Altöttinger Liebfrauenbote

Vor 500 Jahren wurde das Reinheitsgebot für Bier erlassen – Eine Rundreise zu Klosterbrauereien und Ausstellungen

Brauen mit himmlischem Beistand

Am Georgstag des Jahres 1516 gab es in Ingolstadt ein Ereignis, das Biertrinker noch immer zu schätzen wissen. Die gemeinsam regierenden Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. erließen in Übereinkunft mit Vertretern der Kirche und des Adels sowie Abgesandten der Märkte und Städte die Bayerische Landesordnung. In ihr findet sich ein Passus, der für untergäriges Bier die Urformel des heute geltenden "Vorläufigen Biergesetzes" enthält: "Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen." Grund genug für eine kleine Rundreise zu Klosterbrauereien und Ausstellungen.

Sr. Doris von den Mallersdorfer Schwestern stößt mit einem Besucher des Altöttinger Klostermarkts an. Auch die Mallersdorfer Schwestern liefern Wasser für die Jubiläumssude in Aldersbach.
Sr. Doris von den Mallersdorfer Schwestern stößt mit einem Besucher des Altöttinger Klostermarkts an. Auch die Mallersdorfer Schwestern liefern Wasser für die Jubiläumssude in Aldersbach.

Das vor 500 Jahren verkündete "Reinheitsgebot" ist Anlass für zahlreiche Ausstellungen. Aber wann genau ist nach heutiger Zeitrechnung sein Festtag? Dem Mainzer Kirchenkalender zufolge fällt der Georgstag auf den 23. April, richtet man sich nach dem Salzburger Kirchenkalender, wird er erst einen Tag später begangen, wie Rainhard Riepertinger erklärt. Er ist Kurator der in Aldersbach stattfindenden Landesausstellung "Bier in Bayern".

Riepertinger hebt hervor, dass die Klöster einen grundlegenden Beitrag zur Braukunst geleistet haben. Denn dort gab es im Mittelalter unter den Mönchen die ersten Spezialisten des Brauwesens. Das wird gern im Zusammenhang mit dem Fasten gesehen. Da war nahrhaftes Bier gefragt, denn "Flüssiges bricht das Fasten nicht". In der von Anne Mahn im Mannheimer Technoseum kuratierten Schau "Bier. Braukunst & 500 Jahre Reinheitsgebot" erfährt man, dass Abt Wilhelm von Hirsau um 1080 Ausführungsbestimmungen für die während der Schweigezeit der Mönche geltende Zeichensprache festlegte. Zeichen für "Bier" war das freudige Aneinanderreiben der Hände.

Jahreszins über 30 Eimer Bier

Blick auf den Stiftsbezirk St. Gallen mit St. Laurenzen im Hintergrund.
Blick auf den Stiftsbezirk St. Gallen mit St. Laurenzen im Hintergrund.

Die ersten mittelalterlichen Zeugnisse des Bierbrauens nördlich der Alpen beziehen sich auf das Kloster Sankt Gallen. Im dortigen Stiftsarchiv wird die älteste datierte Bierurkunde des deutschsprachigen Raums aufbewahrt. Es handelt sich um einen anno 754 ausgestellten Schenkungsvertrag: Rothpald überschrieb dem Kloster aus Sorge um sein Seelenheil Güter, die er jedoch weiterhin selbst nutzen wollte. Dafür wurde ein Jahreszins fällig, zu dem 30 Eimer (etwa 800 Liter) Bier gehörten.

In der Stiftsbibliothek wird der berühmte St. Gallener Klosterplan gehütet. Dieser um 830 von Mönchen auf der Bodenseeinsel Reichenau gezeichnete Idealentwurf einer wirtschaftlich autarken Klosterstadt wurde vom dortigen Abt Heito seinem St. Gallener Amtsbruder Gozbert geschenkt. Er sieht 52 Gebäude vor, unter denen sich nicht weniger als drei Brauereien befinden. Ob und inwieweit ihn die St. Gallener Benediktiner in Bauwerke umsetzten, ist nicht bekannt. Seit vier Jahren jedoch wird in Baden-Württemberg daran gearbeitet, ihn gebaute Realität werden zu lassen. Die Klosterbaustelle in der Nähe von Meßkirch, auf der am frühen Mittelalter orientiert alles in Handarbeit bewerkstelligt wird, heißt "Campus Galli".

Weltenburg: älteste noch praktizierende Klosterbrauerei

Klosterbrauerei Weltenburg.
Gärkeller in der Klosterbrauerei Weltenburg.
Gärkeller in der Klosterbrauerei Weltenburg.

Die nach eigenem Bekunden älteste noch praktizierende Klosterbrauerei der Welt liegt in Bayern. Und zwar idyllisch an der Weltenburger Enge, dem Eingang des Donaudurchbruchs. Um 1050 übertrug Benno ein Gut als Seelenheilsstiftung an das Kloster Weltenburg. Das Gut wollte er weiterhin selbst nutzen. Zu dem von ihm dafür entrichteten Jahreszins gehörten acht Scheffel Malz. Daraus wird auf die Bierproduktion der Mönche geschlossen.

Das heutige Erscheinungsbild der Benediktinerabtei, deren Innenhof einen der schönsten Biergärten Bayerns beherbergt, geht auf Baumaßnahmen des 18. Jahrhunderts zurück. Ihr Höhepunkt ist die ab 1720 von dem Maler und Architekten Cosmas Damian Asam und seinem als Bildhauer und Stuckator tätigen Bruder Egid Quirin Asam prunkvoll ausgeschmückte Klosterkirche. Das Deckenbild des Gemeinderaums zeigt die in Anwesenheit "aller" Heiligen vollzogene Marienkrönung durch die Heilige Dreifaltigkeit. Der Hochaltar wartet mit einer dramatischen und doch anmutigen Skulpturengruppe auf: Zu Pferde kämpft der Kirchenpatron Georg mit flammender Lanze gegen den Drachen, um die erschrocken die Arme hebende Prinzessin zu retten.

Zur Finanzierung des Kirchenbaus trugen nicht zuletzt die Einnahmen aus dem Verkauf des im Kloster gebrauten Bieres bei. Besondere Spezialität sind noch immer würzige dunkle Sorten. Seit 1973 ist die Klosterbrauerei Weltenburg an die Regensburger Brauerei Bischofshof verpachtet. Dieses 1649 von Fürstbischof Franz Wilhelm Graf von Wartenberg gegründete Brauhaus befindet sich bis heute in Kirchenbesitz. Das Kloster Weltenburg war 1803 wie die anderen Klöster des Landes vom bayerischen Staat säkularisiert worden, wurde jedoch 1842 von König Ludwig I. wiederbegründet.

Aufstieg Münchens zur "globalen Biermacht"

Zunftlade der Münchner Brauer, 17. Jh., mit Ergänzungen von 1724; das mittlere Bild des Deckels zeigt den heiligen Bonifatius, der die Arbeit des Bierbrauens unterstützen und beschützen möge.
Zunftlade der Münchner Brauer, 17. Jh., mit Ergänzungen von 1724; das mittlere Bild des Deckels zeigt den heiligen Bonifatius, der die Arbeit des Bierbrauens unterstützen und beschützen möge; ausgestellt ist die Zunftlade im Münchner Stadtmuseum.
Maßkrug in Form der Münchner Frauenkirche, um 1890.
Maßkrug in Form der Münchner Frauenkirche, um 1890 ...
Bierkrug in Form des "Münchner Kindls".
und ein Bierkrug in Form des "Münchner Kindls", 1909; beide Krüge sind ausgestellt im Jüdischen Museum München.
 

In der Säkularisierungswelle von 1803 wie auch in der Einführung der Gewerbefreiheit 1868 sieht Ursula Eymold wesentliche Voraussetzungen für den Aufstieg Münchens zur "globalen Biermacht". Sie ist Kuratorin der Schau "Bier.Macht.München" im dortigen Stadtmuseum. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Doch auch die vorangegangenen Jahrhunderte werden beleuchtet.

So ist etwa die Zunftlade (17. Jh.) der Münchner Brauer ausgestellt. Sie ist dem heiligen Bonifatius geweiht, der die Arbeit des Brauens unterstützen und beschützen möge. Bis heute erneuern beim alle zwei Jahre stattfindenden Brauertag die Direktoren der sechs Münchner Großbrauereien ihren Braueid auf die Einhaltung des dem bayerischen vorausgegangenen Münchner Reinheitsgebotes vor der aufgeklappten Zunftlade. Zwei der Großbrauereien gehen auf klösterliche Braustätten zurück: Paulaner und Augustiner. Sowohl in dieser Ausstellung als auch in der im benachbarten Jüdischen Museum präsentierten Schau "Bier ist der Wein dieses Landes" fällt auf, dass die Darstellung gut genährter Mönche auf Werbemitteln und Maßkrügen für allerhöchsten Biergenuss bürgen soll.

In der von Bernhard Purin und Lilian Harlander kuratierten Schau wird erstmals die Geschichte und Gegenwart des Biers in der jüdischen Kultur gewürdigt. Lange Zeit wurde der Hopfenhandel von jüdischen Händlern maßgeblich mitbestimmt. Zudem war die Bemalung und Ausformung von Bierkrügen, die zuweilen als Mönch oder Turm der Frauenkirche auftreten, sowie deren Ausstattung mit Zinndeckeln ein hauptsächlich von jüdischen Münchnern entwickeltes und betriebenes Gewerbe.

Landesausstellung in Aldersbach

Darstellung des St. Florian in der Klosterkirche in Aldersbach; St. Florian gilt u.a. als Schutzpatron der Bierbrauer.
Darstellung des St. Florian in der Klosterkirche in Aldersbach; St. Florian gilt u.a. als Schutzpatron der Bierbrauer.
Blick in das Sudhaus der Brauerei Aldersbach.
Blick in das Sudhaus der Brauerei Aldersbach; hinten an der Wand neben dem Kruzifix eine Darstellung der Klosteranlage.

Um zu unterstreichen, dass Bayerns Bierkultur untrennbar mit ihren klösterlichen Wurzeln verbunden ist, wird die Landesausstellung "Bier in Bayern" in Aldersbach gezeigt. Schauplatz ist das ehemalige Zisterzienserkloster, in dessen Gebäuden ebenso die Brauerei Aldersbach residiert.

Eine Attraktion ist die freilich restaurierungsbedürftige Klosterkirche "Mariä Himmelfahrt", die ab 1720 von den Brüdern Asam ausgeschmückt wurde. Das zur Sicherung mit einigen Pflastern versehene Hauptdeckengemälde zeigt die Weihnachtsvision des heiligen Bernhard. Zum plastischen Figurenschmuck eines Nebenaltars gehören der Bierbrauerpatron St. Florian und St. Georg, an dessen Namenstag das Reinheitsgebot erlassen wurde.

Die Gesamtanlage ist Musterbeispiel für eine bayerische Klosterherrschaft, die die Erträge der Landwirtschaft und Brauerei dazu nutzten, Kirche und Konventsgebäude von den besten Künstlern ihrer Zeit ausgestalten zu lassen. Bier wird seit 1268 im Kloster gebraut. Die 1803 an den Staat gefallene Klosteranlage mitsamt Brauerei wurde 1811 an den Freiherrn Johann Adam von Aretin verkauft.

Die noch immer von der Familie geführte Brauerei präsentiert zur Landesausstellung zwei ganz besondere Biere. Braumeister Peter Wagner berichtet: "Unser Ziel ist es, dass wir mit diesen beiden Bieren dem ziemlich nahe kommen, was vor 500 Jahren gebraut wurde." Ergebnisse sind das kräftige, kastanienrote "Konventbier" und das leichtere, sandsteinfarbene "Pfortenbier". Der Clou daran ist, dass das Brauwasser nicht nur aus Aldersbach stammt, sondern auch von elf bayerischen Klosterbrauereien geliefert wurde. Unter ihnen befinden sich die Männerklöster Kreuzberg und Weltenburg sowie die Frauenklöster Ursberg und Mallersdorf.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: Veit-Mario Thiede 7, Roswitha Dorfner 1, Wolfgang Terhörst 1

Tipps und Termine

Ausstellungstipps

  • "Bier. Braukunst & 500 Jahre Reinheitsgebot." Bis 24. Juli 2016 im Technoseum Mannheim. Internet:
    www.technoseum.de
  • "Bier in Bayern." Kloster Aldersbach. Internet: www.landesausstellung-bier.de. Für die beiden Jubiläumssude gaben neben der Brauerei Aldersbach folgende Klosterbrauereien, die noch heute in Ordensbesitz sind oder ehemals waren, das Wasser: Mallersdorf, Baumburg, Ettal, Reutberg, Scheyern, Weihenstephan, Irsee, Ursberg, Weltenburg, Weissenohe und Kreuzberg. Einen guten Eindruck von der Klosterkirche vermittelt ein musikalisch unterlegter Videoclip auf You Tube: https://www.youtube.com/watch?v=LMxpmMoS9_U

Ausflugstipp

Buchtipp

  • Gunther Hirschfelder, Manuel Trummer: Bier. Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute. Theiss Verlag, 24,95 Euro