Mehr als 250 gusseiserne Zwerge bevölkern das Zentrum von Breslau. Im Bild ein Zwerg mit Doktorhut.
Mehr als 250 gusseiserne Zwerge bevölkern das Zentrum von Breslau. Mal mit Doktorhut ...
Zwerg mit Axt in der Hand lehnt an der Wand.
... mal mit Axt ...
Zwei gusseiserne Zwerge rollen einen Stein.
... oder bei schwerer Arbeit ...

Eben noch floss der Fußgängerstrom sanft dahin. Dann bildet sich ein Pulk, alle schauen zu Boden, einige gehen in die Hocke und zücken das Handy. Ihr Motiv: Ein gusseiserner Zwerg. Mal mit Doktorhut, mal an Ketten oder mit Koffer. Mehr als 250 der reizenden Gesellen bevölkern das Zentrum von Breslau. Sie erinnern an den kreativen Protest der Polen gegen das kommunistische Regime mit spontanen Demonstrationen im Zwergenkostüm. Mitte der 1980er manifestierte sich eines Morgens Papa Zwerg in der Innenstadt und rief augenzwinkernd zum zivilen Ungehorsam. Daraus entstand ein ganzer Zwergenaufstand, der heute Touristen statt Besatzern in die Knie zwingt.

Mit fremden Herrschern haben die Breslauer Erfahrung, denn in den mehr als 1.000 Jahren, seit die Stadt auf der heutigen Dominsel entstand, war sie mal polnisch, mal deutsch, mal ungarisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde fast die komplette Stadtbevölkerung ausgetauscht. Die fortgeschickten Deutschen trauerten um ihre verlorene Heimat Breslau, die zwangsumgesiedelten Polen fremdelten in der neuen Stadt. Inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die in Breslau geboren und verwurzelt ist. Sie verstehen sich als Europäer, sprechen alle gut Englisch und gestalten mit Freude ihre Stadt.

Da gibt es einiges zu tun. Spuren des Krieges sieht man bis heute, denn viel ging kaputt, als Hitlers Bollwerk gegen die Bolschewiken von eben denen überrannt wurde. Noch heute hat die Stadt Brachflächen, groß wie Fußballfelder. So wie hinter dem Striegauer Platz, wo eine hochkant stehende Lok kunstvoll grüßt und auf das benachbarte Museum für zeitgenössische Kunst im Hochbunker hinweist. Museumschef Piotr Stasiowski sieht die Lücken im Stadtbild nicht als Makel, sondern als Aufforderung, etwas daraus zu machen. "Da ist Raum für Phantasie und Kreativität", sagt er. Viel von beidem beherbergt der kreisrunde fünfstöckige Bunker, in den nach den Schutzsuchenden erst ein Hospital, dann ein Sexshop und schließlich die Kunst einzog. In den lichtlosen Räumen mit Stahltüren und Betoncharme setzen junge Künstler ihre Installationen, Bilder und Skulpturen in Szene. Besucher genießen nach der Kunst Sonne und Aussicht auf der Dachterrasse.

Fröhliche Aufbruchstimmung

Ein reizvoller Blick auf die Innenstadt Breslaus: ein Bootshaus im Grünen, dahinter sieht man den Fluss und im Hintergrund die Stadt.
Ein reizvoller Blick auf die Innenstadt Breslaus.
Blick auf die Kirche auf der Dominsel. Im Vordergrund fährt ein Schiff mit Passagieren.
Blick auf die Kirche auf der Dominsel.
Großer Ring in Breslau.
Großer Ring in Breslau.
Blick auf den Marktplatz.
Blick auf den Marktplatz.
Blick auf das Rathaus.
Blick auf das Rathaus.

Die Breslauer freuen sich auf dieses Jahr, denn die Stadt ist reich an Kultur. Jetzt kann man die Schätze aufpolieren und einem großen Publikum zeigen. Überall in der Stadt herrscht fröhliche Aufbruchstimmung. "Wir wollen Breslau wieder auf die europäische Landkarte bringen", formuliert Kurator Chris Baldwin. "Wir wollen Brücken bauen zwischen Kulturen, Religionen, Vergangenheit und Gegenwart." Mit der baskischen Partner-Kulturhauptstadt San Sebastian liefen schon erste Partner-Projekte wie eine Ausstellung zu Picasso, Dalí und Goya im ehemaligen Bernhardinerkloster.

Während sanierte Innenstädte mancherorts fast unnahbar wirken ob ihrer Perfektion, macht Breslau sympathisch, dass nicht jedes Problem sofort gelöst wird. Fürs neue Konzerthaus beispielsweise, Herzstück der Breslauer Musikszene, gab es fast wöchentlich einen neuen Fertigstellungstermin. Doch Musikdirektor Andrzej Kosendiak blieb optimistisch bei seiner Prognose, dass ab Herbst 2015 erste Konzerte im  Neubau des Nationalen Musikforums stattfinden. Und obwohl es lange nicht so aussah – er behielt recht. Außerdem besitzt die künftige Kulturhauptstadt viele akustisch und optisch wertvolle Räume: Die neoklassizistische Alte Börse am Salzmarkt, die prächtige gotische Kathedrale Maria Magdalena oder der riesige Kuppelbau Hala Stulecia mit UNESCO-Welterbe-Status.

Breslau hat unzählige Sehenswürdigkeiten aus unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen. Zu den größten und schönsten zählt der 215 Meter lange und 175 Meter breite Rynek, der Marktplatz. Liebevoll sanierte Bürgerhäuser mit barocken Fassaden oder solchen im Jugendstil oder aus der Renaissance säumen ihn. Hier weben staunende Touristen, Einheimische auf Einkaufstour, Straßenmusiker und frisch gebackene Absolventen einer Militärakademie einen Teppich aus Farben und Geräuschen. Auch abends pulsiert hier Leben – rund 650.000 Einwohner, davon fast 150.000 Studenten, bevölkern die vielen Restaurants, Bars und Clubs ringsum.

Mitten auf dem Platz thront das gotische Rathaus in seiner mittelalterlichen Pracht und Würde. Stofftapeten und schwere Samtvorhänge, Stuck und Schnitzwerk zieren sein Inneres. In seinem Keller, der größten Schankstube der Stadt, sollen schon Chopin und Goethe gepichelt haben. Letzterer notierte allerdings auch: "Die Stadt stinkt". Aber das war, bevor die weitverzweigten Kanäle und Nebenflüsse der allgegenwärtigen Oder Ende des 18. Jahrhunderts gründlich saniert wurden.

Heute sitzt und flaniert man wunderbar am Wasser – sei es auf den zwölf Oderinseln, in einem der vielen Parks oder am neu angelegten Yachthafen, dessen Geschicke – wer sonst – ein Zwerg steuert.

Text und Fotos: Bettina Bernhard (storymacher)

Anreise: Mit dem Auto über die A6 und A4 (Nürnberg, Chemnitz, Dresden, Wroclaw) oder über die A6 und D5 (Nürnberg, Prag, Wroclaw) oder über die A38 (Würzburg, Erfurt, Leipzig, Dresden, Wroclaw). Die Bahn fährt mit ICE oder IC von Stuttgart nach Dresden, von dort 3 mal täglich nach Breslau. Oder mit ICE oder IC nach Berlin. Von dort verkehrt ein IC-Bus der Bahn nach Breslau. Mit dem Flugzeug: Direktflüge von Düsseldorf mit Germanwings, von Dortmund mit Wizzair, von Frankfurt und München mit Lufthansa. Alternative ist ein Flug bis Berlin und von dort mit dem IC-Bus der Bahn weiter nach Breslau.
Unterkunft: Arthotel **** ein hübsches Stadthotel mit fußläufiger Entfernung zur Altstadt. DZ/F ab 84 Euro. Tel. +48 71 78 77 400, www.arthotel.pl; Hotel Topacz **** eine stilvoll umgebaute historische Schlossanlage vor den Toren der Stadt, perfekt zum Ausspannen nach anstrengenden Touren. DZ/F ab 70 Euro. Tel. +48 71 771 99 99, www.zamektopacz.pl
Allgemeine Informationen: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030 / 21 00 92-14, www.polen.travel.de, www.wroclaw.pl (Stadt Breslau), www.wroclaw2016.pl (Kulturhauptstadt).