Altöttinger Liebfrauenbote

Eine Reise zum Nationalheiligtum von Costa Rica

Der Zauber Mariens

"Ob man gläubig ist oder nicht, die Basilika füllt die Herzen aller", hat jemand anonym in ein Pilgerforum geschrieben. In Costa Rica, jenem Staat in Mittelamerika, der gemeinhin mit seiner faszinierenden Natur und nachhaltigem Tourismus assoziiert wird, steht die Basilika in der Stadt Cartago für religiösen Zusammenhalt, für ein gewichtiges Stück Identität.

Eine Pilgerin betet vor dem winzigen Gnadenbild des Nationalheiligtums von Costa Rica.
Eine Pilgerin betet vor dem winzigen Gnadenbild des Nationalheiligtums von Costa Rica.

Das im Zentraltal gelegene Gotteshaus ist Nationalheiligtum, seit dem 17. Jahrhundert wird hier ein kleines Marienbildnis verehrt: Nuestra Señora de los Ángeles, "Unsere Liebe Frau von den Engeln". Und das bringt alljährlich am 2. August die halbe Nation bei der landesweit größten Wallfahrt in Bewegung. Dann treffen geschätzte zwei Millionen Pilgerinnen und Pilger ein, dann erlebt Cartago ein unvergleichliches Glaubenszeugnis.

"Manche Pilger brauchen sechs bis acht Tage, um hier aus den entlegensten Winkeln des Landes anzukommen", so Graciela Pérez Jiménez, Pressesprecherin der Basilika in Cartago. Der organisatorische Aufwand ist immens, alleine 400 Freiwillige arbeiten als Heiligtumsführer und empfangen die zahlreichen Pilger. Auf die religiösen Festakte am 1. und 2. August folgt am 3. August die festliche Überführung des Marienbildnisses von der Basilika in die Kathedrale von Cartago. Dort bleibt es bis zum ersten Wochenende im September und kehrt dann an seinen altangestammten Platz in der Basilika zurück.

Fünf legendäre Funde

In den Abendstunden hinterlässt die illuminierte Kirche "Unsere Liebe Frau von den Engeln" einen besonders starken Eindruck.
In den Abendstunden hinterlässt die illuminierte Kirche "Unsere Liebe Frau von den Engeln" einen besonders starken Eindruck.

Den Aufschluss darüber, warum "Unsere Liebe Frau von den Engeln" in Cartago verehrt wird, gibt eine Legende, die auf ein Jahr um 1635 weist. Das exakte Jahr verliert sich im Dunkel der Überlieferung. Fest steht der Legende zufolge jedoch, dass es ein 2. August ist, an dem Juana Pereira, eine arme Mulattin, wie jeden Morgen in den Wald geht, um Brennholz zu sammeln. Plötzlich entdeckt sie auf einem Stein ein winzig kleines Marienbildnis. Die junge Frau denkt sich nichts dabei, nimmt es aber nach Hause mit und bewahrt es in einer Kiste auf. Gegen Mittag kehrt Juana in den Forst zurück und findet eine Marienskulptur an derselben Stelle wieder. Was dies zu bedeuten hat, ahnt Juana Pereira nicht. Sie ergreift das Bildnis und trägt es aufs Neue nach Hause, um es neben das andere in der Kiste zu legen - doch das Bildnis vom Morgen ist verschwunden! Neugier treibt die junge Juana wieder in den Wald, wo sie das Bildnis zum dritten Mal auf dem Stein entdeckt, mitnimmt und daheim feststellen muss, dass die Kiste wieder leer ist. Die Sache kommt ihr nicht geheuer vor. Aufgebracht läuft sie zum örtlichen Pfarrer, erzählt ihm die sonderbare Geschichte und übergibt ihm das Bildnis. Der Geistliche nimmt es an sich und sichert Juana zu, er würde es näher untersuchen, sobald er Zeit dazu fände.

Tags darauf geht Juana wie üblich zum Feuerholzsammeln und kann kaum glauben, was sie da sieht: Die kleine Marienfigur steht abermals vor ihr auf dem Felsen. Ihr Herz rast. Sie rennt zum Pfarrer und bittet ihn mitzukommen, was er in Begleitung einiger anderer tut. In einer kleinen Prozession bringen sie das Bildnis nun zur Kirche, der Pfarrer gibt ihm im Tabernakel einen mutmaßlich sicheren Platz. Tags darauf ist es wie von Geisterhand verschwunden. Das Figürchen Mariens mit dem Kinde ist – wie konnte es anders sein – zu dem Felsen zurückgekehrt.

Erst jetzt, beim nunmehr fünften Fund, begreifen sie allesamt die stille Botschaft, die von den Geschehnissen ausgeht: Genau an diesem Punkt will Maria ein Haus für sich und alle haben, die sie verehren würden. Auf eine erste bescheidene Kapelle folgt der Bau der majestätischen Basilika mit ihrem Säulenwald, wie man ihn heute sieht. Inmitten des Altarraums nimmt das Bildnis samt goldglänzendem Thron einen Ehrenplatz ein – und ist mittendrin dennoch leicht zu übersehen. Das Figürchen "Unserer Lieben Frau von den Engeln" misst gerade einmal 20 Zentimeter.

Besinnlichere Zeiten

Von Kappen bis Waffen: skurrile Verbotsliste am Eingang zur Basilika in Cartago.
Von Kappen bis Waffen: skurrile Verbotsliste am Eingang zur Basilika in Cartago.

Wer eine ruhigere Atmosphäre schätzt, sollte außerhalb des Wallfahrtstrubels nach Cartago kommen – und das am besten zur frühen Abendzeit. Sobald die Dämmerung heraufzieht und sich des Tages letzter Sonnenglanz über die Häuser und nahen Bergrücken legt, liegt das Kuppelensemble des Heiligtums am schönsten da und strahlt mit seiner Beleuchtung in Weiß-, Orange- und Blautönen einen regelrecht magischen Zauber aus. Derart angestrahlt, wirkt die Hauptfassade der Basilika wie ein riesiges Retabel, das übermächtig auf seine Betrachter einstürzt.

Passiert man den Haupteingang zur Basilika, befremdet ein kurioses Plakat. Kombinationen aus Kurztexten und Illustrationen mahnen an, dass Kaugummikauen und Schmuseszenen im Innern untersagt sind. Gleichermaßen ist es ausdrücklich verboten, die Basilika mit einer Kopfbedeckung in Form von Kappen zu betreten. Zudem darf man weder Waffen noch Fahrräder mitbringen ...

Der Abendgottesdienst hält eindrucksvoll vor Augen, mit welcher Freude die "Ticos", wie sich die Costaricaner selber nennen, den Glauben leben. Heute, an einem gewöhnlichen Montag, sind die Reihen bestens gefüllt. Und die Gesänge dringen bis weit hinaus auf den Vorplatz. Später, nachdem die Pforten geschlossen worden und die letzten Gläubigen auf dem Nachhauseweg sind, erlischt die Prachtbeleuchtung der Basilika – doch der Zauber wirkt lange nach.

Text und Fotos: Andreas Drouve