Altöttinger Liebfrauenbote

Interview mit Kapuzinerbruder Paulus Terwitte zu den "Panama-Papers"

"Rücksichtsloser moralisch sein"

Nach den "Panama Papers" sieht Bruder Paulus Terwitte Christen im Kampf gegen schmutziges Geld gefordert. Der Ethiker und Kapuziner findet die Enthüllungen empörend und wünscht sich mehr Zivilcourage.

Br. Paulus Terwitte.
Br. Paulus Terwitte.

Was haben Sie gedacht, als Sie von den Enthüllungen gehört haben?
Bruder Paulus: Ich habe gedacht 'Gut, dass wir gerade Ostern hinter uns haben!' Wir haben an Gründonnerstag und Karfreitag gesehen, wohin Verrat eigentlich führt. Und leider müssen wir sagen, dass Menschen immer wieder Verrat praktizieren. Menschen an den Schalthebeln der Macht, die sich ungesehen an Kanälen bedienen, an die man sonst einfach nicht herankommt.

Worin genau liegt dieser Verrat?
Der Verrat liegt darin, dass Politiker und Geschäftsleute ja eigentlich dem Gemeinwohl verpflichtet sind, sich aber nicht daran halten.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Diesen Menschen fehlen schlicht gute Freunde, die ihnen ins Gewissen reden. Ich verstehe gar nicht, wie Menschen, die doch eigentlich genügend haben und dennoch versuchen, immer mehr an Land zu ziehen, später überhaupt noch in den Spiegel gucken können. Aber wo das Herz des Menschen offensichtlich nicht mehr auf das Gewissen hört, da werden wir versuchen müssen, mit Kontrollen Dämme aufzurichten. Ob es gelingt, wissen wir nicht.

Denken Sie, dass Aufklärung auch automatisch Abschreckung bedeuten wird?
Es ist immer schrecklich, wenn Menschen nur aus Angst anfangen, moralisch zu werden; denn dann bleiben sie genauso egomanisch wie vorher auch. Mir wäre es lieber, dass sie beginnen einzusehen, dass sie nicht einfach alles tun können, was theoretisch möglich wäre mit ihrer Macht und ihrem Geld. Und dass sie am Ende nur das tun, was sie auch wirklich dürfen. Diese Selbstbeschränkung zu predigen, bleibt Aufgabe aller Religionen, also den Menschen zu sagen: 'Ihr habt eine Berufung, allen Menschen zu dienen mit dem, was ihr habt!' Abschreckung dagegen bringt die Moral nicht nach vorne.

Glauben Sie, dass die Affäre um die sogenannten Panama Papers das Vertrauen der Bürger in 'die da oben' weiter erschüttert?
Auf jeden Fall! Und das macht mich besonders traurig. Dass wir denen, die ohnehin pessimistisch auf unsere Gesellschaft blicken, die sagen, 'alle bereichern sich nur und die da unten, die lässt man immer nur sinken', dass die jetzt wieder einmal Recht bekommen. Ich hoffe einfach, dass es den Aufstand der Anständigen noch gibt, die dann auch tatsächlich noch mal die Dinge beim Namen nennen. Wir müssen einfach rücksichtsloser moralisch sein - handeln, klare Worte finden, im Falle eines Falles auch Leute anzeigen. Die können sich dann ja verteidigen. Ich glaube immer noch an den Rechtsstaat; aber wir sollten wirklich immer versuchen, Dinge aufzudecken, die schieflaufen. Nicht schweigen, sondern reden! Ein österliches Tun.

Die Kirchen können predigen und die Menschen zur Moral anhalten. Können sie noch mehr tun?
Ja, denn sie haben viele Mitglieder, die in allen gesellschaftlichen Schichten sitzen. Und da merke ich auch, dass die Katholiken und Protestanten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung viel stärker bewusstwerden müssen. Das Christentum ist nicht nur für die heilige Halle, es ist auch was für die Welt. In Personalräten, Betriebsräten, Rechtsanwaltskanzleien, Steuer-büros und Wirtschaftsbüros und politischen Büros brauchen wir Christinnen und Christen, die mit der Kraft des heiligen Geistes aufstehen, wenn sie interne Dinge sehen, die nicht gut sind und dann sagen 'Leute - Stopp!' und die dann vielleicht auch mal Kopf und Kragen riskieren. Diese Art von Märtyrertum wird dringender denn je gebraucht für das Heil der Welt.

Interview: Uta Vorbrodt, www.domradio.de, Foto: Rubén Zárate