Altöttinger Liebfrauenbote

Im St.-Josef-Haus in Berlin Neukölln finden Kinder aus schwierigen Verhältnissen ein Zuhause – Unterstützung durch Erstkommunionaktion des Bonifatiuswerkes

Eine neue Heimat und Zufluchtsort

"Eine Liebe, die sich gewaschen hat", so lautet das diesjährige Motto der Erstkommunionaktion des Bonifatiuswerkes. Das Leitwort prägt derzeit bundesweit in allen Gemeinden die Erstkommunionvorbereitungen. Jedes Jahr feiern knapp 200.000 katholische Kinder in Deutschland in den Wochen nach Ostern ihre Erstkommunion. An ihrem Festtag sammeln sie für die Kinderhilfe des Bonifatiuswerkes. Sie unterstützen u.a. ambulante Kinderhospizdienste, Kinderheime und Kinderdörfer, Jugendsozialeinrichtungen, Suppenküchen, religiöse Kinderwochen und die Glaubensweitergabe in Regionen, in denen sehr wenige Katholiken leben. U.a. helfen sie auch dem Kinder- und Jugendhaus St.-Josef in Neukölln.

Kinderhaus St. Josef in Berlin: Kinder beim gemeinsamen Spielen.
Kinderhaus St. Josef in Berlin: Kinder beim gemeinsamen Spielen.

Unscheinbar steht es an einer Straßenecke wie auch andere Mietskasernen in Berlin-Neukölln. Erst das Klingelschild bietet einen Hinweis, was sich im Innern verbirgt. "Wir sind ein Haus, das Kindern eine neues Zuhause bieten will", sagt Monika Kießig mit einem herzlichen Lächeln. Die Sozialpädagogin ist Leiterin des Kinder- und Jugendhauses St. Josef der Caritas. Kinder ab sechs Jahren, deren Eltern nicht in der Lage sind, sie selbstständig zu erziehen, werden im St.-Josef-Haus aufgenommen. Viele verbringen hier ihre Kindheit und Jugend. Rund 30 Heranwachsende zwischen sechs und 18 Jahren finden hier "eine neue Heimat", sagt Kießig.

Darunter ist auch die 16-jährige Monique. "Mumu", wie sie von den Kindern und Jugendlichen hier genannt wird, wohnt in der "Jugendgruppe" und näht in ihrer Freizeit gern Klamotten. Eine Maschine hat sie sich zu Weihnachten gewünscht und bekommen. "Ich sehe das Haus als mein Zuhause", sagt die 16-jährige Blondine. "Ich bin so lange da und ich möchte auch nicht zurück", sagt Mumu. Seit 13 Jahren wohnt sie bereits in St. Josef und ist damit eine der ältesten Bewohnerinnen. Kontakt zu ihrem Vater besteht nicht, die Mutter sieht sie regelmäßig einmal in der Woche. Noch häufiger sieht sie ihren Bruder Rüdiger.

"Das St. Josef-Haus ist mein zweites Zuhause"

Monique und ihr Bruder Rüdiger spielen mit Heimleiterin Monika Kießig ein Gesellschaftsspiel.
Monique (l.) und ihr Bruder Rüdiger (r.) spielen mit Heimleiterin Monika Kießig (M.) ein Gesellschaftsspiel.

Der 12-Jährige wohnt zwei Stockwerke über Mumu in der Gruppe für Jüngere. Monique und Rüdiger haben eine Art Zeichensprache entwickelt, um durch die Fenster hindurch miteinander zu kommunizieren, wenn sie mal nicht die verwinkelten Gänge des Heims ablaufen wollen. Die beiden unternehmen viel gemeinsam: Mal hilft die Schwester ihrem Bruder bei Hausaufgaben in der Schule, mal spielen die beiden Gesellschaftsspiele. Und manchmal bringt Rüdiger seine Matratze in das Zimmer von Mumu und beide schlafen dann in einem Raum.

"Der frühe Vogel kann mich mal", steht über dem Bett von Mumu geschrieben. Sie lacht. Auch ihr Bruder hat so seine Vorlieben fürs Ausschlafen und Liegenbleiben im Bett, obwohl er ganz gerne in die Schule geht. Rüdiger lebt seit zehn Jahren in St. Josef. "Man gewöhnt sich, wenn man länger hier ist", sagt der 12-Jährige. "Es ist mein zweites Zuhause." Dass Kinder die Einrichtung als ihr Zuhause betrachten, sei nicht selbstverständlich, sagt Leiterin Kießig. "Das kommt nicht allen über die Lippen." Denn das würde heißen, dass sie bei ihren Eltern nicht zuhause sind, erklärt Kiesig. "Das verlangen wir nicht."

Glaubensvermittlung als Angebot

Ein gemeinsames Tischgebet vor dem Abendessen.
Ein gemeinsames Tischgebet vor dem Abendessen.

Das Kinder-und Jugendhaus möchte den Kindern einen Lebensraum bieten, in dem sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen machen können, die sie für ihr weiteres Leben stärken. Das Bonifatiuswerk hat dieses Vorhaben mit 25.000 Euro unterstützt. Mit diesem Geld wurde der karge Hinterhof in einen Garten verwandelt, in dem die Kinder die Schätze der Natur kennenlernen können. "Wir schätzen die Arbeit des Kinder- und Jugendhauses sehr, denn es gibt nichts wichtigeres, als junge Menschen im Glauben zu verwurzeln", verdeutlicht der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Msgr. Georg Austen die Bedeutung des Projektes.

Eine Figur des hl. Josef befindet sich in der kleinen Eingangshalle, auch Kreuze hängen an den Wänden in dem katholischen Haus in der Diaspora Berlins. Gegründet wurde die Einrichtung vor über 100 Jahren von Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu. Bis vor zehn Jahren lebten sie selbst mit den Kindern hier. Anschließend übernahm die Caritas das Haus.

Aber Religiosität und Glauben wird von den Kindern nicht verlangt. Und dennoch kommen die jungen Bewohner in dem Caritas-Haus mit Glauben in Berührung. Kirchliche Feste wie Weihnachten oder Ostern werden gemeinsam begangen und die Katechetin der benachbarten Kirchengemeinde ist oft zu Gast. Die meisten Bewohner sind nicht einmal getauft, dennoch gehen viele Sternsingen oder besuchen eine konfessionelle Schule.

Kein Ersatz für die Eltern

Steven ist 18 Jahre alt und lebte vier Jahre lang in dem Kinderheim. Nun steht er auf eigenen Beinen.
Ann-Kathrin Reker und Lena Reiher aus dem Bonifatiuswerk präsentieren das diesjährige Plakat zur Kommunionaktion, das die Geschichte der Fußwaschung aus dem Johannesevangelium zeigt.
Ann-Kathrin Reker und Lena Reiher aus dem Bonifatiuswerk präsentieren das diesjährige Plakat zur Kommunionaktion, das die Geschichte der Fußwaschung aus dem Johannesevangelium zeigt.

"Wir erzählen von Religion und Glauben auf eine Weise, die nicht aufdringlich ist", sagt Kießig. Ihre Kollegin Bettina George pflichtet bei. Ihr Anliegen als Katholikin sei, dass die Kinder etwas vom christlichen Glauben mitbekommen. Als Angebot. So hält sie es auch mit den Tischgebeten in ihrer Gruppe, manche bleiben ruhig sitzen, andere beten mit. 24 Jahre, so lange arbeitet sie als Erzieherin in dem Haus, hält sie es so.

In der langen Zeit im Haus hat sie viele Kinder kommen und gehen sehen. "Wir versuchen nicht, die Eltern zu ersetzen", sagt die 48-Jährige. Dennoch liegen ihr die Kinder von St. Josef am Herzen: "Die Kinder sind ein Stück meines Lebens, eine erweiterte Familie." Und wenn die Kinder volljährig werden oder die häusliche Situation es zulässt, dass sie zurückgehen und das Heim verlassen, dann "lässt man sie gern gehen". Es gibt aber auch Fälle "mit einem großen Fragezeichen." Sie wären in dem Heim besser aufgehoben, müssen aber gehen, weil etwa das Jugendamt die Finanzierung streicht.

Ein Fragezeichen hatte anfangs auch Steven, allerdings als er vor einigen Monaten aus St. Josef ausgezogen ist. "Die ersten Wochen waren hart", sagt der 18-Jährige heute. Er musste sich an die Situation gewöhnen, alleine zu sein, denn "hier in St. Josef war immer was los." Das "Betreute Einzelwohnen", ein Erzieher aus dem Heim kümmerte sich weiterhin um ihn, hat ihm geholfen, sich einzuleben und auf eigenen Beinen zu stehen. Im Moment macht er eine Ausbildung zum Dachdecker und will auch sein Fachabitur nachholen.

Stevens Vater hat die Mutter verlassen, sie ist alkoholabhängig und so kam er als 13-Jähriger in die Einrichtung. Auch nach seinem Auszug kommt Steven regelmäßig in das St.-Josef-Haus. Häufig zum Gespräch mit den jetzigen Bewohnern und Erziehern, die er nach vier Jahren in dem Heim noch immer kennt. Es sei eine Art Zufluchtsort für ihn, sagt er. "Es ist ein Stück Familie, zu der ich nach Hause komme und Hallo sage."

Text: red; Fotos: Markus Nowak 4, Patrick Kleibold (r.u.)