Altöttinger Liebfrauenbote

Papstbotschaft zum 50. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel – Soziale Medien im Fokus

Wahrheitsfuror oder Chance?

Zum Weltmedientag am 24. Januar, dem Fest des hl. Franz von Sales, hat Papst Franziskus auch heuer eine Botschaft veröffentlicht. Im Fokus waren dabei vor allem soziale Medien wie Facebook & Co. In Zeiten, in denen die Medien im Internet vielfach auch für Verschwörungstheorien, Hetze und Propaganda genutzt werden, gilt einer Botschaft des Hl. Vaters besondere Aufmerksamkeit. – Ein Kommentar.

Die Papstbotschaft in deutscher Übersetzung auf Radio Vatican ...

Der "Tante-Emma-Laden" ist ein beeindruckend erfolgreiches Konzept. Weil er halt praktisch ist: man konnte dort früher einkaufen, was es eben so gab, und nebenbei von der Ratschkathel erfahren, was der kleine Maxl von nebenan schon wieder alles angestellt hat. Dieses "Tante-Emma-Laden"-Konzept ist so erfolgreich, dass es mittlerweile globalisiert wurde: das Internet ist ein riesengroßer "Laden"! Tante Emma heißt heute Amazon oder Zalando, und man kann dort einkaufen, was es eben so gibt, und den Job von der Ratschkathel haben soziale Medien wie Facebook & Co. übernommen – die erzählen alles, was so passiert in der Welt. Das ist so weit eigentlich ganz praktisch. Eigentlich.

Genaugenommen ist das alles ein bisschen komplizierter, weshalb der 1967 von Papst Paul VI. eingeführte Weltmedientag heutzutage mehr Beachtung verdient hat. Am 24. Januar, dem Fest des hl. Franz von Sales, veröffentlichte Papst Franziskus auch heuer eine Botschaft, in der er die modernen Kommunikationsmittel grundsätzlich verteidigt: "Auch E-Mail, SMS, soziale Netze und Chat können Formen ganz und gar menschlicher Kommunikation sein. Nicht die Technologie bestimmt, ob die Kommunikation authentisch ist oder nicht, sondern das Herz des Menschen und seine Fähigkeit, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut zu nutzen", schreibt der Papst. Er gibt aber auch zu bedenken: "Die sozialen Netze sind imstande, Beziehungen zu begünstigen und das Wohl der Gesellschaft zu fördern, aber sie können auch zu einer weiteren Polarisierung und Spaltung unter Menschen und Gruppen führen. Der digitale Bereich ist ein Platz, ein Ort der Begegnung, wo man liebkosen oder verletzen, eine fruchtbare Diskussion führen oder Rufmord begehen kann."

"... mir san ja ned im Dschungelcamp!"

Der Facebook-Post der Polizei Oberbayern Süd.
Der Facebook-Post der Polizei Oberbayern Süd.

Mit den negativen Folgen der Kommunikation im Internet schlägt sich derweil die Polizei herum, wie z.B. ein ebenso humorvoller wie verzweifelter "Post" (Nachricht) des oberbayerischen Polizeipräsidiums Süd auf Facebook vom 15. Januar verdeutlicht: "... mir san ja ned im Dschungelcamp!", steht da geschrieben, und: "Lassts eich ned jedn Schmarrn auftischen!" Das Polizeipräsidium erklärt: "Immer wieder werden wir mit Falschmeldungen und Gerüchten konfrontiert ... Diese Hoaxes (Anm. d. Red.: Englisch für Falschmeldung) verbreiten sich dann wie ein Lauffeuer ..." Die Gerüchteküche im Internet brodelt, und nicht selten muss dann die Polizei die Suppe auslöffeln.

'Naja, das gab's ja auch früher schon', mag sich der eine oder andere jetzt denken, doch etwas hat sich verändert. Statt mit weiblicher Intuition und langjähriger Erfahrung präsentiert die "moderne Tante Emma" ihr Sortiment nach genau kalkulierten Algorithmen, und die Informationen im Internet fließen in einem Tempo, dass sogar die plappernde Ratschkathel ins Stottern kommt. Mathematik kennt keine Fehler: die von Amazon kalkulierten Buchtipps etwa sind perfekt auf den jeweiligen Nutzer zugeschnitten, und auch Facebook & Co. liefern mit mathematischer Präzision genau die Informationen, die man am liebsten liest. Und genau hier beginnen die Probleme.

Gerüchte und Verschwörungstheorien

Gezielt werden Lügen über das Internet gestreut, russische Propaganda nutzt derzeit sehr erfolgreich die zunehmende Angst vor Flüchtlingen ...
Diese Seite deckt Gerüchte über Asylsuchende auf ...

Auch im kleinen "Tante-Emma-Laden" von früher hatte jeder sein eigenes Bild von der Ratschkathel und vom kleinen Maxl, und schnell eine Meinung, was nun wirklich geschehen sei. Das ist normal und auch gesund. Wer Informationen erhält, ordnet sie sofort ein, auch wenn das zu vorschnellen und oftmals falschen Urteilen führt; im Dorf gibt es genügend Gelegenheit, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, und wenn die Recherche Überraschendes zutage fördert, dann lernt man eben dazu. Ganz anders im Internet: Wir werden permanent mit (Schreckens-)Nachrichten konfrontiert, die aber eigentlich erst geprüft werden müssten. Doch zum Recherchieren, Sortieren, Dazulernen bleibt keine Zeit. Wer aber überfordert ist, der sucht sich Schutzräume, auch im Internet, und die findet er in Blogs, Foren oder Facebook-Gruppen Gleichgesinnter, denen man am ehesten vertraut. Statt dazuzulernen, wird der Nutzer hier jedoch nur in seinen (Vor-)Urteilen bestärkt. Und das Internet liefert einem dazu die Informationen – kostenlos und exakt für den "Kundenbedarf" berechnet, jedoch ohne Hinweis auf deren Wahrheitsgehalt ...

Während sich also die sozialen und auch die klassischen Medien einen Wettbewerb liefern, wer am schnellsten informiert, ziehen sich immer mehr Nutzer in Gruppen zurück, wo sie sich in ihren Meinungen gegenseitig bestärken. Gerüchten wird dann mehr geglaubt als recherchierten Nachrichten, Verschwörungstheorien sind hier beliebter als jede sachliche Auseinandersetzung. Die Folge ist eben jene Polarisierung der Gesellschaft, vor der auch der Papst warnt, und die sich derzeit nicht nur in den Medien bemerkbar macht.

Informationen sind schnell zu haben, die Wahrheitssuche aber braucht Zeit

Im Internet wird viel gelogen und gehetzt, aber es geht auch anders: vielfach geteilt wurde über Facebook u.a. dieser Beitrag einer deutschen Soldatin mit Migrationshintergrund.
Im Internet wird viel gelogen und gehetzt, aber es geht auch anders: vielfach geteilt wurde über Facebook u.a. dieser Beitrag einer deutschen Soldatin mit Migrationshintergrund.

Sehr gut beobachten ließ sich dieser Trend in der – teils hysterisch geführten – Diskussion um die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln. So schrecklich die Ereignisse dort und anderswo auch waren, kaum dass sie öffentlich wurden, hatten die meisten bereits ein Urteil gefällt: Übertreiben die einen, indem sie von Massenvergewaltigungen sprechen, verharmlosen die anderen die Vorfälle als Ausrutscher. Statt die Aufarbeitung abzuwarten, kursieren Verschwörungstheorien, wonach Politik und Medien die Wahrheit manipulierten oder unter den Teppich kehrten – nur dass niemand schlüssig erklären kann, wie ausgerechnet in der heutigen, äußerst komplexen und schwer kontrollierbaren Medienlandschaft Informationen systematisch unterdrückt werden könnten ... Dieser Wahrheitsfuror kann einem fast noch mehr Angst einjagen als die "Kölner Ereignisse" selbst. Denn: Informationen sind schnell zu haben, die Wahrheitssuche aber braucht Zeit!

Nun haben Polizei und klassische Medien im Zuge der "Kölner Ereignisse" tatsächlich Fehler gemacht. Doch Fehler lassen sich korrigieren, Falschmeldungen aber lassen sich nicht mehr zurückholen: die Polizei kommt kaum noch hinterher, Gerüchte zu dementieren – teils werden von interessierter Seite auch gezielt Lügen gestreut, z.B. über angeblich von Flüchtlingen vergewaltigte Frauen. Auf der anderen Seite nutzen auch islamistische Terroristen Gerüchte und Verschwörungstheorien, um neue Anhänger zu rekrutieren.

Papst: Worte können Brücken spannen

"Nicht die Technologie bestimmt, ob die Kommunikation authentisch ist oder nicht, sondern das Herz des Menschen und seine Fähigkeit, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut zu nutzen", schreibt der Papst. Auch Bischöfe nutzen Facebook & Co. wie diese Screenshots der Seiten von Bischof Oster, Erzbischof Schick oder des Erzbistums Hamburg belegen ...

Und der Papst findet die sozialen Medien trotzdem irgendwie gut? Naja, Franziskus hat erkannt, dass sich auch der kleine "Tante-Emma-Laden", den es früher gab, heutzutage nicht vor Informationen aus dem Internet schützen ließe. Was da ist, ist eben da. Das Internet lässt sich nicht einfach so abschalten. Die Frage ist eher, wie man damit umgeht. Papst Franziskus erklärt also in seiner Botschaft: "Worte können Brücken spannen zwischen Menschen, Familien, sozialen Gruppen und Völkern. Und das im physischen wie im digitalen Bereich. Mögen daher Worte und Taten so beschaffen sein, dass sie uns helfen, aus den Teufelskreisen von Verurteilungen und Rache auszusteigen, die Einzelne und Nationen weiterhin gefangen halten und zu hasserfüllten Äußerungen führen."

Und dann sagt Franziskus noch was Interessantes: Manche hielten ja eine "auf Barmherzigkeit gegründete Sicht der Gesellschaft" für "unentschuldbar idealistisch". Doch sollten wir "die menschliche Gesellschaft nicht als einen Raum verstehen, in dem Fremde Konkurrenz machen und versuchen sich durchzusetzen, sondern vielmehr als ein Haus oder eine Familie, wo die Tür immer offen steht und man versucht, einander anzunehmen". Die Begegnung von Kommunikation und Barmherzigkeit sei vor allem dann fruchtbar, wenn sie uns anderen Menschen nahe sein lässt.

Man kann dies als Aufruf lesen, sich auch in den sozialen Medien einzumischen, mitzumischen, damit die Hetzer und Lügner nicht das letzte Wort behalten, aber auch, um vielleicht die "andere Seite" besser kennenzulernen. Das ist schwierig, keine Frage, aber in jedem Fall besser, als die Dinge einfach so laufen zu lassen. So oder so sei aber jedem noch einmal der praktische Ratschlag des Polizeipräsidiums Süd ans Herz gelegt: "Lassts eich ned jedn Schmarrn auftischen!"

Text: Michael Glaß / Screenshots: red