Altöttinger Liebfrauenbote

Der Kampf um Obdach und die Bewahrung des Lebensraums – Misereor-Fastenaktion 2016

"Das Recht ströme wie Wasser"

Beispielhaft für den Kampf um Recht und Gerechtigkeit in Brasilien und unter dem biblischen Leitwort "Das Recht ströme wie Wasser" stellt Misereor die beiden Partnerorganisationen CPT und CGG in den Mittelpunkt der Fastenaktion 2016.

Neu ist, dass die Fastenaktion in diesem Jahr gemeinsam mit dem CONIC, dem Rat der christlichen Kirchen in Brasilien, durchgeführt wird. Auch in der brasilianischen "Campanha da Fraternidade Ecumênica (CFE, "Kampagne der Geschwisterlichkeit") geht es um die Wahrung der Rechte auf Wasser und sanitäre Grundversorgung. Gemeinsam mit den brasilianischen Kirchen ruft Misereor zur Beteiligung an der Fastenaktion auf. Die Aktion wird so zum Symbol für "die Sorge um das gemeinsame Haus" (Papst Franziskus). Die Fastenaktion 2016 wird bundesweit am ersten Wochenende der Fastenzeit in Würzburg eröffnet. Am 14. Februar 2016 um 11 Uhr gibt ein von der ARD live übertragener Gottesdienst im Dom St. Kilian das Startsignal und ruft die Gläubigen in bundesweit rund 10.000 Pfarrgemeinden zum Mitmachen auf. Zu diesem Gottesdienst bringen Wallfahrer aus Osnabrück, wo 2015 die Fastenaktion eröffnet wurde, zu Fuß das große Misereor-Hungertuch nach Würzburg. Höhepunkt der Fastenaktion ist der fünfte Sonntag der Fastenzeit, der 13. März 2016. Dann werden in allen katholischen Gottesdiensten die Gläubigen um Spenden für Menschen in Not gebeten. Die Fastenkollekte erbrachte im vergangenen Jahr über 13 Millionen Euro. Die Misereor-Fastenaktion endet am Ostersonntag.

Pimental: Vom Staudamm bedroht

Am Fluss der Lebens: Viele 1000 Kilometer nördlich von São Paulo, mitten im Regenwald und am Ufer des Flusses Tapajós gelegen, befindet sich der kleine Ort Pimental.
Am Fluss der Lebens: Viele 1000 Kilometer nördlich von São Paulo, mitten im Regenwald und am Ufer des Flusses Tapajós gelegen, befindet sich der kleine Ort Pimental. 850 Menschen leben hier ein einfaches, aber gutes Leben, wie sie immer wieder betonen.
Leben am und mit dem Fluss: Der Alltag der Menschen in Pimental spielt sich zwischen Fischen und Feldarbeit ab. Der Tapajós, ein Nebenfluss des Amazonas, ist Badezimmer, Waschküche, Geschirrspüler und Freibad in einem.
Leben am und mit dem Fluss: Der Alltag der Menschen in Pimental spielt sich zwischen Fischen und Feldarbeit ab. Der Tapajós, ein Nebenfluss des Amazonas, ist Badezimmer, Waschküche, Geschirrspüler und Freibad in einem. Doch ein Staudamm bedroht die Idylle.
Eine Karte zeigt: Sollte der Staudamm gebaut werden, sind 80.000 Menschen davon betroffen.
Sollte der Staudamm gebaut werden, sind 80.000 Menschen davon betroffen. Auch Pimental würde in den Wassermassen des Stausees untergehen. Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen trotz großer Versprechen gar nicht oder nur unzureichend entschädigt werden.

Blutige Landkonflikte, entrechtete Bevölkerungsgruppen, Todesdrohungen gegen Landarbeiter. So stellt sich die aktuelle Situation im Amazonasgebiet Brasiliens dar. Der Bundesstaat Pará ist seit Jahren geprägt durch das enorme Spannungsfeld zwischen der dort lebenden traditionellen Bevölkerung auf der einen Seite sowie großindustriellen Entwicklungsvorhaben der brasilianischen Regierung und großflächiger Exportlandwirtschaft auf der anderen. Am Amazonas-Zustrom Tapajós ist ein gigantisches Staudammprojekt mit sieben Staustufen geplant. Der größte der Staudämme wird 53 m hoch und 7,6 km lang sein und einen Stausee von 123 km Länge erschaffen.

Das Großprojekt gefährdet den natürlichen Lebensraum der dort lebenden indigenen Gemeinschaften. Das Leben der indigenen Flussanrainer, der "ribeirinhos", am Ufer des Tapajós ist eng mit dem Fluss verbunden. Pimental ist ein Fischerdorf mit etwa 850 Einwohnern. Wird das Staudammprojekt wie geplant realisiert, ginge Pimental in den Fluten des Staudamms unter. Die Bauern und Fischer wären ihrer angestammten Heimat beraubt.

Illegaler Holzeinschlag, Landspekulation und Fälle von Korruption sind weitere Probleme, unter denen die Anwohner der Region leiden. Schon in den 1970er-Jahren des letzten Jahrhunderts begann die Militärregierung mit der Erschließung dieses damals noch dicht bewaldeten Gebiets durch große Viehzuchtbetriebe. Diese Politik provoziert bis heute blutige Landkonflikte, denen vor allem Landarbeiter und Gewerkschaftsführer zum Opfer fallen. In den letzten 20 Jahren sind über 200 Morde zu verzeichnen.

Die Kommission für Landpastoral der Prälatur Itaituba (Comissão Pastoral da Terra, CPT) begleitet den Widerstand der Lokalbevölkerung in Pará gegen die Staudammpläne. Der Projektpartner von Misereor setzt auf die Verteidigung der Würde dieser Menschen und unterstützt die indigenen Völker der Region, Arbeitssklaven auf den Farmen sowie Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bei der Einforderung ihrer Rechte. Dazu führt die CPT Informationskampagnen durch, über die sie die Öffentlichkeit, verantwortliche Regierungsstellen sowie Menschenrechtsorganisationen auf die sozialen und ökologischen Folgen von Großprojekten aufmerksam macht. Darüber hinaus berät und begleitet der Misereor-Partner betroffene Menschen der Landbevölkerung bei Gesprächen mit Behörden und bietet ihnen Rechtsberatung an. Die Mitarbeiter der CPT überprüfen kritisch die Regierungspolitik vor Ort und nehmen an öffentlichen Anhörungen mit Umweltbehörden teil. Im Falle von illegalen Machenschaften und mangelhafter Kontrolle der Ämter schaltet die Kommission notfalls die nationale Kontrollinstanz für Behörden ein. Auf diese Weise stärkt die CPT die Position der Betroffenen und verschafft ihren Stimmen auf politischer Ebene Gehör.

São Paulo: Gestrandet in der Großstadt

Blick auf São Paulo.
São Paulo – Große Kluft zwischen Arm und Reich: 20 Millionen Menschen leben in der Metropolregion São Paulo, dem größten und dicht besiedeltesten städtischen Ballungsgebiet Südamerikas. Hier ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß.
An den Stadtrand gedrängt: Obwohl viele Gebäude in São Paulo leer stehen, siedeln immer mehr Menschen am Stadtrand in Favelas.
An den Stadtrand gedrängt: Obwohl viele Gebäude in São Paulo leer stehen, siedeln immer mehr Menschen am Stadtrand in Favelas. Dort leben sie in einfachen Holzhütten. Die Versorgung mit Strom und Wasser ist prekär.
Réne Ivo Gonçalves vom Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos, einem Zentrum "für Rechte von Menschen ohne Rechte".
"Der einzelne ist verwundbar, die Gruppe macht stark", sagt Réne Ivo Gonçalves vom Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos, einem Zentrum "für Rechte von Menschen ohne Rechte" und begleitet Wohnungsbauprojekte für die Bewohner in den Armenvierteln.

Die brasilianische Megametropole São Paulo ist mit 21 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Südhalbkugel und das am dichtesten besiedelte Ballungsgebiet Südamerikas. Die Stadt hat eine rasante Entwicklung hinter sich: Seit 1965 verdoppelte sich die Stadtfläche von 700 km² auf etwa 1.500 km². Das Wachstum geschah weitgehend ohne städtische Planung und auch die städtische Infrastruktur kam nicht hinterher. An der Peripherie sind Unterkünfte und Infrastruktur besonders prekär.

Das Zentrum ist heute von hohen Miet- und Immobilienpreisen geprägt, ärmere Stadtbewohner wurden bereits während der Militärdiktatur in die Peripherie verdrängt. In São Paulo leben daher über zwei Millionen Menschen in innenstadtfernen Elendsvierteln. Dort wohnen sie in Hütten, meist am Flussufer oder an Abhängen, oder in abbruchreifen Häusern und Massenquartieren (sogenannten cortiços). Viele von ihnen nehmen Gelegenheitsjobs im Zentrum wahr, doch einen sehr hohen Anteil ihres niedrigen Einkommens müssen sie für die Zahlung des öffentlichen Personennahverkehrs ausgeben. Kinder und Jugendliche können ihrer Schulpflicht oft nicht nachkommen.

Mit Demonstrationen und Protesten trägt die Zivilgesellschaft der Politik ihre berechtigten Forderungen nach Wohnraum vor. Nicht nur während der Vorbereitungszeit von Großereignissen, z.B. der Fußball-WM 2014, sondern insgesamt kam es in den vergangenen Jahren seitens der Stadtverwaltung immer wieder zu Zwangsräumungen und Vertreibungen von Familien in verschiedenen Stadtbereichen São Paulos. Die Zahl der Obdachlosen steigt seit einigen Jahren dramatisch an und verdoppelte sich innerhalb der letzten zehn Jahre auf 15.000 Menschen. Für viele Heranwachsende ist das Leben auf der Straße ein täglicher Überlebenskampf.

Das Menschenrechtszentrum Centro Gaspar Garcia (CGG) im Zentrum von São Paulo kämpft für die Verteidigung der Rechte der Menschen, die in prekären Wohnverhältnissen leben oder Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden. Auch diese Menschen haben ein "Recht auf Wohnen" und ein "Recht auf Stadt". "Das Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos ist ein Zentrum für Rechte von Menschen ohne Rechte", sagt René Ivo Gonçalves, einer der Direktoren und Mitbegründer des CGG, welches nach Ende der Militärdiktatur 1988 ins Leben gerufen wurde.

Seit 1993 fördert Misereor das Zentrum, welches Obdachlosen und Bewohnern von Elendsvierteln kostenlose Rechtsberatung, Selbsthilfegruppen und Beratung beim Aufbau und bei der Strukturierung von Genossenschaften anbietet. "Das CGG macht eine tolle Arbeit. Sie tun, was sie können und helfen uns viel. Sie kämpfen mit uns für unser Bleiberecht. Die Rechtsanwälte stehen uns zur Seite, haben ein offenes Ohr und geben gute Ratschläge", berichtet Valmir Leonardo dos Santos, Bewohner eines Armenviertels in São Paulo.
Die brasilianische Politik der letzten Jahre hat weit über 30 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Sie können sich mehr leisten, sie sind durch ein gewisses Mehreinkommen Konsumenten geworden. Der Aufschwung hat sich aber nicht auf eine funktionsfähige Infrastruktur ausgewirkt: Wohnungen, sanitäre Grundversorgung, Gesundheit, Bildungschancen und öffentlicher Nahverkehr sind weitgehend genauso prekär wie vorher. Auch deshalb wurde das Thema der Fastenaktion aus dem Bereich der Infrastruktur gewählt.

Text: red, Fotos: Florian Kopp/MISEREOR